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TV-Tipps des Tages für den 10.3.: Ein Film, der zutiefst verstört

Wann haben Sie zuletzt etwas wirklich Verstörendes im Fernsehen gesehen? Einen Film, der Sie kopfschüttelnd zurück gelassen hat? "Tokyo!" ist ein solches Werk - und deswegen unser TV-Tipp des Tages.

Einsam aus Überzeugung: Seit zehn Jahren hat dieser Mann (Teruyuki Kagawa) in Joon-ho Bongs Kurzfilm "Shaking Tokyo" sein Haus nicht mehr verlassen.

Einsam aus Überzeugung: Seit zehn Jahren hat dieser Mann (Teruyuki Kagawa) in Joon-ho Bongs Kurzfilm "Shaking Tokyo" sein Haus nicht mehr verlassen.

"Tokyo!" 22.55 Uhr, einsfestival
Ich dachte, mich könnte nichts mehr schocken. Folter, Sex, Gore und Splatter - welches Tabu sollte ein Film noch brechen können, um mich nachhaltig zu verstören. Dann kam "Merde", der Mittelteil des Episodenfilms "Tokyo!" über die japanische Supermetropole. "Merde" teilt die Menschheit in genau zwei unversöhnliche Lager: in jene Menschen, die laut "Bravo!" rufen und in jene, die sich schon während des Abspanns zum Erbrechen auf die Toilette zurückziehen.

Aber was sollten wir von Leos Carax ("Die Liebenden von Pont-Neuf", "Pola X") auch anders erwarten? Der französische Regisseur gilt als Enfant terrible der Filmbranche, dessen Leinwandexkursionen immer abstruser wurden, bis er sich schließlich auf der schwarzen Liste fast jeden Studios wiederfand.

Entsprechend hoch waren die Erwartungen, als Carax' Beteiligung an "Tokyo!" bekannt wurde. Und er lieferte ab: Aus den Tiefen der Tokioter Kanalisation kriecht ein verstörendes Wesen ans Tageslicht, das sich selbst nur "Merde" nennt - nach dem französischen Wort für "Scheiße". Merde (Denis Lavant), ein rothaariger, einäugiger Mensch mit seltsamen Zuckungen, benimmt sich jenseits aller gesellschaftlicher Konventionen: Er greift Menschen mit Behinderungen in den Schritt, spuckt auf Babys, stopft Geldscheine und Blumen in seinen Rachen. Die Medien stürzen sich begeistert auf die neue Sensation - bis Merde eines Tages mit Handgranaten aus der Unterwelt zurückkehrt - und damit um sich wirft.

Wer lieber konventionellere Kost konsumiert, liegt mit "Tokyo!" trotzdem nicht falsch. Ebenfalls sehenswert, aber deutlich zugänglicher sind die beiden Filme, die "Merde" einrahmen. In "Interior Design" erzählt Michel Gondry, wie ein junges Paar vom Lande (Ayako Fujitani and Ryō Kase) versucht, in der großen Stadt Fuß zu fassen. "Shaking Tokyo" behandelt das Phänomen der Hikikomori. So werden in Japan Menschen bezeichnet, die sich aus freien Stücken entschlossen haben, ihr Haus nicht mehr zu verlassen und den Kontakt zur Gesellschaft so weit wie möglich zu reduzieren.

Ein TV-Tipp von Jens Wiesner, freier Autor bei stern.de


Und das ist an diesem Tag noch sehenswert:

"Geheimnisvolle Orte: Stammheim"
23.30 Uhr, ARD
DOKUREIHE Im Norden Stuttgarts wird 1960 bis 63 der Stammheimer Gefängniskomplex auf die grüne Wiese gesetzt. Bis heute wiegen sich rundherum Getreidefelder im Wind. Eine Musteranstalt im Musterländle. 1974 entsteht im 7. Stock der Hochsicherheitstrakt. Baader, Raspe, Ensslin und Meinhof warten hier auf ihren Prozess. Für die einen ist Stammheim Synonym für den Staatsterror, anderen kritisieren laxe Haftbedingungen und sprechen von der Knast-WG. Und heute? Heute sorgt ein Herzschlagdetektor an der Torwache dafür, dass niemand unentdeckt rauskommt. Die Häftlinge verbringen bis zu 23 Stunden in ihren Zellen. Ingo Helm über einen geheimnisvollen Ort ohne jeden Zauber. (bis 0.15)

"Das Piano"
20.15 Uhr, Arte

DRAMA von Jane Campion. Neuseeland, 19. Jahrhundert: Die stumme Britin Ada (Holly Hunter) ist unglücklich mit Siedler Stewart (Sam Neill) verheiratet. Ihrem Nachbarn (Harvey Keitel) gibt sie intime Klavierstunden... Dreifach Oscar prämiertes Konzert der großen Gefühle. (bis 22.10)

Wie heißt der Film?
Hallo, seit langer Zeit bin ich auf der Suche nach einem Film, den ich vor ca. 25 Jahren gesehen habe. Es ist ein französischer Film von oder in der Art wie Eric Rohmer. Der Titel könnte "Betrug" oder ähnlich lauten. Es geht um eine Dreiecksgeschichte, bei der ein Mann von seiner Ehefrau und seinem besten Freund betrogen wird. Der Film erzählt seine Geschichte in Rückblenden und steigert die Spannung dadurch, dass der anfangs unwissende Zuschauer von Rückblende zu Rückblende mehr Informationen erhält, bis er gegen Ende sogar wissender ist als die Darsteller. Wie ein roter Faden zieht sich dabei die Frage durch den Film: Wer hat zu welchem Zeitpunkt was gewusst. - Ab wann wusste der betrogene Ehemann, dass er betrogen wurde? - Ab wann wussten die Betrüger, dass der Ehemann wusste, dass er betrogen wurde usw. Der Film beginnt äußerst langatmig. Wenn ich mich recht erinnere mit einer 20-minütigen fast statischen Kameraeinstellung. Zwei Personen (Ehefrau und Liebhaber) sitzen an einem Tisch eines sehr einfachen Restaurants. Aus dem Gespräch erfährt man, dass sie früher einmal ein Verhältnis hatten. Im Laufe der Unterhaltung verdichtet sich allmählich die Befürchtung, der Beste Freund/ Ehemann könnte eine Ahnung gehabt haben. Dann folgt die erste Rückblende. Dieses Prinzip von sich verdichtender Ahnung verstärkt sich immer mehr und verleiht dem Film eine - wie ich finde - einzigartige Dramaturgie. Wäre wundervoll, wenn jemand helfen könnte. Gruß Leo