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Krimi: Langsam geträufeltes Gift

"Sie können eine Menge lernen von Lynley", hatte Webberly gesagt. Sie runzelte nachdenklich die Stirn. Was konnte sie schon von Lynley lernen? Welchen Wein man zu welchem Fleisch bestellt, ein paar Tanzschritte, wie man einen Raum voller Menschen mit charmanter Konversation blendete? (Elizabeth George, "Gott schütze dieses Haus")

Weihnachten! Und danach die dunklen Tage "zwischen den Jahren". Da haben wir für Sie nach Patricia Cornwells Leichenschmaus (stern Nr. 49/2005), Robert Harris' Geschichtsthriller (stern Nr. 50/ 2005) und Lee Childs Brachialkrimi (stern Nr. 51/2005) doch was hübsch Besinnliches ausgesucht. Oder etwa nicht?

Elizabeth Georges "Gott schütze dieses Haus" kommt mit Zutaten daher, die Lady-Krimis mit Schauplatz England schon seit Agatha Christie so erfolgreich machen. Da ist zunächst der - selbstverständlich - adelige Scotland-Yard-Mann Thomas Lynley (der achte Earl of Asherton) mit seiner adeligen Freundin und einem ganz exquisiten Freundeskreis.

Der Inspektor ermittelt im Fall eines einst frommen Mannes, den der brave Dorfpfarrer enthauptet in der Scheune findet. Lynley zur Seite arbeitet Detective Sergeant Barbara Havers, sein proletarisches Gegenstück, ungebildet, ungeschminkt, ungehobelt. Das Ganze spielt zudem in einem malerischen Dorf in Yorkshire, welches so auch schon bei Dorothy Sayers hätte stehen können.

Also: Kuscheldecke raus, Weihnachtskerzen an und gemütlich loslesen? Ein Krimi nur für Mutti?

Da kennen Sie uns aber schlecht! Denn schon nach wenigen Seiten wird so was wie ein kalter Hauch unter Ihre Decke kriechen, ganz gleich ob Sie Mann sind oder Frau. Elizabeth George träufelt Gift in ihr Buch, ein langsam wirkendes, aber ein nachhaltiges. Aus dem scheinbar einfachen Fall - ein Geständnis gibt's schon nach ein paar Seiten - erwächst das peinigende, verstörende Porträt einer kaputten Dorf- und Familiengemeinschaft. Und eine schmerzhafte Geschichte von seelischem und körperlichem Missbrauch. Das Ganze ist so bitter, dass das bisschen Klischee-Süßstoff, das uns George gönnt, geradezu notwendig erscheint: Lynley und Havers lernen einander (ausschließlich beruflich) schätzen, was sie in weiteren Romanen zu einem der beliebtesten Ermittlerpaare der Gegenwart macht.

Elizabeth George, Jahrgang 1949, ist Amerikanerin und lebt in Kalifornien; die Krimis um das Duo Lynley/Havers sind mehrfach preisgekrönt, wurden in rund 20 Sprachen übersetzt und millionenfach verkauft. Die immer wieder gestellte Frage, warum ihre Bücher in England spielen, quittiert sie inzwischen nur noch mit müdem Lächeln: England sei eine Passion, die sie nicht erklären könne.

Unser Fazit: "Gott schütze dieses Haus" kommt (fast) ohne blutrünstige Details aus. Und bietet trotzdem irrwitzige Spannung und intelligente Unterhaltung, 384 Seiten lang. Das wird, versprechen wir Ihnen, reichen für die Zeit zwischen den Jahren.

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