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So beliebig wie Beziehungen?: Haben wir überhaupt noch echte Freunde? Warum heute nichts mehr von Dauer ist

Haben wir nicht nur Lebensabschnittspartner, sondern auch Lebensabschnittsfreunde? Und welche dieser Freundschaften ist echt? Kann man nur befreundet sein, wenn man einen Alltag teilt? Oder reicht es, sich vom gegenseitigen Leben zu erzählen?

Von Anastasia Rastorguev

Freunde

Suchen wir uns immer wieder neue Bezugspersonen, je nach unserer aktuellen Lebenssituation?

"Good friends we had, good friends we've lost ... along the way": Bob Marley bringt meine ziemlich gut auf den Punkt: Ich traf in den verschiedenen Stationen meines Lebens viele Menschen, freundete mich mit einigen gut an, doch die meisten verschwanden, sobald sich meine Lebenssituation änderte (neuer Job, neue Stadt) - und ich merkte es erst, als es zu spät war.

Man nennt es wohl "auseinanderleben", geht seinen täglichen Erledigungen nach, und es fällt nicht auf, dass Menschen, von denen man dachte, sie seien Freunde, unwichtig werden. Erst wenn Dezember ist, ein weiteres Jahr vergangen und "der Kaffee, den man unbedingt mal wieder trinken sollte", nicht getrunken wurde, ist klar: Die Freundschaft existiert nur noch in der Vergangenheit.

Sind wir alle nur "Mikrokosmos-Freunde"?

Suchen wir uns immer wieder neue Bezugspersonen, je nach unserer aktuellen Lebenssituation? Menschen, deren Sorgen zu denen in unserem aktuellen Mikrokosmos passen?

Man fängt einen neuen an oder zieht in eine neue Stadt - ein neuer Mikrokosmos öffnet sich, ein anderer wird geschlossen. Und auf einmal vergehen Monate, in denen man ehemals wichtige Freunde nicht sieht. Man trifft sich vielleicht "mal wieder zum Essen" und jeder erzählt von sich. Doch wenn man aufhört, das Leben miteinander zu teilen, gemeinsam Dinge zu erleben, sondern sich nur trifft und "updatet", kann man überhaupt noch richtig befreundet sein?

In der Schule war meine beste Freundin Sophie*. Wir gingen in eine Klasse, tauschten Orsay-Batikhosen ohne Reißverschluss und schlichen in der großen Pause um die allseits begehrten (da "erwachsenen") Sitzenbleiber. Unzertrennlich wäre eine Untertreibung, um unsere damalige Freundschaft zu beschreiben.

Umso erstaunlicher war, wie schnell es abkühlte, als ich zu studieren anfing. Sophie war nicht mehr jeden Tag dabei, wir trafen uns immer seltener und berichteten uns nur noch gegenseitig von unseren Leben, statt sie miteinander zu verbringen.


Wie macht man es denn nun, Freundschaften erhalten?

Uni-Freundin Anja* trat an ihre Stelle, mit der es wiederum abkühlte, als ich meinen ersten Job anfing. Statt spontaner Treffen und Partys mit Anja gab es täglich Überstunden mit meiner Kollegin Lisa*, die zum neuen partner in crime wurde.

Es macht einfach mehr Spaß, sich mit jemandem auszutauschen, der dasselbe erlebt wie man selbst. Dem man nicht nur erzählt, wie es war, sondern der dabei ist, und deswegen genau nachvollziehen kann, was man durchmacht. 

Als Lisa ein Kind bekam, änderten sich ihre Prioritäten komplett, was ich verstehe(-n musste). Sie hatte kein Ohr mehr für meine Präsentations-Fauxpas und Mobbing-Verschwörungstheorien. Ich wiederum hatte keine Lust, mich zeitlich komplett nach dem Essens- und Bäuerchen-Plan eines Dreimonatigen zu richten und auf die spaßigen Dinge einer Freundschaft zu verzichten, wie spontan Shots trinken oder Wochenendausflüge nach Paris, in denen man die Nächte durchmacht.

Lisa fand neue Mami-Freundinnen, mit denen sie zum Baby-Schwimmen ging und ich fand neue Mädels, die unter Spaß dasselbe verstanden wie ich.

Das Leben ist kein "How I Met Your Mother"

So romantisch die Vorstellung auch ist, mit seinen alten Freunden für immer befreundet zu bleiben und bei einer Zigarette auch noch in 20 Jahren gemeinsam auf dem Balkon zu sitzen - besonders realistisch ist sie nicht. Nüchtern betrachtet, sind Freundschaften auch nichts anderes als Beziehungen, nur ohne Sex. Man chillt miteinander, bis man sich satt hat. Bis sich einer weiterentwickelt oder neue Leidenschaften entdeckt, mit denen der andere nichts anfangen kann. Bis nichts mehr verbindet als die Erinnerung an die gemeinsame Vergangenheit. Und aus Liebsten plötzlich praktisch Fremde werden (manche wechseln gar die Straßenseite, um dem Gespräch, das man früher so schätzte, gar täglich brauchte, auszuweichen).

Jetzt ist schon Dezember und ich habe weder Lisa noch Anja oder Sophie in diesem Jahr gesehen. Alle drei gehörten mal zu tragenden Säulen meines Lebens. Und ich frage mich, wie diese Freundschaften so sehr abkühlen konnten, dass ich nicht mal mehr mitkriegte, dass Lisa ihr zweites Kind bekam und Anja geheiratet hat. Hat uns wirklich nur der gemeinsame Mikrokosmos und sonst gar nichts verbunden? Traurig.


"Hältst dich für unersetzlich, und bist doch so schnell ersetzt" (F. Beigbeder)

Neulich habe ich einen Artikel darüber gelesen, dass niemand unersetzlich ist. Er bezog sich auf Arbeit und handelte davon, dass - egal, wie gut wir unseren Job machen - es im Falle einer Kündigung immer auch ohne uns weitergehen wird. Weil wir überhaupt nicht so unersetzlich sind, wie wir denken. Was unersetzlich ist, ist die Stelle. Die Stelle muss mit jemandem befüllt sein, der sie gut macht. Ob du oder jemand anders, ist im Grunde egal.

Und vielleicht verhält es sich genauso mit unseren Freundschaften. Solange die Stelle mit jemandem besetzt ist, der gut passt, es leidenschaftlich macht und in dieser Position glücklich ist, ist alles fein. Ändern sich aber die Lebensumstände, passt jemand anderes vielleicht besser. Ist es also eher Zufall, mit wem wir unsere Zeit verbringen?

Bin ich zu unromantisch? Oder gar ein Soziopath, weil ich meine Bezugspersonen je nach Lebensumstand wechsele und um den Kontakt nicht kämpfe, wenn es nicht von allein läuft? Oder sind unsere Freundschaften, wie unsere Beziehungen, überhaupt nicht darauf ausgelegt, für immer zu halten?

Ist "für immer" ein Relikt aus einer Zeit, wo ein Walkman noch so gebaut war, dass er ein Leben lang hält und nicht wie das Handy von heute, das automatisch nach zwei Jahren kaputtgeht, um ersetzt werden zu können? Hielten die Dinge früher länger, weil man weniger offen für Neues war? Schließlich arbeitete man tendenziell viel länger in demselben Unternehmen, band sich früher an einen Partner, kaufte Häuser und war nicht flexibel und hopp für jede Neuerung, ob beruflich oder privat.

Oder muss man sich einfach mehr Mühe geben? Wer zieht denn nun mit mir in die Golden-Girls-WG, von der ich seit Jahren träume, wenn ich mal älter bin? Meine Wunsch-Besetzung wechselt ungefähr alle zwei Jahre ...

*Namen geändert

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