HOME
Aus der Community

"Ich bin ein Star – holt mich hier raus": Warum ich das Dschungelcamp nicht ironisch gucken kann

Es ist wieder Zeit, sich besser zu fühlen, weil es anderen schlechter geht: Wir gucken Dschungelcamp, wir erheben uns über andere – und wir alle meinen es natürlich rein ironisch, oder? Unser Community-Autor findet: Das geht nicht.

Von NEON-Community-Mitglied Bennet von der Laden

Evelyn Burdecki und Domenico de Cicco

Wenn die Winterdepression vor der Tür steht, hilft das Dschungelcamp: Sich besser fühlen, weil es anderen schlechter geht

Der Januar ist der schlimmste aller Monate. Im Januar ist schon länger Winter und langsam wundert sich niemand mehr, dass die Sonne länger weg als da ist. Das ist auch der Zeitpunkt, an dem bei vielen die Winterdepression einsetzt. Spätestens jetzt, wo die Weihnachtsbäume von Männern mit gelben Westen, aber ohne politische Forderungen entfernt werden, ist wirklich nur noch Winter. 

Im Januar fahren deutsche Promis in den Dschungel 

Um dieser alljährlich wiedererscheinenden Krankheit zu entkommen und ein bisschen Licht und Wärme in der eigenen Gedankenwelt zu verbreiten, hat jeder seine eigenen Wege gefunden. Während es manch einer mit Vitamin-D-Tabletten versucht, haben die Marketingabteilungen der Unterhaltungsindustrie schon längst ermittelt, was der durchschnittliche Deutsche wirklich braucht, um die Zeit zu überbrücken, bis es wieder grüner und wärmer wird, bis wieder authentischer Good-Life-Content auf unseren Lieblingsplattformen geteilt werden kann.

Im Januar fahren die Promis nach Australien in den Dschungel. Dort essen sie Abend für Abend Geschlechtsteile von Kängurus, lassen Vogelspinnen auf sich herumwandern und weinen dabei sehr viel. Dass diese Promis in Wirklichkeit in erster Linie Menschen sind, die mal siebter oder elfter Sieger in einer Datingshow geworden sind, ist nebensächlich. Sie scheinen schließlich allesamt Träger von genug Strahlkraft zu sein, um Unmengen an Hobby-Unterhaltungskritiker begeistern zu können. 

"Lieber schlechtes Essen als gar kein Essen"

Der einfachste und schnellste Weg, seine eigene missliche Situation als gar nicht mehr so dramatisch einzuschätzen, besteht darin, anderen dabei zuzusehen, wie es ihnen schlechter geht, als einem selbst. Das wissen wir seitdem wir gelernt haben, dass der Spinat im Kindergarten zwar mal wieder echt scheiße schmeckt, aber es irgendwo Kinder gibt, die genau diesen Scheißspinat gerne hätten. Und wenn wir den Promis, denen normalerweise auf so unfaire Weise das Geld und die Lebensfreude hinterhergeworfen wird, dabei zusehen, wie sie eklige Dinge tun, es ihnen schlecht geht und sie noch dazu sehr dumme Dinge von sich geben, deren Rezitation einen Lacher im Freundeskreis sichert, dann ist für eine Weile wieder Sommer in unseren Herzen. 

Amoralisches Handeln unter dem Ironie-Claim

Ja, ich weiß, das Dschungelcamp wird von allen natürlich nur ironisch geguckt, denn wir sind alle zu gebildet und zu oft mit Freunden brunchen, um sich ernsthaft von Trash-TV unterhalten zu lassen. Nur frag ich mich, worin der Unterschied besteht. Wenn man sich ironisch mit seinen Freunden zum IBES-Abend trifft, ironisch den Sekt kaltstellt und sich ironisch über andere Menschen erhebt, dann mag das zwar ironisch passieren – passieren tut es aber trotzdem, oder? Der Ironie-Claim ist lediglich der Versuch, sich selbst von amoralischem Handeln freizusprechen. 

Ich wünsche allen noch einen ironischen Restjanuar und freue mich auf die Zeit, in denen wieder komplett ernstgemeint zum See gefahren wird.

Ihr wollt, dass euer Text auch bei NEON.de erscheint? Dann schickt ihn an community@neon.de oder postet ihn direkt in der NEON-Community. Wir freuen uns auf eure Beiträge!

Dschungelcamp 2019: Die Nackt-Masche der Dschungelfrauen
Themen in diesem Artikel