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Gastbeitrag

Coronapandemie: Verschwörungstheorien sind nicht die Lösung – lasst uns diese Krise als Chance nutzen

Ihn erreichen täglich Hilferufe von notleidenden Künstlerfreunden: Leslie Mandoki ist Musikproduzent. Obwohl er selbst von der Coronapandemie betroffen ist, will er die Krise als Chance nutzen - und erteilt Verschwörungstheoretikern eine Absage. 

Ein Gastbeitrag von Leslie Mandoki

Leslie Mandoki

Leslie Mandoki hat sich während der Ausgangsbeschränkungen in sein Haus am Starnberger See zurückgezogen.

Jeder von uns ist auf seine Art persönlich von dieser Krise betroffen. Meine Ehefrau arbeitet als Allgemeinmedizinerin an vorderster Front. Durch sie werden mir täglich die Tragweite und die Konsequenzen der Pandemie überdeutlich vor Augen geführt. Eigentlich wäre ich jetzt mit meinen Soulmates in den USA unterwegs gewesen, aber hier und jetzt kommt es darauf an, das Hoffen zu lernen und unseren Blick auf künftige Lösungen und auch auf die Zeit nach der Pandemie zu richten. Dies wird uns nur dann gelingen, wenn wir mutig genug sind, unserem Opponenten zuzuhören, und aus Fehlern, die in dieser herausfordernden Zeit unvermeidbar sind, für die Zukunft zu lernen. Unsere gesellschaftliche Resilienz kann wachsen, wenn wir anfangen, die unterschiedlichsten Meinungen abzuwägen und auch Fehleinschätzungen, die sich in der Hitze des Gefechts etabliert haben, zu tolerieren. Denn die Wahrheit ist zumutbar, aber Toleranz für Intoleranz eben nicht. Lasst uns gegen die Verschwörungstheoretiker verschwören, indem wir sie anhören und robust und respektvoll widersprechen in einem wissensbasierten Diskurs.

In meiner Isolation erreichen mich Hilferufe von Künstlerkollegen, die jetzt am Rande ihrer Existenz stehen. Vor allem junge innovative Künstler, die sich im Aufbau ihrer Karriere befinden, konnten generationenbedingt durch den Paradigmenwechsel bei der Vermarktung ihrer Musikaufnahmen keine Rücklagen mehr bilden und fühlen sich buchstäblich von aller Welt allein gelassen. Deshalb ist es für mich bedeutsam, dass wir etablierten Musiker das Sprachrohr sind für unsere Kollegen, die jetzt vor riesigen Problemen stehen. Kultur braucht Vielfalt und es wäre eine Katastrophe für die Seele unseres Landes, wenn diese Vielfalt durch die Coronakrise ausgedünnt werden würde, und nur wir etablierten Künstler diese Strecke durchstehen würden.

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Vielfalt muss sich aber auch in den gesellschaftspolitischen Debatten zeigen. In einer pluralistischen Gesellschaft müssen wir als Demokraten den Dissens aushalten können und über die Themen moderat und differenziert reflektieren. Jedoch kann sich der öffentliche Diskurs als manipuliert anfühlen, wenn wir jetzt nicht alle den Filterblasen und Echokammern entkommen. Wir müssen den Wettstreit der Ansichten und den Diskurs über unterschiedliche Weltbilder wieder in die Mitte der Gesellschaft holen und es darf niemandem das Gefühl vermittelt werden, nicht gehört zu werden. Auch Verschwörungstheoretikern muss man zuhören, um ihnen widersprechen zu können. Wir müssen uns auch fragen, warum so viele Menschen in Verschwörungstheorien ihren Ängsten Ausdruck verleihen.

Durch die massiven Bedrohungsszenarien von Corona-Virus, Weltfinanzkrise, Eurokrise, Flüchtlingskrise, Digitalisierung ist zu viel im Umbruch, da braucht man visionäre Orientierung. Ja, diese Krise trifft viele sehr hart. Wir dürfen nicht verzagen. Schon gar nicht als Künstler. In Zeiten von Fake-News und Verschwörungstheorien ist Kunst und Kultur geradezu systemrelevant, um die gesellschaftliche Mitte zu stützen. Ich rufe meinen Freunden zu, diese Krise gemeinsam als Chance zu nutzen. Die gesellschaftliche Vollbremsung infolge der Bedrohung durch die Pandemie schafft Raum für neues Denken und eröffnet uns auch die Chance zu einer Kurskorrektur unseres gesellschaftspolitischen Leitbildes.

Die Achtsamkeit muss über die Gier siegen

Lasst uns dafür sorgen, dass die Achtsamkeit über die Gier siegt, die Menschlichkeit über die Gleichgültigkeit. Nach der Finanzkrise 2008 haben wir versäumt, unsere Gesellschaft zu erneuern. Hemmungslose Spekulanten frönen nach wie vor einem schamlosen Casinokapitalismus. Sie setzen auf fallende Kurse und verdienen am Elend dieser Welt.  Nicht die Finanzmärkte sollten das Geschehen bestimmen, sondern eine durch Menschlichkeit und Zusammenhalt erstarkte Gemeinschaft. Denn nicht die sogenannten Investment-Banker, sondern Krankenschwestern, Kassiererinnen in Supermärkten und alle, die trotz Gefahren für ihre eigene Gesundheit unsere Versorgung sichern, sind die erst jetzt erkannten Helden dieser Welt. Lasst uns gemeinsam eine neue Bewegung in Gang setzen. Gegen die Spaltung und für den Zusammenhalt.

Wir Musiker denken oft mit dem Herzen und durch unseren unerschütterlichen Glauben an die verbindende Kraft der Musik entstehen unsere Songs. Lasst uns mit Musik die Welt verändern. In Woodstock ist es unseren Vätern gelungen, aber das ist schon zu lange her. Achtet aufeinander und helft einander, denn jetzt zeigt sich der Zusammenhalt in unserer Gesellschaft.

Wie wir eines Tages auf diese Zeit zurückblicken werden, ist völlig ungewiss. Wir hören jetzt wieder häufig das Adjektiv ‚alternativlos‘, das in krisenhaften Herausforderungen seit über einem Jahrzehnt immer wieder als Totschlagargument verwendet wird. Was jedoch in Demokratien vor allem alternativlos ist: Die Debatte, der Diskurs in der Mitte der Gesellschaft über die Alternativen.

Ich habe die Hoffnung, dass wir nach Überwindung dieser Pandemie unsere Liebe zum Leben und unsere nicht zu bändigende Daseinslust wieder gemeinsam mit unserem Publikum ausleben können, aber wie ich vor Jahren in einem meiner Songs unseres Albums Aquarelle geschrieben habe: "I am not young enough to know everything."

Über den Autor:

Leslie Mandoki

Leslie Mandoki, 66, in seinem Tonstudio in Tutzing am Starnberger See. Der gebürtige Ungar, der 1975 nach Deutschland flüchtete, ist gut im Geschäft. Er besitzt eines der besten Tonstudios Europas. Nur einen Kilometer entfernt wohnt er mit seiner Frau Eva, einer Ärztin. Hier wuchsen auch die drei Kinder auf. Und Mandoki ist ein fleißiger Netzwerker. Die Telefonnummern von Literaturnobelpreisträger Imre Kertész und dem ehemaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow finden sich ebenso in seinem Handy wie die von Größen aus Wirtschaft und Kultur. Mandokis Leidenschaft gilt Rock und Jazz. 2019 ist sein neues Album "Living tn the Gap / Hungarian Pictures" erschienen.

DPA

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