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Oberitalienische Seen: Frühlingserwachen am Lago Maggiore

Im deutschen Winter sind die Seen Norditaliens ein sonniger Sehnsuchtsort. Am Lago Maggiore tummelten sich einst Adel und Jetset. Heute lässt sich hier die Eleganz der guten alten Zeit genießen.

Von Ralf Frädtke

Der Kapitän angelt. Sein Siegelring blitzt in der Abendsonne, die blaue Uniformjacke hat er auf eine Bank am Schiffsanleger der Isola Bella gelegt. So vertreibt er sich die Zeit, bis seine Passagiere wieder eintrudeln. Mit dem letzten Linienboot wird er sie zurück ans Festland bringen.

Die Tour zur Insel gegenüber von Stresa hat immer das wunderbare Barockschloss am Nordende zum Ziel, vor allem dessen pyramidenartigen Park, den Giardino Borromeo. Ich steige die Stufen der zehn übereinanderliegenden, üppig mit Säulen verzierten Terrassen hinauf, vorbei an verwitterten Marmorstatuen, Nymphen und Wassergöttern aus Stein. Pfauen spreizen sich dort auf dem Rasen; Kamelien und Magnolien, Pomeranzen und Oleander verströmen ihren Duft. Über einer muschelverzierten Grotte bäumt sich ein riesiges Einhorn auf, eines der Wappentiere der Eigentümerfamilie.

Wie "In einem anderen Land"

Der Lago Maggiore erinnert mich an eine ausgestreckte Katze, 66 Kilometer ist der See lang und im Norden eingebettet in eine hinreißende Bergkulisse. Am Westufer reihen sich prunkvolle Sommerresidenzen von Aristokraten aneinander, etwa die Villa Pallavicino oder die Villa Rusconi-Clerici in Verbania. An deren Privatanleger steigt eine elegante Dame aus einem Riva-Boot, dem Rolls-Royce unter den Yachten, ein junges Mädchen begrüßt sie mit Wangenküssen. Die beiden gehören zu einer Hochzeitsgesellschaft - wie viele der Palazzi am Lago wird das gräfliche Anwesen für Feste vermietet.

Stresa zählte im 19. Jahrhundert zu den vornehmsten Kurorten Italiens. Dem Adel folgten Jetset und Hollywoodstars, und Ernest Hemingways Roman "In einem andern Land" spielt sich zum Teil dort ab. Ich bin ganz verzaubert vom altmodischen Charme der Kleinstadt, sie wirkt, als läge sie in einer vergangenen, heilen Welt. Die gepflegte, üppig grüne Hafenpromenade mit ihren Königspalmen ist gesäumt von weinlaubüberwucherten Villen, einige von ihnen unbewohnt und vernachlässigt, als hätten sie vor der Moderne kapituliert. Zwischen den Königspalmen lassen sich immer wieder die Isola Bella und ihre Schwesterinseln sehen.

Romantische Laubengänge und gepflasterten Gassen

Mein Lieblingsritual am Nachmittag: auf der Terrasse des "Grand Hôtel des Îles Borromées" auf einem der verschnörkelten weißen Gartenstühle Platz zu nehmen, die so typisch für das Westufer sind, Jasmintee zu trinken und Scones zu essen, serviert von Kellnern in weißer Livree. Abends schlendere ich in die lebhafte, bodenständige Altstadt von Stresa, zu einem der vielen Restaurants auf der Piazza Cadorna, in dem sich Russen, Franzosen, Holländer drängeln - und natürlich Deutsche, die eine solide Liebe mit dem See verbindet.

Die Wirtschaftswundergeneration hatte sich in den Fünfzigern in den Lago Maggiore verguckt, weil dort der Süden begann, gleich hinter den Alpen, wo die Zitronen blühen, wenn zu Hause die Äste noch völlig blattlos sind. Fischerdörfer wie Cannobio stillten ihre Sehnsüchte nach romantischen Laubengängen und gepflasterten Gassen.

An Postkartenmotiven mangelt es auch heute nicht in diesem Dorf wenige Kilometer südlich der Schweizer Grenze. Die Piazza Vittorio Emanuele III etwa wird umhäkelt von den gelben, hellblauen und roten Fassaden historischer Bürgerhäuser und Palazzi. Unter Arkaden sitzen Urlauber in Cafés mit gestreiften Markisen, auf der breiten Ufertreppe sonnen sich Backpacker.

Die Ferienstimmung hat inzwischen auch das stillere östliche Ufer des Sees erfasst, die sponda magra, die im Norden karg, zuweilen fast noch wild ist. An der "mageren", lombardischen Seite kam der Tourismus viel später in Gang. Bis heute sind die Herbergen dort familiärer, die Strände urwüchsiger, die Orte unbehelligt vom Durchgangsverkehr - die Sonnenuntergänge über dem See aber genauso prächtig.

Als wir Ausflügler aus dem Borromeo-Garten zurück kommen, sonnensatt und etwas müde vom Treppensteigen, packt der Kapitän seine Angel ein und schaut zufrieden auf sein Abendessen: ein halbes Dutzend Rotaugen und Flussbarsche. In einem grünen Plastikeimer nimmt er sie mit an Bord.

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