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Journalistin berichtet Undercover im Löschteam von Porno-Seite: "Man kann nicht beurteilen, ob eine Person 17 ist oder 19"

Ein Mann hält ein Smartphone, auf dem eine Person in Unterwäsche zu sehen ist.
Wer kontrolliert, welche Inhalte auf Porno-Plattformen online bleiben dürfen? Das haben eine Journalistin und ein Journalist recherchiert. 
© Julian Stratenschulte/dpa
Die Journalistin Yannah Alfering und ihr Kollege haben unter falschem Namen im Löscharbeiterteam von xHamster recherchiert. Die Porno-Plattform soll fahrlässig mit hochgeladenen Fotos von Minderjährigen und Betroffenen sexualisierter Gewalt umgehen. 

Im Sexleben vieler Menschen dürften Gewaltinszenierungen, sehr jung aussehende Partnerinnen und Tränen keine allzu große Rolle spielen. Auf Porno-Plattformen sind sie beliebte Genres und Suchbegriffe. So beliebt, dass "Teen" im Jahresrückblick von "Pornhub" 2019 auf Platz 12 der meistgesuchten Begriffe landete. Doch wer kontrolliert, ob die Dargestellten volljährig sind? Ob sie ihr Einverständnis zu den Aufnahmen gegeben haben und die Fesselspiele tatsächlich nur Spiele waren?

Das haben eine Journalistin und ein Journalist des deutschen "Vice"-Magazins auf der Plattform xHamster über Monate recherchiert. Laut den Nutzungsbedingungen darf dort niemand Material hochladen, an dem er oder sie keine Rechte besitzt und in dem Menschen ohne deren Einverständnis zu sehen sind. In der Praxis, das habe die verdeckte Recherche in einem Team aus freiwilligen Löscharbeitern "Vice" zufolge ergeben, werde das nur sehr ungenau überprüft. 

Auf einen Fragekatalog des Magazins zu den Vorwürfen habe der Sprecher von xHamster nicht reagiert, heißt es in dem Artikel. Im Interview mit unserer Redaktion erklärt die Journalistin Yannah Alfering, was genau sie und ihr Kollege bei der Recherche noch entdeckt haben — und welche Bilder die Löscharbeiter bei xHamster vorgelegt bekommen. 

Du und dein Kollege Sebastian Meineck habt euch unter falschem Namen ins Löschteam von xHamster eingeschleust. Was habt ihr dort herausgefunden?

Wir haben herausgefunden, welches Regelwerk xHamster seinen Löscharbeitern zur Hand gibt, um zu bewerten, welche Fotos online gehen und welche nicht. Das Team bewertet nur Fotos, keine Videos. Dafür ist offenbar ein bezahltes, anderes Team zuständig, über dessen Arbeit xHamster uns kaum etwas verraten hat. Was uns besonders aufgestoßen ist, war zum Beispiel die Regel, dass Fotos nur dann gelöscht werden sollen, wenn sich die Löscharbeiter zu 100 Prozent sicher sind, dass die Person darauf minderjährig ist. Dabei sollte es genau andersrum sein. Außerdem ist es unmöglich, mit bloßem Auge zu beurteilen, ob eine Person auf einem Foto 17 ist oder 19. Wie fahrlässig xHamster damit umgeht, ist krass. 

Eine Frau steht vor Bäumen
Yannah Alfering ist freie Journalistin.
© Carolina Revertera

Gab es in den Regeln Anhaltspunkte, woran man das Alter schätzen könnte?

Es gab da immer wieder Diskussionen, auch unter den Löscharbeitern. Ein Löscharbeiter hat zum Beispiel geschrieben, er beurteilt Personen mit "unschuldigem Blick" und "ohne Intimbehaarung" als minderjährig. In einem inzwischen überholten Handbuch stand der Ratschlag, man sollte auf Piercings und Tätowierungen achten. Klar, du kannst sagen: Wenn eine Person eine Tätowierung hat, dann ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie 18 ist, höher. Aber im Zweifelsfall ist auch das kein eindeutiges Indiz. Beim Thema Vergewaltigung war das ähnlich. Dazu stand im Regelwerk, man solle gucken, ob das Weinen echt oder gespielt aussieht. Wenn es echt aussieht, soll das Foto gemeldet oder entfernt werden. Wenn es gespielt aussieht, könnte es theoretisch auch in einem Vergewaltigungsspiel in einer Fetisch-Session entstanden sein.

Wie seid ihr auf dieses Problem aufmerksam geworden?

Wir beschäftigen uns beide schon länger mit dem Thema sexualisierte Gewalt auf Porno-Plattformen. Also auch damit, dass Nacktaufnahmen, überwiegend von Frauen, unfreiwillig auf Porno-Plattformen landen. Letztes Jahr habe den Fall einer Frau recherchiert, die ihren Ex-Mann verdächtigt, Fotos und Videos von ihr auf so einer Plattform hochgeladen und somit verbreitet zu haben.   

Sebastian und ich haben uns irgendwann gefragt: Wer entscheidet eigentlich, welche Inhalte online sein dürfen und welche nicht? Uns kam das alles sehr wahllos vor. Vor allem, weil es in der Vergangenheit Fälle gab, in denen bei Festivals auf öffentlichen Toiletten gefilmt wurde. Es gibt hunderte Voyeurvideos auf der Plattform – obwohl eine Menge Videos den Eindruck erwecken, dass die abgebildeten Personen nichts davon wissen. Dann haben wir erfahren, dass es den “Reviewers Club" gibt. Uns war direkt klar: Wenn es einen Club aus einem Haufen Freiwilliger gibt, die sich den ganzen Tag pornografische Bilder anschauen und bewerten, dann müssen wir da auf jeden Fall rein. 

Du hast auch selbst Inhalte überprüft. Kannst du beschreiben, was du dort gesichtet hast?

Ich will es nicht verharmlosen, aber ich bin auf nichts gestoßen, was mich persönlich total schockiert hat. Es gab zum Beispiel keine Aufnahmen von Kindern. Es gab aber sehr viele Aufnahmen von Personen, die sehr jung aussahen, wo du dir absolut nicht sicher sein kannst, ob sie volljährig sind. Das waren nicht immer Nacktfotos. Das könnten auch normale Bilder sein, die von irgendeiner Website gezogen und dann auf xHamster hochgeladen wurden – wo sie in einem ganz anderen Kontext angeschaut werden. 

Hast du Gewalt gesehen?

Ich habe ein paar BDSM-Bilder gesehen, aber kein Blut oder etwas, was auf nicht einvernehmliche Gewalt hingewiesen hätte. Ich habe die Löscharbeiten vorwiegend Sebastian überlassen. Wir haben nur so viel Zeit mit dem Reviewen verbracht, wie für unsere Recherche notwendig war. Wir haben uns schon über das Gesehene unterhalten, aber ich glaube, mit der Zeit sind wir beide irgendwie abgestumpft. Man versucht, es mit einem journalistischen Blick anzuschauen und sich nicht so viele Gedanken zu machen. Das war ein Mechanismus, mit dem wir das gut machen konnten und mit dem wir das nicht so krass an uns herangelassen haben. 

Du kennst durch deine anderen Recherchen auch die Perspektive der Betroffenen. Fiel es dir dadurch schwerer, journalistische und moralische Entscheidungen zu trennen?

Dadurch, dass wir nicht aktiv in den Entscheidungsprozess eingegriffen und mehr die Rolle der Beobachter eingenommen haben, kam ich damit ganz gut klar. Ich habe keine Fotos durchgewunken, die da meiner Meinung nach nicht hingehören. Problematisch war, dass ich Fotos, bei denen ich mir unsicher war überspringen musste und sie nicht zum Löschen markieren konnte. Wenn du zu häufig ein Foto falsch bewertest – also wenn mehrere andere Löscharbeiter das Bild entgegen deiner Einordnung als OK einstufen – kann es passieren, dass du aus dem Team geworfen wirst. Das wollten wir natürlich nicht, weil wir weiter recherchieren mussten. Hätte ich dieses Risiko nicht gehabt, hätte ich ein Foto im Zweifelsfall lieber zu oft zum Löschen markiert. Man kann sich eben auch keine Dokumente einholen, die belegen, dass eine Person mit den Aufnahmen einverstanden ist oder volljährig.   

Deswegen habe ich auch nicht so viele Bilder gesichtet. Ich wollte mir das Prozedere anschauen, aber nicht aktiv eingreifen. Ich möchte auf gar keinen Fall dafür verantwortlich sein, dass ein Foto einer Person im Internet bleibt, die da nicht sein möchte. 

Wie lange habt ihr an der Geschichte recherchiert? 

Relativ lange. Allein deswegen, weil unser xHamster-Account mindestens 200 Tage alt sein musste, damit wir uns überhaupt als Löscharbeiter bewerben konnten. Dann wurden wir mehrfach abgelehnt: Uns wurde gesagt, wir müssten selber Material hochladen. Das war eine Hürde, weil xHamster uns wirklich dazu aufgefordert hat, pornografische Aufnahmen zu veröffentlichen. Wir haben dann eine Sexarbeiterin eingeweiht, die uns die Aufnahmen zur Verfügung gestellt hat.   

Neben dem Fake-Account hatte ich noch einen, mit dem ich offen als Journalistin aufgetreten und mit Löscharbeiten in Kontakt getreten bin. Der ist jetzt 352 Tage alt. Also fast genau ein Jahr.

Was hat die Recherche mit dir gemacht?

Zu sehen, wie fahrlässig in dem Bereich gehandelt wird, das war erschreckend. Auch die Diskussionen unter den Löscharbeitern: Wie sich manche über alles erheben und meinen, sicher bewerten zu können, ob eine Person volljährig ist oder ihr Einverständnis zu Aufnahmen gegeben hat. Teilweise guckst du in die Accounts von den Löscharbeitern rein und siehst, wie einer sinngemäß auf seinem Profil schreibt: "Hey, kennt jemand die Frau von meinem Profilbild? Wenn jemand mehr Material von ihr hat, dann her damit!" Und du denkst dir nur so: wow. Da sind Männer, denen es offenbar scheißegal ist, ob Frauen ihr Einverständnis dazu geben, dass sie ihre Bilder benutzen. Und die sollen bewerten, welche Bilder auf xHamster gehören und welche nicht.

Denkst du manchmal an die Frauen auf den Bildern und wie sie sich fühlen?

Ja, besonders bei Voyeur-Aufnahmen. Das Problem bei Porno-Plattformen ist, dass man nie zu 100 Prozent weiß, ob etwas inszeniert ist oder echt. Aus meiner Erfahrung kann ich aber sagen, dass sehr viele von diesen voyeuristischen Aufnahmen nicht im Einvernehmen entstanden sind. Wenn ich ein Bild sehe von einer Frau, die in der Sauna unter der Dusche steht, dann kriege ich Bauchschmerzen, das nimmt mich mit.   

Es hat mich aber auch einfach sauer gemacht, wie sehr auf die Persönlichkeitsrechte von Frauen geschissen wird. Wer Material auf xHamster hochlädt, muss nur einmal anklicken, dass alle gezeigten Personen ihr Einverständnis gegeben haben und kein Urheberrecht verletzt wird. Das ist, wie wenn man einen 14-Jährigen fragt, ob er volljährig ist, bevor er auf die Pornoseite geht. xHamster schiebt die Verantwortung in dem Moment ab. In dem Bereich muss noch viel getan werden. 

Quellen:Erotik Geek / "Vice" Deutschland


Offenlegung: Die Autorin dieses Artikels war drei Jahre lang Redakteurin beim "Vice"-Magazin. 


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