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"Like"-Button: Sie hat den Daumen hoch auf Facebook erfunden - heute warnt sie vor ihm

Der "Like"-Button auf Facebook hat unsere Kommunikation revolutioniert. Leah Pearlman hat die Funktion maßgeblich mitentwickelt - und mahnt, dem begehrten Daumen weniger Relevanz einzuräumen.

Facebook: Erfinderin des "Like"-Button warnt vor dem Daumen hoch

Der "Like"-Button, also Daumen hoch, von Facebook ist im Social Web zu einer harten Währung avanciert. Zu Recht? (Symbolbild)

Leah Pearlman hat unser Leben verändert. Immerhin war sie maßgeblich an der Entstehung einer völlig neuen Maßeinheit beteiligt, die das Internet im Allgemeinen und unsere Kommunikation im Besonderen umgekrempelt hat: dem sogenannten "Like"-Button auf . Wem etwas gefällt, kann seiner Zustimmung einfach durch einen virtuellen Daumen hoch Ausdruck verleihen - beinahe jedes soziale Netzwerk bietet diese oder eine ähnliche Funktion mittlerweile an.

"Ich wollte zwei Probleme auf einmal lösen", erzählt die ehemalige Produktmanagerin des Social-Media-Giganten dem "Vice"-Magazin. "Wenn zum Beispiel jemand geschrieben hat 'Wir heiraten!', dann hattest du lauter Kommentare mit 'Glückwunsch!'." Allein ästhetisch habe das Pearlman nicht gefallen, "allerdings kam noch dazu, dass man die persönlicheren Kommentare unter den ganzen Redundanten kaum gefunden hat." Anschließend nimmt die Entwicklung des "Like"-Button ihren Lauf. Pearlmans Team wälzt Ideen, nennt die Funktion erst "Bomb-Button", später "Awesome-Button" - verwirft die Pläne aber wieder. "Verschiedene Symbole gelten in manchen Ländern als unangemessen. 'Awesome' klang zu jung, 'Love' zu kitschig.", erklärt die heutige Comic-Zeichnerin. "Dann hatten wir das Design und Mark (Zuckerberg, Anm. d. Red.) sagte: 'Es wird 'Like mit einem Daumen hoch. Baut es und raus damit. Fertig."


Ein Motto bei Facebook: "move fast, break things" 

Der Facebook-Gründer sei ein großes Vorbild von ihr. 2006 wechselt Pearlman, die Mathematik und Computerwissenschaften studiert hat, von der Softwareschmiede Microsoft zu dem sozialen Netzwerk. "Ich war 23 und da waren einfach 100 andere 23-Jährige, die zusammen im gleichen Büro gearbeitet haben.", schwärmt sie. "Alle waren sehr intelligent und witzig." Besonders Zuckerberg, den die Software-Expertin als einen ihrer "Lieblingsmenschen auf dem Planeten" bezeichnen würde, sei aus der Masse herausgestochen. "Er ist vor allem auch so genial, weil er eigentlich kein Perfektionist ist." Ein Facebook-Motto sei "move fast, break things" gewesen. "Und so war er auch drauf."

Der "Like"-Button entwickelt sich zu einer harten und gefragten Währung in dem sozialen Netzwerk, das mittlerweile rund 1,9 Milliarden Menschen auf dem Erdball nutzen. Traf der eigentlich simple Mechanismus doch einen fundamentalen Punkt in der menschlichen Psyche: das Bedürfnis nach Zustimmung. Die Kehrseite: Nicht selten schlägt dieses Bedürfnis in eine Abhängigkeit um - wie auch bei Pearlman selbst. "Vor zwei Jahren merkte ich dann allerdings, dass die Newsfeed-Algorithmen sich geändert hatten. Bestimmte Inhalte wurden dadurch nicht mehr so gut verbreitet." Die Produktmanagerin, die mittlerweile Comics zeichnet und diese damals wie heute via Facebook bewirbt, bekommt plötzlich weniger Likes. "Es war, als ob ich nicht genug Sauerstoff zum Atmen hätte."

"Da kann Facebook überhaupt nicht mithalten"

Sie beginnt, ihre Postings bei Facebook für Geld zu bewerben, um die ursprüngliche Aufmerksamkeit wiederherzustellen. Ein Umstand, der ihr peinlich sei. Schuldig oder verantwortlich für die Schattenseite des "Like"-Button fühlt sie sich allerdings nicht. "Es war damals die richtige Entscheidung und es gab einfach keine Alternative." Wenn Facebook die Funktion nicht entwickelt hätte, dann wäre ein anderes Unternehmen am Zug gewesen. Der Daumen hoch, in welcher Form auch immer, wäre so oder so gekommen. 

2011 verlässt Pearlman schließlich Facebook, um professionell Comics zu zeichnen. Noch heute postet sie fleißig Beiträge in dem sozialen Netzwerk. Allein schon, um die Werbetrommel für ihre Kunst zu rühren. Doch habe sie mittlerweile ein distanziertes Verhältnis zu den heiß begehrten "Gefällt mir"-Angaben. "Du willst einfach einen Haufen Likes. Und wenn das so ist, nur zu. Natürlich darfst du gemocht werden wollen.", meint die US-Amerikanerin. Nur müsse man diesen Umstand auch reflektieren. Denn "das Letzte, was wir meiner Meinung nach brauchen, ist noch mehr Selbstkritik. Ich glaube, das ist einer dieser Sachen, die diese Epidemie überhaupt erst verursacht haben. Zuerst kritisieren wir uns selbst und brauchen dann andere, um uns zu bestätigen."

Und der "Like"-Button habe noch eine weitere Schwachstelle: "Die Erfahrung externer Bestätigung lässt sich auch überhaupt nicht mit dieser echten, inneren Bestätigung vergleichen.", glaubt die ehemalige Facebook-Mitarbeiterin. "Wenn ich wirklich mit mir zufrieden bin, nachdem ich etwas getan habe, auf das ich unglaublich stolz bin - da kann Facebook überhaupt nicht mithalten."


fs
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