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Kommentar

Gesellschaftliche Entwicklung: Feminismus: Waren wir vom Gefühl her nicht schon mal weiter?

Wir tragen T-Shirts, auf denen "Feminism" steht, aber machen uns zugleich permanent verrückt wegen unseres Aussehens. Noch vor zehn Jahren waren Schminke, Haare und sexy Outfits nicht halb so wichtig wie heute. Läuft da was schief?

Fanden wir es nicht mal cool, eben nicht dem klischeehaften Frauenbild zu entsprechend?

Fanden wir es nicht mal cool, eben nicht dem klischeehaften Frauenbild zu entsprechend?

Getty Images

Vor kurzem las ich einen Blogartikel auf This Is Jane Wayne, in dem es um aufgespritze Lippen ging. Dass das inzwischen fast schon Mainstream sei, aber keine Frau zu dem Eingriff stehen würde. Ich fand das irgendwie betrüblich, aber nach einem Blick auf meinen Instagram-Feed nicht direkt überraschend.

Allerdings erinnerte der Text mich daran, wie einst – Anfang der 2000er – eine Freundin sich ganz offensichtlich blonde Strähnchen gefärbt hatte, die plötzlich erhellten Haare aber vehement auf "die Sonne" schob. Sind dicke Lippen jetzt die neuen blonden Strähnchen? Und was sagt das über uns aus?

In Sachen Emanzipation ist in den letzten ein, zwei Jahren viel passiert. Auch – leider – durch Aktionen wie #aufschrei und #metoo. Frauen erhoben ihre Stimme, forderten ihren Platz in der Gesellschaft ein. Vorstandsfotos, auf denen nur eine Alibi-Dame mit zehn selbstzufriedenen Anzug-Herren posieren darf, sorgen heute für Kritik und Häme. Das ist gut. Sehr gut. Mädchen tragen heute stolz T-Shirts mit dem Schriftzug "Feminism" spazieren. Auch das ist gut. Aber waren wir, nicht gesellschaftlich sondern innerlich, vor ein paar Jahren nicht trotzdem schon mal weiter?

Tussis fanden wir doch eigentlich doof

Der Grund, warum jene Freundin damals nicht zum Friseurbesuch stehen wollte, war, dass solche Eitelkeiten eigentlich verpönt waren. Wir trugen übergroße HipHop-Pants, bollerige Schlaghosen und Trainingsjacken und fühlten uns darin unheimlich cool. Darum ging es nämlich: Wir wollten viel eher cool sein als sexy. Für uns bedeutete Coolness automatisch, dass wir uns auch sexy fühlten.

Dazu brauchten wir keine Extensions und keine gemachten Nägel. Kein Hyaluron in den Wangen und erst recht kein Silikon in den Brüsten. Wir machten Sport, falls wir Lust dazu hatten, aber wir hatten sicher nicht das Gefühl, der Gesellschaft perfekt definierte Schultermuskeln zu schulden. Schminkvideos auf Youtube waren damals noch kein wirkliches Ding, aber wir hätten uns hämisch kaputtgelacht über die Idee. Make-up war nur okay, wenn es nicht besonders auffiel.

In unserem Jahrgang gab es einige Mitschülerinnen, die leise mit dem Titel "MädchenMädchen" bedacht wurden. Die, die rosa trugen und sich im Unterricht schminkten. Niemand wollte so sein.

Wir waren so entspannt mit unserer Weiblichkeit, dass wir sie nicht permanent zur Schau stellen mussten. Scrolle ich heute durch meinen -Feed, sieht das anders aus. Da sind so viele Mädchen und Frauen, die so penibel viel Mühe in ihr Äußeres stecken, dass ich mich frage, wieviel Platz in deren Leben für andere Dinge bleibt. Fürs Tanzen, Trinken, Fluchen, Knutschen und einfach im Park abhängen. Wieso denken wir inzwischen, dass das nötig ist? Das wir plötzlich alle diesem typischen Klischee-Bild der langhaarigen, stark geschminkten Beauty entsprechen wollen? Das, was wir vor zehn Jahren "Tussi" nannten, ist heute der selbstverständliche Mainstream.

Es muss ja nicht gleich der totale Protest sein

Wer das Spiel nicht mitspielen will, hat natürlich die Möglichkeit, nur noch Second Hand-Klamotten vom Flohmarkt zu kaufen, sich den Kopf zu rasieren und dafür alle Körperhaare sprießen zu lassen. Das ist auch cool. Macht ruhig. Aber das ist dann halt der krasse Gegenentwurf zur neuen Tussi-Kultur und ein Stückweit bewusster Protest.

Was ist passiert mit den "ganz normalen" Mädchen und Frauen, den klugen und lässigen Mädchen und Frauen, die es schlicht zu blöd finden, ständig gefallen zu wollen? Die ihre Weiblichkeit so selbstverständlich finden, dass ihre Kleidung nicht permanent SEXY schreien muss? Die, die an Freundschaften mit Jungs glauben, die sich über Politik, Karriere, Bücher und Musik unterhalten wollen, die ihre Cellulite so NORMAL finden, dass sie in Badeanzügen herumhüpfen, ohne das direkt als politisches Statement zu betrachten? Wann ist Coolness aus der Mode gekommen?

Ist diese demonstrative, fast klischeehafte Weiblichkeit einfach der Stil der Generation X? Immer wieder heißt es ja, deren Mitglieder seien konservativ und überdurchschnittlich anpassungswillig. Ich hatte gehofft, dass das nicht stimmt. Oder wird das von der Gesellschaft heute eben so gelehrt und gefordert? Aber warum ist das so und warum machen das so viele Frauen bereitwillig mit?

Wenn auch die politische Entwicklung in Sachen Feminismus zuletzt ein paar tolle Fortschritte gemacht hat, sind wir Frauen innerlich irgendwie einen Schritt zurückgegangen. Das ist schade.

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