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Fehlinterpretation: Nur weil ich ständig mein Handy in der Hand habe, bin ich noch lange nicht asozial

Unsere Autorin liebt Social-Media. Sie "shared", "hashtagged" und "liked" auf ihrem Handy alles, was sie um sich herum so wahrnimmt. Doch andere scheint das zu stören...

Von Refinery-29-Autorin Rea Mahrous

Nur weil ich häufig mein Handy nutze, bin ich noch lange nicht asozial

"Es geschieht häufig, dass ich mit meinem Handy mitten auf der Straße stehenbleibe". (Symbolfoto)

Häufig wird darüber geschimpft, dass sich "die Jugend nur noch mit dem Handy in der Hand" fortbewegt. Dabei habe ich das Gefühl, dass diese Fortbewegung bei den meisten Jugendlichen sogar dazu geführt hat, ihr Umfeld bewusster wahrzunehmen. Denn gerade wegen meines Smartphones schaue ich zum Beispiel überall viel genauer hin, so verrückt das auch klingen mag. Wenn man erst einmal für social-media-würdige Schnappschüsse sensibilisiert ist, wird der Alltag zur ewigen Ressource.

Das bedeutet gerade nicht, dass ich alles andere ausblende. Ich nehme sehr gut wahr, was in meinem Umfeld passiert. Auch für mich ist es eine Sache der Höflichkeit, bei einer Verabredung nicht ständig auf das Telefon zu schauen. Zugegeben, auch ich muss hier sporadisch zurechtgewiesen werden. Aber die Unterstellung, dass ich deshalb "mit Scheuklappen" durch die Welt wandern würde, ist schlicht falsch.

Es geschieht häufig, dass ich mit meinem Handy mitten auf der Straße stehenbleibe

Vielmehr hat sich seit der Etablierung von Social-Media mein Verständnis von Umwelt verändert. Die Welten scheinen verschmolzen zu sein. Täglich entstehen neue Referenzen und Verknüpfungen. Zunächst in meinem Kopf, dann auf meinen Accounts und schließlich im echten Leben.

Wenn ich Ereignisse und Gedanken in 140 Zeichen festhalte, sie online teile und damit Menschen erreiche, die ich nicht kenne, dann habe ich aus meiner unmittelbaren Erfahrung heraus einen kleinen Mehrwert geschaffen, selbst wenn dieser nur mich und eine weitere Person berührt. Wenn ich ein inspirierendes Motiv erblicke und ein passendes Bild mit Hashtag poste, wird dies in einen Kontext gebettet, der viel größer ist, als der Ort, an dem der Schnappschuss entstand.

Es geschieht häufiger, dass ich spontan auf der Straße stehenbleibe und vermeintlich ominöse Fotos mache. Das nimmt mir noch lange nicht die Fähigkeit, dafür empfänglich zu sein, was unmittelbar um mich herum passiert. Ich sehe, im Gegenteil, in Dingen, die ich sonst nicht wahrgenommen hätte, plötzlich etwas, was einen Kommentar, ein Bild oder eine Verewigung wert ist. Dies kann einfach mein Mittagessen, die symmetrische Anordnung von Fenstern oder das bunte Herbstlaub vor meiner Tür sein. Etwas Asoziales kann ich daran nun wirklich nicht finden!

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