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Roadtrip an der Ostsee: Wir haben unseren alten Bulli gegen ein richtiges Wohnmobil getauscht – ein Selbstversuch

Reisen mit Wohnmobil ist nur was für Rentner oder Familien mit Kleinkindern, dachte unsere Autorin. Bis sie selbst mit einem Reisemobil Urlaub machte – und dem Charme des Reisens auf vier Rädern erlag.

Pärchen sitzt in der Eingangstür eines Wohnmobils.

Haben die Ostseeküste auf vier und auf zwei Reifen bereist: Ilona Kriesl mit Freund Titus Jansen

Aus unserem Wohnmobil ergießt sich ein dicker Strahl und ich weiß: Dieses Plätschern verheißt nichts Gutes. Ich gehe in die Knie, halte mich mit einer Hand an der Stoßstange fest und versuche mit der anderen in die Nähe des Strahls zu kommen, der aus unserem linken Unterboden fließt. Kalte Flüssigkeit rinnt über meine Hand. Ich zerreibe das Nass zwischen Zeigefinger und Daumen, rieche vorsichtig. Öl ist es nicht. Auch fehlt der beißende Geruch von Diesel. Was aber ist es dann? Übrig bleibt nur Wasser. 70 Liter, die wir wenige Minuten zuvor in den Frischwassertank unseres Campers gepumpt haben und mit denen wir nun großzügig den Elbstrand wässern. Es ist ein trauriger Anblick. Nach einer Weile hört das Plätschern auf. Der Tank ist leer.

Und uns fällt auf: Die Ventile! Wir haben vergessen, die Abwasserventile zu schließen. Wie peinlich. Schließlich hatten wir noch vor dem Start eine ganz schön dicke Lippe riskiert.

Die Autorin Ilona Kriesl und ihr Freund vor ihrem treuen T3 VW-Bulli.

Die Autorin Ilona Kriesl und ihr Freund vor ihrem treuen T3 VW-Bulli am Nordkap. Der Bus war mit nichts ausgestattet. Nun wollten die beiden Hardcore-Camper einmal ausprobieren, wie sich ein "richtiges" Wohnmobil anfühlt. 

"Campen? Klar, das können wir!", hatte ich meinen Kollegen stolz erzählt, als mein Freund und ich das Angebot bekamen, ein Wohnmobil zu testen. Warum ich so zuversichtlich war? Im vergangenen Jahr waren wir mit unserem 30 Jahre alten T3 Bulli um die Ostsee gefahren. Von Hamburg über Schweden bis hoch ans Nordkap. Und zurück über Russland. Es war eine wilde, wunderschöne Tour, aber auch unfassbar kräftezehrend. Wir hatten eine Matratze, Pullover und Gummistiefel in den Bulli geworfen und waren losgefahren – ohne Strom, ohne fließend Wasser. Während der 8300 Kilometer langen Tour verlor auch der Bulli Flüssigkeit; mal war es Öl, mal Kühlwasser. Wir flickten die porösen Gummileitungen und fuhren weiter.

Seitdem bedeutet Campen für mich Abenteuer, Natur und Urtümlichkeit. All das habe ich jedoch nie mit einem Wohnmobil in Verbindung gebracht. Ein Camper mit Bad, Küche und Kühlschrank erschien mir immer wie ein Kompromiss: Gut genug, um ein bisschen aus dem Alltag ausbrechen. Aber bitte nicht ganz. Schließlich hat man den halben Hausstand mit im Gepäck. Nach unserer viertägigen Tour merke ich, wie falsch ich damit liege.

Die glänzende Pfütze unter unserem Wohnmobil ist wie ein Déjà-vu. Zum Glück stehen wir hier an der Elbe allein, denke ich. Mitleidige Blicke anderer Camper bleiben uns erspart. In der ersten Nacht müssen wir auf Dusche und Waschbecken verzichten und merken: Wer das erste Mal mit den Annehmlichkeiten eines richtigen Wohnmobils reist, sollte vorher einen Blick in die Bedienungsanleitung werfen.

Der Ausblick auf den Hamburger Hafen lässt das Malheur schnell vergessen: Am anderen Elbufer schraubt sich die Spitze der Elbphilharmonie in den Abendhimmel. In der Ferne pustet ein Hafenschornstein pastellfarbenes Feuer in die Luft – tanzende Flammen in rosa, blau, grün. Wir staunen über das Schauspiel, das sich vor unserer Frontscheibe abspielt. Und auch ein wenig über den Lärm: Zu unserer rechten ankert ein Frachter, die "Grande Atlantico". Der Motor des Schiffes brummt tief und sonor.

"Grande Atlantico", denke ich mir, das klingt nach Freiheit und Abenteuer. Bis an die Atlantikküste wollen wir mit unserem Wohnmobil zwar nicht reisen, dafür aber an die Ostsee – 800 statt 8000 Kilometer. Von Hamburg aus geht es an die Ostseeküste bis hoch an den Darß und zurück über die Mecklenburgische Seenplatte. Fürs Campen bieten sich Regionen mit Küsten und Wasser geradezu an: wegen der abwechslungsreichen Landschaft, der Weite und der Freiheit des Meeres, Stellplätzen am Wasser und kurzen Badestopps.

Noch nie waren in Deutschland so viele Menschen wie heute mit Caravan oder Reisemobil unterwegs. Die Branche boomt: 34,6 Millionen Übernachtungen zählten deutsche Campingplätze allein im Jahr 2018. 11,5 Millionen Bundesbürger geben an, Campingurlaub sei ihre liebste Form des Reisens. Und für diese Liebe sind einige Menschen offenbar bereit, kräftig in die Tasche zu greifen: Die Anzahl an Neuzulassungen von Reisemobilen stieg im Verlauf der letzten drei Jahre sprunghaft um 66 Prozent an – von 26.300 Fahrzeugen im Jahr 2015 auf 43.700 im Jahr 2018. Die Branche profitiert von der Lust der Deutschen auf Natur und Heimaturlaub.

Insel Poel - Feinstes Streetfood aus dem Meer

Nach der Nacht am Hamburger Hafen ist das nächste Ziel die Insel Poel in der Wismarer Bucht. Auf den 37 Quadratkilometern leben rund 2700 Menschen. Das Wahrzeichen der Insel ist ein Leuchtturm am Timmendorfer Strand. Im Hafenbecken ziehen ein paar Ohrenquallen gemächlich ihre Runden. Und die Insel scheint es ihnen nachzumachen: Auf Poel geht es gemütlich und ruhig zu. Wer Reizüberflutung oder schicke Bäderarchitektur sucht, ist hier falsch.

Bei Timmendorf liegt Poels Steilküste – Küste und steil, das klingt nach rauer Natur und brausendem Gewässer. Doch auch hier geht es beschaulich zu: Eine Ringelnatter schlängelt sich über das Ufer und huscht – aufgeschreckt von den Besuchern – in das Schilf. Die Gräser wackeln. Und es ist weniger das Reptil, das einen aufschrecken lässt, sondern das plötzliche Rascheln, das sich in die Stille mischt.

Es sind vor allem Reisende aus Großstädten wie Hamburg und Berlin, die diese Ruhe auf Poel schätzen, wissen Melanie Rost und Tobias Hassels. Von Mai bis Oktober stehen sie in dem Imbiss "Happen Poel" auf dem Parkplatz am Damm, direkt nach der Überfahrt auf die Insel. Von ihrem orangefarbenen Anhänger aus sehen sie Urlauber an- und abreisen.

Feinstes fangfrisches Streetfood auf Poel.

Feinstes fangfrisches Streetfood auf Poel.

Rost und Hassels servieren feinstes Streetfood, wie man es auch in Berlin erwarten würde – nur mit regionalen Zutaten. Die Brötchen stammen von einer befreundeten Bäckerei. Das Gemüse von einem Bio-Hof aus Bastorf. Rost und Hassels brutzeln Bratwürste aus Lamm oder Wild, wahlweise mit selbstgemachtem Löwenzahn-Pesto oder Sanddorn-Senf. Und auch Veganer werden hier fündig: Zur Auswahl stehen Seitanspieße und saisonales Gemüse. Andere fleischlose Gerichte dieser Art muss man in der Umgebung vermutlich lange suchen. Mit Wildbratwurst in der Hand stehen wir in Ufernähe und lassen den Blick schweifen: über den Damm, Salzwiesen und die Ostsee.

Luxusgefühle: Essen vom Porzellan direkt am Wasser 

Wer es urtümlicher mag, muss der Straße drei Kilometer Richtung Kirchdorf folgen: Hier liegt der Poeler Forellenhof von Ingrid und Manfred Hanekamp. Seit 1993 betreibt das Ehepaar in Niendorf eine Fischräucherei mit angrenzendem Stellplatz für Wohnmobile mit Blick über die Wismarer Bucht. Die Spezialität des Hauses sind geräucherte Lachsforellen. Doch auch Heilbutt, Aale und Goldmakrelen werden in den traditionellen Räucheröfen zubereitet. Bis 18 Uhr ist die Verkaufstheke geöffnet. Wir haben Glück und ergattern einen der letzten Fische des Tages. Auf der Gasplatte unseres Wohnmobils bereiten wir Pellkartoffeln zu, legen den Fisch auf Porzellantellern daneben und setzen uns an den Hafen. Wir freuen uns über den schlichten Luxus: Richtige Teller hatten wir auf unserer Bulli-Tour erst gar nicht eingepackt. Wir ließen alles Zuhause, was schwer oder sperrig war. Unserem 50 PS-starkem Motor zuliebe.

Forellenhof Poel

Am Hafen schmeckt's am besten: Zum Abendessen gibt es geräucherte Forelle und Heilbutt

Im Wohnmobil folgt die Ernüchterung: Wir haben Spülmittel und Lappen zu Hause vergessen. Die Rettung campt zwei Meter neben uns: ein älteres Paar mit Labrador. Die beiden lachen über unseren Anfängerfehler und kippen reichlich Spüli in unsere Espressotasse.

Die darauffolgende Nacht wird kurz, laut und ungemütlich. Ein Unwetter mit Blitz und Hagel überzieht die Insel. Gegen zwei Uhr nachts klatschen dicke Regentropfen auf unsere Dachfenster. Es blitzt, donnert, und der Innenraum unseres Wohnmobils ist für Sekundenbruchteile taghell.

Packliste für den Campingurlaub: Acht Camper verraten, was unbedingt mit muss
Mein wichtigster Gegenstand beim Campen ist:  "Diese Basilikum-Pflanze. Wir haben auf Reisen immer eine dabei - zum Kochen, aber auch als Deko für den Tisch." (Britt)

Mein wichtigster Gegenstand beim Campen ist:

"Diese Basilikum-Pflanze. Wir haben auf Reisen immer eine dabei - zum Kochen, aber auch als Deko für den Tisch." (Britt)

"Kaffee!", ist mein erster Gedanke am Morgen. Ich schlüpfe in meine Schuhe und laufe zum Gasthofgebäude. Das Gewitter hat die Luft merklich abgekühlt, frischer Wind pfeift um die Schiffsmasten im Hafen. Es klimpert und klingelt, ein Konzert, wie es nur der Ostsee-Wind schafft. Die Frau am Tresen verkauft mir Brötchen und lächelt, als ich sie nach zwei Tassen Cappuccino frage. "Cappuccino? Den haben wir hier nicht – aber ich kann einen Pott Kaffee anbieten."

Wie nah Tradition und Moderne doch beieinander liegen können, denke ich mir. Auf dem Damm werden Seitanspieße serviert. Und hier oben gilt etwas Milchschaum auf dem Kaffee als verzichtbarer Schnickschnack. Zwei Welten, keine fünf Autominuten voneinander entfernt.

Wo die Ostsee ihre eisblauen Zähne zeigt

Wir fahren weiter Richtung Ostseebad Nienhagen im Landkreis Rostock. Wenige Hundert Meter von der Strandpromenade entfernt, blicken wir auf ein beeindruckendes Naturschauspiel: den Gespensterwald. Riesige, teils bizarr verformte Bäume stehen dicht an dicht an der Steilküste mit Blick Richtung Ostsee. Es wirkt wie ein Kräftemessen der Naturgewalten – die Bäume gegen das Meer. Oft hat das Meer die Überhand.

Steilküste Nienhagen

An der Küste von Nienhagen sollen Buhnen im Wasser vor Sandverlust schützen

Starkregen und Stürme nagen an der steilen Uferkante. Die Ostsee spült das Geröll fort und führt dazu, dass die Küste im Jahr um rund 25 Zentimeter zurückweicht. Nur die Bäume scheinen der Urgewalt zu trotzen: Die Kronen der Giganten wirken verwachsen, so als würden sie versuchen, sich aneinander festzuhalten. Wer gegen Naturkräfte bestehen will, muss sich verbünden.

Die Atmosphäre des Waldes zeigt, welche Magie entstehen kann, wenn man die Natur sich selbst überlässt: Bäume, die zu nah an der Abbruchkante stehen, sterben ab. Im toten Holz wimmelt es von Käfern und Asseln, Wildbienen und Hornissen. Schwarzspechte zimmern Höhlen in das Holz und schaffen Unterkünfte für Nachmieter wie Dohlen, Waldkauze und Fledermäuse. Der Wanderweg führt uns immer tiefer in den Wald, und unsere Blicke wandern auch immer wieder zum Boden: Wir müssen großen, pechschwarzen Nacktschnecken ausweichen, die den Waldpfad kreuzen.

Wir stehen an einer der Abbruchkanten und wundern uns über das raue Gesicht des Meeres: Ist das hier noch dieselbe Ostsee, wie wir sie auf Poel erlebt haben? In der Schwäne badeten und Kinder in knietiefem Wasser spielten? Wild und eisblau liegt die Ostsee vor uns. Wellen schlagen gegen die Küste und wirbeln das Strandgut durcheinander: Sandklaffmuscheln, Feuersteine und Miesmuscheln, deren Innenseiten perlmuttfarben glänzen. Der Blick auf dieses Naturschauspiel verändert sich mit jedem Schritt. Ich starre auf das Wasser, links und rechts stehen Bäume: ein lebender Bilderrahmen auf das tobende Meer.

Gespensterwald Nienhagen

Ein mystischer Ort: der Gespensterwald an der Steilküste von Nienhagen

Schilder führen zu Schätzen, nicht das Navi!

Wer mit dem Wohnmobil reist, geht eine enge Bindung zu Land und Leuten ein. Mir gefällt diese intensive und entschleunigte Form des Reisens. Sitze ich im Flieger, blicke ich oft nach unten und frage mich, welche Orte, Sehenswürdigkeiten und Menschen wir wohl gerade verpassen. Die besten Geschichten liegen meist links und rechts der Straße und erzählen kann man sie nur, wenn man abbiegt, anhält, Fragen stellt. Wir folgen einem Schild mit einem aufgemalten Apfel und lernen Stephan Dietrich kennen.

Seit 2009 betreibt Dietrich eine Mosterei in einer jahrhundertealten Pfarrscheune in Rethwisch. Er sah die alten Obstbäume, die im Pfarrgarten wuchsen: Äpfel und Birnen, darunter Sorten aus dem Alten Land mit so klangvollen Namen wie "Altländer Pfannkuchen" und "Pommerscher Krummstiel". Und beschloss 2009, die Scheune aus dem Jahr 1745 zu sanieren und mit der Mosterei einzuziehen. Damit fand er nicht nur eine gute Verwertung für die Äpfel aus dem Pfarrgarten, sondern rettete auch das historische Reetdach-Gebäude. "Es war damals einsturzgefährdet. Ein schwerer Orkan hätte es umwerfen können", erzählt er.

Mosterei Rethwisch

In der Mosterei von Stephan Dietrich (links) gibt es nicht nur selbstgemachte Obstsäfte, sondern auch Marmeladen und Obstbrände

Ein einfaches Leben? Nicht immer. Was ihm Sorge bereitet, seien die Ausfalljahre, berichtet Dietrich. Besonders kritisch wird es, wenn die Obstbäume im Frühjahr Knospen tragen und dann noch einmal Frost aufzieht. Jahre mit schlechtem Obstertrag sind nicht nur Jammer für den Moster, sondern auch für dessen Kunden. Eine mickrige Ernte bedeutet weniger Vorräte für den Verkauf. Und bevorraten möchte – nein, muss - man sich mit diesem Apfelsaft: Er schmeckt sauer, süß und salzig und so authentisch nach Apfel, dass man Säfte aus dem Supermarkt fortan links liegen lassen möchte. Wir kaufen so viele Flaschen ein, wie wir Platz in unserem Kühlschrank haben, und beschließen, unsere Fahrt fortzusetzen. Dieses Mal mit fünf Kilo mehr im Gepäck. Die Halbinsel, die wir ansteuern, heißt "Fischland-Darß-Zingst". Von Reisenden wird sie jedoch liebevoll nur "Darß" genannt.

Ups, ist da etwas Karibik in der Ostsee?

Es ist Wochenende, Sommer, und die Halbinsel an der Küste Mecklenburg-Vorpommerns eine der beliebtesten Urlaubsziele in der Ostsee-Region. Zu großen Teilen besteht sie aus dem Nationalpark "Vorpommersche Boddenlandschaft". Wir fahren die einzige Landstraße Richtung Norden hoch – hinter uns ein Wohnmobil, vor uns eine Gruppe Motorradfahrer mit Schwalben. Am Eingang unseres Campingplatzes hängt ein Schild und weist Camper darauf hin, dass alle Stellplätze belegt sind. Gut, dass wir reserviert haben.

Wir stellen unser Wohnmobil im Schatten großer Kiefern ab und sind überrascht. Hier campen junge Paare und Rentner, Aussteiger und Karrieremenschen – ein bunter Querschnitt der Gesellschaft. Wir kommen mit einem Ehepaar aus Bremen ins Gespräch, die schräg gegenüber von uns stehen. Britt und Martin reisen mit einem Mercedes-Sprinter, der als Wohnwagen ausgebaut ist. Wir öffnen eine Flasche Wein, kochen gemeinsam und lassen den Abend am Meer ausklingen. Zu viert stehen wir am Strand, während sich die Sonne in den Horizont aus puderweißem Sand schiebt. Das letzte Glühen färbt Küste und Meer in ein rosa Licht. "Warst du schon einmal in der Karibik?", fragt mich Britt. Ich schüttle den Kopf. "Da gibt es dieselben Sonnenuntergänge."

Darß Sonnenuntergang

Sonnenuntergang am nördlich gelegenen Darß-Strand: Das Abendlicht wirft endlos lange Schatten

Am nächsten Morgen stehen wir früh auf, schnallen die Fahrräder von der Halterung am Heck unseres Wohnmobils und radeln los. Wir wollen zum Weststrand, halten uns westwärts und schlagen den erstbesten Waldweg in diese Richtung ein. Die Bewegung tut gut, doch der Boden ist tückisch: Wir holpern über armdicke Wurzeln und umfahren tiefe Löcher voller Morast. Nach einer Weile steuern wir auf eine Lichtung mit Wegweisern zu. Ich drehe mich um und lese ein Schild, das an dem Waldweg angebracht ist, aus dem wir eben kamen: "Weg für Radfahrer unbenutzbar" steht da. Von rechts kreuzt ein Betonweg, der zum Zeltplatz führt. Ich lache kurz über unsere eigene Dummheit und bin im selben Moment froh, dass wir heil angekommen sind.

Darß

Grün, grüner, Darß: Mit dem Rad geht es durch den Nationalpark "Vorpommersche Boddenlandschaft". Hier ist die Natur noch unberührt.

Auf dem richtigen Weg geht es weiter Richtung Küste. Wind bläst uns entgegen. Wir nähern uns dem Meer und treten in die Pedale. Über der Baumkrone taucht die Spitze des Leuchtturms Darßer Ort auf. Seit 1848 steht er hier und sendet seine Lichtblitze 23 Seemeilen weit in die Ostsee hinaus. Früher arbeiteten hier bis zu drei Leuchtfeuerwärter. Heute wird der Turm fernüberwacht.

Der Weststrand ist am frühen Morgen noch menschenleer. Doch die Menge an Fahrradstellplätzen lässt erahnen, wie voll es hier später am Tag werden kann. Zu Füßen des Leuchtturms liegen windschiefe Kiefern, die wie Hände aus dem Sand ragen. Sie heißen Windflüchter, weil sie vom Wind abgekehrt wachsen. Ich kann diesen Impuls gut verstehen. In Böen peitscht der Wind über die Küste und wirbelt Sandkörner auf, die gegen unser Gesicht, die Hände und Waden wehen. Vermutlich sind diese Böen noch harmlos im Vergleich zu den Herbst- und Winterstürmen, die der Küste so zu schaffen machen. Auf einer Länge von 13 Kilometern reißt das Meer jedes Jahr einen Meter Land vom Weststrand ab und spült es im Darßer Ort wieder an.

"Ihr fahrt schon weiter?", fragen unsere Nachbarn, während wir unsere Räder auf die Halterung des Wohnmobils heben und festzurren. Nicht wenige verbringen hier oben am Darß ihren Sommerurlaub, bleiben Tage, wenn nicht sogar Wochen, so vielfältig ist die Natur. Uns dagegen zieht es weiter an die Müritz in der Mecklenburgischen Seenplatte. Beim Campen finden beide Lager zueinander: die, die gerne rasten. Und die Rastlosen.

Der einstige Geheimbunker im Wald

Mehr noch als die Müritz reizt uns der Weg dorthin. Auf halber Strecke Richtung Süden machen wir Halt an einem Bunker in Tessin: dem ehemaligen Hauptgefechtsstand der Volksmarine der DDR. Im Falle eines Krieges sollten von hier die Flotten in den Kampf geführt werden. Doch dazu kam es glücklicherweise nie.

Geheimbunker im Wald: Zeitreise in den Kalten Krieg
Wer mit Reisemobil oder Caravan unterwegs ist, muss nicht immer klassische Ziele wie den Badesee ansteuern. Auch abseits beliebter Touristenrouten gibt es vieles zu entdecken: zum Beispiel diesen alten DDR-Bunker in einem Waldstück bei Tessin.

Wer mit Reisemobil oder Caravan unterwegs ist, muss nicht immer klassische Ziele wie den Badesee ansteuern. Auch abseits beliebter Touristenrouten gibt es vieles zu entdecken: zum Beispiel diesen alten DDR-Bunker in einem Waldstück bei Tessin.

Das Wohnmobil ruckelt über den alten Betonplattenweg, der in den Wald führt. Eine rostige Schranke zwingt uns zum Halten. "Betreten verboten" steht mit Graffiti auf dem Gebäude zu unserer rechten. Wir lassen den Motor weiterlaufen und starren auf den versperrten Weg. Was nun? Rückwärtsgang?

Die Neugierde siegt. Zu Fuß geht es weiter. Wir drücken eine Gittertür auf und folgen der Betonstraße, vorbei an den ehemaligen Unterkunftsgebäuden der Mannschaften. Der tarnfarbene Putz schält sich in dicken Lappen von den Wänden. Große Teile des Areals hat sich die Natur zurückgeholt. In den Dachrinnen wuchern Gräser und kleine Büsche. Und auch Menschen scheinen diesen Ort aufzusuchen – dieses Mal in friedlicher Mission: Bunte Farbspritzer an den Wänden erzählen von Jugendlichen, die hier Paintball spielen.

Es sind vor allem die Nähe zur Natur, die Abgeschiedenheit und Flexibilität, die Reisende am Campen schätzen. Nähe zur Natur haben wir mit unserem Bulli reichlich – doch flexibel sind wir mit ihm nicht. Auf unserer Ostsee-Tour waren wir von Rastplatz-WCs und Campingplätzen abhängig. Nach einer Panne und stundenlanger Schrauberei schlichen wir uns in Schweden nachts auf einen geschlossenen Campingplatz: Unsere Hände waren voll mit Schmieröl. Und wir brauchten Seife und warmes Wasser.

Eine Panne droht uns mit unserem Wohnmobil zwar nicht. Und vor allem das kleine Badezimmer mit Waschbecken, Dusche und WC stellt mehr Unabhängigkeit in Aussicht. Doch auch die größte Freiheit endet spätestens nach zwei bis drei Tagen. Der Bordcomputer zeigt an, dass unser Abwassertank voll ist. Und der Frischwassertank leer. Wir beschließen, nicht wie geplant wild am Müritzsee zu campen, sondern steuern stattdessen einen Campingplatz an. Einmal nachfülllen, bitte!

Eine Nacht verbringen wir hier und fahren am nächsten Morgen an den Schaalsee. Er liegt im ehemaligen innerdeutschen Grenzgebiet zwischen Schleswig- Holstein und Mecklenburg-Vorpommern. Die Lage im einstigen Niemandsland war ein Glücksfall für die Natur vor Ort: Kraniche, Seeadler und Fischotter leben bis heute in der Region. In den Wäldern um den See gedeihen Blumen wie Orchideen und in den Gewässern schwimmen seltene Fischarten wie Stinte, Hasel und Quappe.

Es erscheint paradox: Ausgerechnet der Kalte Krieg hat zum Erhalt dieser atemberaubenden Naturlandschaft beigetragen. Seit 2000 zählt das 310 Quadratkilometer große Gebiet östlich des Schaalsees zum UNESCO-Biosphärenreservat.

Schaalsee

Von diesem Steg im Schaalsee kann man bis zum Grund sehen - oder einfach die Füße ins Wasser baumeln lassen

Den 24 Quadratkilometer großen See und die umliegenden Wälder erkundet man am besten zu Fuß oder mit dem Rad und lässt die fast unberührte Natur auf sich wirken. Wir parken unser Wohnmobil auf einem kleinen Stellplatz kurz vor der Schaalsee-Insel Kampenwerder und gehen am Seeufer Richtung Lassahn weiter. Hier brummt und wuselt es an jeder Ecke: Libellen, Mistkäfer, Hornissen und Hummeln kreuzen unseren Weg. Leider auch ein paar riesige Stechmücken – auch sie sind Teil des Artenreichtums vor Ort.

Von Lassahn aus genießen wir den Blick über Wald und See und stärken uns, bevor wir die Heimreise nach Hamburg antreten. Einen Höhepunkt hält der See für uns jedoch noch bereit: Ein Seeadler schnellt vor uns aus dem Grün des Waldes und verschwindet binnen Sekunden wieder im Dickicht.

Besonders familienfreundlich: Europa-Ranking: Das sind die zehn schönsten Campingplätze direkt am Meer
Deutschland: Ostseecamp Rostocker Heide   Ein 30 Meter breiter Strand mit feinem Sand liegt direkt am Ostseecamp Rostocker Heide in Graal-Müritz. Kleinkinder können hier problemlos toben, denn die Küste geht sanft in das Meer über, dessen Wasserqualität ebenfalls den Standards der blauen Flagge entspricht. Neben separaten FKK- und Hundestränden gibt es auch die Möglichkeit, Lagerfeuer am Strand zu machen.   Infos: www.ostseecamp-ferienpark.de/campingplatz-an-der-ostsee.html

Deutschland: Ostseecamp Rostocker Heide 

Ein 30 Meter breiter Strand mit feinem Sand liegt direkt am Ostseecamp Rostocker Heide in Graal-Müritz. Kleinkinder können hier problemlos toben, denn die Küste geht sanft in das Meer über, dessen Wasserqualität ebenfalls den Standards der blauen Flagge entspricht. Neben separaten FKK- und Hundestränden gibt es auch die Möglichkeit, Lagerfeuer am Strand zu machen. 

Infos: www.ostseecamp-ferienpark.de/campingplatz-an-der-ostsee.html

Die Straßen Hamburgs erscheinen uns nach diesen Eindrücken plötzlich seltsam grau. Ein letztes Mal zieht es uns an den Hafen, an die Elbe. Wir sitzen auf der Schwelle unseres Wohnwagens und lassen den Blick schweifen. Vor uns zieht Wind auf, graue Wolken zeichnen sich am Himmel ab. Hinter uns wärmt das Licht des Wohnwagens und ich verstehe, was den Reiz dieser Wohnung auf vier Rädern ausmacht. Reisen mit Wohnmobil bedeutet eine Heimat in der Ferne zu haben. Es vereint Widersprüche. Abenteuerlust und Gemütlichkeit. Aufbrechen und ankommen.

                                Veröffentlicht am 15. Juni 2019

Das Fahrzeug wurde uns für diese Reportage vom Verband der Caravaning Industrie (CIVD) zur Verfügung gestellt.



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