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Interview

Body Positivity: Sängerin Peaches über Feminismus und Vagina-Verkleinerungen

Peaches ist Skandalsängerin, Elektroqueen und Ausnahmekünstlerin zugleich. Ein Gespräch darüber, was sie von Vagina-Verkleinerungen hält, warum sie für einen Dreh ausschließlich Frauen engagierte und wie sie mit ihren Hatern umgeht.

Von Refinery29-Autorin Anneli Botz

Sängerin Peaches: "Die Größe der Vagina ist völlig egal"

Peaches: "Pussy's big and I'm proud of it. You can dig dig dig in and out of it..."

Im Song "Vaginoplasty" geht es um eine Hommage an das weibliche Geschlechtsorgan und zugleich um den Irrsinn, dass Frauen sich ihre Vagina chirurgisch verkleinern lassen. 

Im Text heißt es: "Pussy's big and I'm proud of it. You can dig dig dig in and out of it ..."
In meinen Augen wird der Penis allgemein viel zu sehr in den Vordergrund gedrängt, während die Vagina unbeachtet bleibt. Die Gesellschaft sollte stolz auf das weibliche Geschlechtsorgan sein. Stattdessen wird Frauen suggeriert, die Größe ihrer Muschi sei ausschlaggebend. Und das führt dann tatsächlich dazu, dass sich manche Frauen einer chirurgischen Verkleinerung unterziehen. Was ist denn bitte verkehrt an einer großen Muschi? 

Trotz des politischen Inhaltes ist das zugehörige Video ein recht ästhetisches geworden. 

Es ist ein schönes Video, das stimmt. Als wir zu drehen begannen, hatte ich gerade meine Tour hinter mich gebracht und fühlte mich vollkommen ausgelaugt. Aus diesem Grund übernahm die Regisseurin Briana Gonzalez die komplette Produktion. In den meisten Fällen bin ich ja Regisseurin und Hauptdarstellerin zugleich, aber dafür fehlte mir zu diesem Zeitpunkt einfach die Energie. Briana ist eine gute Freundin und kennt meinen Geschmack genau. Sie wusste, dass ich ein großer Fan der Synchronschwimmlegende Esther Williams bin, die in den 1950er Jahren ein echtes Hollywood-Sternchen war und nie ohne ihr Make-up ins Wasser ging. Diese Eleganz hat mich stets fasziniert.

Im Video wurden daraus synchron-schwimmende Vaginas.

Wir drehten im Garten eines Freundes, der einen abgefahrenen Pool hat – typisch . Meine Tänzer waren glücklicherweise noch in der Stadt, Briana organisierte eine Unterwasserkamera samt Kran und ich musste mich nur noch mit Tittenkostüm auf einem Felsen räkeln.

Kostümmäßig wird generell einiges geboten: Ganzkörper-Vagina-Anzüge, Einhorn-Muschi-Masken, Goldlocken und Tittenoverall.

Die Kostüme stammen aus meiner Liveshow. Mein eigenes Outfit, das vornehmlich aus aufgenähten Brüsten besteht, stammt aus New Orleans. Eine meiner Tänzerinnen wollte mir dort ein Geschenk für meinen Geburtstag kaufen. Als die Shopbesitzerin hörte, dass es für mich sein sollte, zauberte sie dieses großartige Brustwarzenkostüm hervor. Eine wunderbare Idee.

Brüste sind ja mittlerweile sehr gesellschaftstauglich. Wie steht es denn um die Vagina in der Kunst – ist sie dort noch ein Tabu?

Ich erinnere mich daran, wie ich die "Dinnerplates" der Künstlerin Judy Chicago sah. Für ihre Installation "The Dinner Party" hatte sie sich vorgestellt, wie bekannte Persönlichkeiten als Vagina aussehen würden und diese dann idealisiert, in Form von Tellern, dargestellt. Man nahm also an einer Dinnerparty, mit sehr illustrer Gesellschaft, teil. Das war toll und hat meinen Blick auf die Vagina nachhaltig geprägt.

Generell ist Feminismus ein großes Thema für dich. Für den Dreh des Musikvideos zur Single von "Rub" bist du mit einem Produktionsteam in die Wüste gereist, welches komplett aus Frauen bestand. Wie wurde das Ergebnis dieser geballten Frauenpower am Ende von der Öffentlichkeit aufgenommen?

Unfassbar gut. Schon der Dreh war eine besondere Erfahrung, denn die Dynamik am Set war eine ganz andere als sonst. Die Filmbranche ist sehr männerdominiert. Dort dann ausschließlich mit Frauen zu arbeiten, war ein neues und befreiendes Gefühl. Am Ende lief die Hälfte der Leute nackt herum. Die Veröffentlichung im Anschluss lief ebenfalls sehr gut, obwohl ich das Video ganz bewusst nur über meine Facebookseite geteilt habe.

Warum das?

Ich musste niemandem was beweisen und wusste ohnehin, dass dieses Video explodieren würde, sobald es im Internet zirkuliert. Innerhalb einer Woche hatte der Clip über eine Million Abrufe auf Youtube. Danach wurde es dort allerdings gelöscht. Man findet es aber noch über die französische Website "Tracks". Da gibt es übrigens einige wirklich miese Kommentare.

Inwiefern sind die Kommentare mies?

Manche Leute verstehen einfach nicht, worum es geht – damit muss man sich aber abfinden. Es gab hauptsächlich positiven Zuspruch, insbesondere wegen der unterschiedlichen Körperideale und Ausdrucksformen, die im Clip gezeigt werden. Ein Mädchen aus Kairo erzählte mir beispielsweise, sie habe sich das Video in Ägypten, in ihrem Auto, angesehen. Sie hätte kichernd da gesessen und gleichzeitig tierisch Angst davor gehabt, dass jemand sehen könne, was sie sich da gerade anschaut. 

Wie gehst du allgemein mit negativen Kommentaren um?

Sie würden mich niemals darin beeinflussen, wie ich meine Musik gestalte, aber ich nehme natürlich wahr, was um mich herum geschieht. In vielen Fällen ist es so, dass die Leute, die hinterm Rücken über dich lästern, genau die sind, die zu dir kommen und dir Honig um den Bart schmieren. Aber es gibt auch viel ehrliche Kritik. 

Hast du das Gefühl, dass beispielsweise das Christentum, im Hinblick auf Toleranz und Nächstenliebe, ziemlich häufig an dem vorbeipredigt, was es propagiert?

Allerdings! Aber ich denke, das trifft auf die meisten Religionen zu. Ich kann eigentlich nur dem Buddhismus etwas abgewinnen, denn dort geht es darum, sich dem eigenen Ego zu entledigen, anstatt es noch mehr hervorzuheben. In unserer Gesellschaft ist das Ego ja schier überpräsent. Alles dreht sich nur um die eigene Person. 

Als Künstlerin lebst du verschiedene Charaktere aus, sei es auf der Bühne, oder im Video. Inwieweit steht da das Ego im Vordergrund?

Mir geht es vor allem darum, zu zeigen, wie viele verschiedene Persönlichkeiten es gibt und auf welch vielfältige Art man existieren kann. Ganz wichtig ist mir etwa, dass man jederzeit über sich selbst lachen kann.

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