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Lyrik: Frühlingserwachen

Der Frühling als Hochzeit der Gefühle hat von jeher die Dichter zu den wunderbarsten Kreationen inspiriert. Doch leider sind sie in den letzten Jahrzehnten aus der Mode gekommen.


Frühling läßt sein blaues Band
Wieder flattern durch die Lüfte
Süße, wohlbekannte Düfte
Streifen ahnungsvoll das Land
Veilchen träumen schon,
Wollen balde kommen
Horch, von fern ein leiser Harfenton!
Frühling, ja du bist's!
Dich hab ich vernommen!

Kaum einer kann es erwarten, dass er kommt, der Frühling. Auch einst Eduard Mörike nicht. Überhaupt hat der Frühling wie keine andere Zeit des Jahres Dichter und Poeten zu den wunderschönsten Gedichten inspiriert. Kein Wunder: Die Gefühle schlagen Purzelbäume, die langen, dunklen Tage des Winters sind vorüber, die Menschen strömen ins Freie, um die ersten Sonnenstrahlen zu erhaschen, und die Natur beginnt zu erwachen. All diese geballte positive Energie ist ein ideales Spielfeld für die Lyrik. So auch für Hermann Hesse:

In dämmrigen Grüften
träumte ich lang
von dein Bäumen und blauen Lüften,
von deinem Duft und Vogelsang
...

Blütezeit im 19. Jahrhundert

Die meisten so unvergänglich schönen Verse stammen aus dem 19. Jahrhundert, in dessen erster Hälfte die Romantik eine Blütezeit erlebte. Seit vielen Jahrzehnten werden Jahreszeiten-Gedichte kaum noch geschrieben. Der Lyriker und Literaturkritiker Harald Hartung (Berlin) sieht einen der Gründe dafür in der Verstädterung und der Entfremdung der Menschen von der Natur. Der Frühling mit seiner hoffnungsvollen Perspektive scheine den heutigen Dichtern besonders ferngerückt zu sein, vermutet Hartung.

Ist Ökolyrik out?

"Für viele moderne Dichter ist, wie für T.S. Eliot, der Frühling die grausamste Jahreszeit - ein Thema, das man allenfalls ironisch- skeptisch behandelt. Die Ökolyrik wirft allenfalls einen Blick auf abgestorbene Wälder." Auch in Romanen gebe es ja keine Liebenden unter blühenden Bäumen mehr, sagt Hartung weiter.

Einer der ersten Lyriker, bei dem eine solche Distanz deutlich wurde, war Stefan George (1868-1933). In seiner berühmten Sammlung "Das Jahr der Seele", die er mit 29 Jahren vorlegte, finden sich zwar noch Sommer-, Herbst- und Winter-, aber keine Frühlingsgedichte mehr.

Nahezu alle Traditionen der deutschsprachigen Naturlyrik, die noch in der jungen Bundesrepublik gepflegt wurden, seien mittlerweile abgerissen, konstatiert Bernd Busch, Generalsekretär der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung (Darmstadt). "Vielleicht ließe sich ja das Schwinden der poetisierten Frühlingsgefühle auch ganz anders beschreiben, als ein Rettungsversuch atmosphärischer Erfahrungen, die sich nicht mehr den alten literarischen Formen fügen", sagt Busch.

Zerstörte Natur hat dem Frühlingsdichten letzte Unschuldsvermutung entzogen

Was aber unterscheidet unsere heutigen Erfahrungsweisen von Natur in Mitteleuropa von denen früherer Generationen? Das "blaue Band des Frühlings" möge zwar unsere Gefühle immer noch anrühren, angesichts einer vom Menschen weitgehend umgewälzten Natur habe allerdings diese Bildwelt ihre Gehalte völlig verwandelt, erklärt Busch. "Dass die Frühlingsnatur uns als bereits durch und durch beschriebene und ausgestattete gegenübertritt, mag unsere Begeisterung beim Wochenendausflug nicht trüben, sie hat jedoch dem Frühlingsdichten die letzte Unschuldsvermutung entzogen. Diesem Dilemma lässt sich in Versform nicht entkommen."

Die Buchbranche jedoch stellt sich gegen den Trend: Im Deutschen Taschenbuch Verlag ist kürzlich der Band "Gedichte für einen Frühlingstag" erschienen. "Das Frühlingsbuch" hat der Insel Verlag herausgebracht. Für diejenigen, die lieber die Augen schliessen und geniessen, bietet der Deutsche Taschenbuch Verlag die schönsten Frühlingsgedichte zum Reinhören als mp3-Format. Auch der Handy-Generation soll die Poesie nicht vorenthalten werden: Im dem dtv-Bändchen "SMS-Lyrik - 160 Zeichen der Poesie" werden Lyriker des 19. Jahrhunderts, wie Joseph von Eichendorff, mit knappen Gedichten alltagstauglich gemacht.

Rudolf Grimm, DPA / DPA
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