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Salzburg: Jedermanns Schatzerl

Wenn Ende Juli in Salzburg mit der "Jedermann"-Aufführung die Festspiele beginnen, verwandelt sich die bezaubernde Provinzschönheit für fünf Wochen in eine Kulturmetropole mit Promi-Besetzung

Es gibt Leute, für die ist die Getreidegasse die Summe Salzburgs schlechthin. Und es gibt andere, die Salzburg heiß lieben, aber in die Getreidegasse keinen Fuß setzen würden. Wie Gérard Mortier, der viel befeindete vorige Intendant der Salzburger Festspiele. Der Mortier behauptete, die weltberühmte Getreidegasse fünf Jahre lang nicht betreten zu haben, und auch für solche Äußerungen hassten die Salzburger ihn. Obwohl heute, zwei Jahre nach seinem Weggang, sich noch seine ärgsten Feinde nach ihm zurücksehnen.Graf Walderdorff, der legendäre einstige Wirt des ebenso legendären "Goldenen Hirschen" - Graf Johannes Walderdorff also, den sie hier bloß "den Grafen" nennen und der zu Salzburg gehört wie das Rauschen der Salzach, der war schon immer für den Mortier und für die Getrei-degasse. Zum einen, weil der "Goldene Hirsch" mit seiner einen Seite an Salzburgs weltberühmter Barock-Shopping-Meile liegt. Dann aber auch, weil die Getreidegasse mit den schmiedeeisernen und vergoldeten Zunftschildern gewissermaßen die Kinderstube des Grafen darstellt, denn schon seine Mutter hat den "Hirschen" geleitet. Außerdem liebt er die alten Fassaden und die Straßen verbindenden Durchhäuser mit ihren Arkaden und Innenhöfen. Jahrelang hat er erfolgreich bekämpft, dass McDonald's in die Getreidegasse einzieht. Bis seine Kinder protestierten: "Endlich soll ein gutes Restaurant nach Salzburg kommen, und ausgerechnet unser Vater verhindert es." So geht's eben.

McDonald's hat Mortier gewiss auch nicht gemeint, wenn er sagte, das kosmopolitische Denken in Salzburg könnte ausgeprägter sein. Mortier hat die Stadt am liebsten von oben betrachtet, von seinem Haus am Mönchsberg. Der Mönchsberg begrenzt die Stadt nach Südwesten, und von dort oben sieht Salzburg so festlich, heiter und barockprächtig aus, dass es einem den Atem verschlägt. Verschwen-derisch sei Salzburg gebaut, schwärmte der Schriftsteller Stefan Zweig: "Mächtig die Türme, mächtig die Paläste, herausfordernd groß die Kirchen... Zwanzig, dreißig Kirchtürme steigen empor aus dem sonst enggewinkelten Häusergewühl." An "malerischer Schönheit (könne) sich kaum eine andere Stadt mit Salzburg messen", fand der Baedeker schon 1892.

Böse Zungen behaupten, die Salzburger selbst seien notorische Jammerer und würden immer bloß profitieren wollen von der Einzigartigkeit ihrer Stadt. Das Schöne, Neue, Aufregende sei stets von außen gekommen. Von jenen Männern etwa, die großen Familien entstammten, nie zuvor in Salzburg waren und als Fürstbischöfe jahrhundertelang - geistig-geistlich, sinnenfroh, kriegsunlustig und den schönen Künsten zugetan - die Stadt regierten und prägten. "Prächtige Kirchen zu bauen und weiträumige Paläste, schöne Gärten, Springbrunnen und Wasserspiele, war ihre Leidenschaft", schrieb Zweig, "und reich wie sie waren, ließen sie sich ihren Lebensraum in prächtiger Fülle ausstatten." Allen voran Wolf-Dietrich von Raitenau (1587-1612), der mit seiner schönen Geliebten Salome Alt und 15 Kindern wie ein Renaissancefürst lebte und die Stadt italienvernarrt in ein "deutsches Rom" verwandeln wollte. Die besten italienischen Baumeister legten den Grundstein für das einmalige barocke Ensemble.

Auch der berühmteste Sohn der Stadt, Wolfgang Amadeus Mozart, ist kein echter Salzburger. Meint jedenfalls Graf Walderdorff beim großen Braunen im Café Tomaselli. Das Tomaselli am Alten Markt ist übrigens das Kaffeehaus der Stadt. Es gibt dann eigentlich nur noch das Café Bazar in der Schwarzstraße rechts der Salzach, das ist auch das Kaffeehaus der Stadt. Außerdem ist beiden gemeinsam, dass sie aus einem Bruderzwist im Hause Tomaselli entstanden. Der Unterschied ist, dass im Bazar eher Künstler und Intellektuelle sitzen, ins Tomaselli hingegen geht alles, was glänzt und glamourt. Oder: Das Tomaselli hat die einmalig süßen Kuchenmadln mit den Tortentabletts. Aber wenn im Bazar ein Kellner in Pension geht, dann ist es den Zeitungen eine Nachricht wert.Um auf Mozart zurückzukommen, der übrigens seine Melange stets im Staiger - dem Vorgänger des Tomaselli - schlürfte: "Sein Vater, Leopold, kam aus Augsburg", sagt Graf Walderdorff, "und es ist ein purer Zufall, dass Mozart in Salzburg geboren wurde." Gut behandelt haben ihn die Salzburger jedenfalls zu Lebzeiten nicht. "Sie wissen, bester Freund, wie mir Salzburg verhasst ist", schrieb Mozart 1778 in einem Brief, und 1781 kam es zum Bruch des jungen Konzertmeisters mit seinem Dienstherrn, dem Fürstbischof. Mozart: "Das heißt auf teutsch, dass Salzburg nicht mehr für mich ist." Auch anderen Salzburger Künstlern lag die Stadt gelegentlich im Magen wie Geselchtes jenseits des Verfallsdatums: "Ihre (Salzburgs) größte Leidenschaft ist die Geistlosigkeit, und wo sich Phantasie auch nur zeigt, wird sie ausgerottet", so der Schriftsteller Thomas Bernhard, und das war nur eine seiner Salzburg-Verwünschungen. Der Bernhard hat posthum eine Sackgasse bekommen, der Jung-Lyriker Georg Trakl, der an der Stadt verzweifelte und sich später das Leben nahm, ein paar Gedenktafeln. Aber beim Mozart, da haben die Salzburger echte Wiedergutmachung betrieben: Mozart-Geburtshaus, Mozart-Wohnhaus, Mozarteum, Mozart-Denkmal, das Kleine Festspielhaus wird gerade zu einem "Haus für Mozart" umgebaut, und 2006, zu seinem 250. Geburtstag, soll die ganze Stadt im Zeichen des vielleicht größten Komponisten stehen.

An dieser Stelle kommen wir kurz auf ein fast magisches Wort, das die Salzburger Geschäftsleute regelmäßig in Entzücken versetzt. Es heißt Umwegrentabilität und bedeutet in etwa, dass alle etwas davon haben, wenn Touristen zum Beispiel wegen Mozart nach Salzburg kommen: die Hoteliers und die Gastwirte, die Fahrradverleiher und die Trachtengeschäfte, die Fiaker, die Mozartkugelverkäufer und die Banken. Noch besser für die Umwegrentabilität sind die alljährlichen Salzburger Festspiele. Jeder auswärtige Festspielbesucher gibt pro Tag - Opern- und Konzertkarten nicht mitgerechnet - rund 220 Euro aus. Oder wie es Festspielpräsidentin Helga Rabl-Stadler sagt: "Die Festspiele erzeugen direkt und indirekt einen wirtschaftlichen Nutzen von 160 Millionen Euro. Das Produkt Festspiele stimmt."Auch die Spiele sind den Salzburgern von außen gekommen. Von Max Reinhardt, dem großen Theatermann, der zusammen mit Richard Strauß und Hugo von Hofmannsthal Österreich nach dem Ersten Weltkrieg kulturell wieder aufhelfen wollte. Im August 1920 gab es auf dem Domplatz die erste "Jedermann"-Aufführung, das "Spiel vom Sterben des reichen Mannes", und Jedermann-Darsteller Alexander Moissi kriegte als Gage eine Krachlederne aus Hirschleder von Jahn-Markl am Residenzplatz. Wenn heutzutage Ende Juli die Salzburger Festspiele beginnen, dann verwandelt sich das traumhaft schöne Provinzstädtchen übergangslos in eine Metropole. Fünf Wochen lang treten die Salzburger ihre Stadt an die Global Society ab, und die Internationale der Reichen, Edlen und Schönen wohnt dem besten und glamourösesten aller Festivals bei. Ganz Salzburg wird dann zur Bühne, und jeder, der will, hat seinen Auftritt.

Es sind jene fünf Wochen im Jahr, in denen Fürstin Marianne zu Sayn-Wittgenstein, 84, von ihren Freunden "Manni" genannt und eine der herausragenden Salzburger Gastgeberinnen, sonntagmittags in ihr Landhaus nach Fuschl einlädt und ihre 80 Gäste mit Hirschgulasch und Preiselbeeren bewirtet und selbst gemachtem Marillenfleck. Jene Zeit, in der Bianca Jagger oder der Großherzog von Luxemburg bei Michael Aufhauser vorbeischauen, dem neuen Society-Star, der auf Gut Aiderbichl gequälten Tieren neuen Lebensmut gibt. Damit gewinnt er die Herzen der VIP-Damen, und bei den Festspielempfängen verzichtet er sogar auf Spanferkel und Gänsestopfleber. Den Galeristen Thaddäus Ropac hingegen umweht stets ein Hauch diskreter Noblesse. Sodass man sich fast wie beschenkt vorkommt, wenn man für ein Vermögen einen Anselm Kiefer bei ihm erwirbt. Ropac pflegt in den "Goldenen Hirschen" oder in die barocke Villa Emslieb bei Hellbrunn einzuladen. Seine Feste sind so begehrt, dass die Vorstandssekretariate deutscher Großunternehmen gern beiläufig wissen lassen, wann und wie lange der Chef heuer bei den Festspielen weilt. Ropac gebührt das Verdienst, moderne Kunst in Salzburg überhaupt erst etabliert zu haben."Heute kommt man nicht mehr nur der Musik wegen hierher", sagt er. Wenn der Star-Galerist Francesco Clemente oder Andy Warhol oder Kiefer ausstellt, dann sind die Bilder bereits vor der Vernissage "platziert" und zumeist schon verkauft.Als Normalmensch erfährt man von den Vergnügungen der Jedermann-Gesellschaft ohnehin erst aus den "Salzburger Nachrichten". Dass etwa der amerikanische Großmäzen Donald Kahn ("Sehr altes Geld!"), der 4,3 Millonen Euro spendiert für den Umbau des Kleinen Festspielhauses, zum "Amadeus-Weekend" geladen hat, einem "Fundraising-Event". Im letzten Jahr war Prinz Charles Kahns "special guest". Und alle schwärmen noch heute von ihm und Camilla - auch Suzanne Harf, die Protokollchefin der Festspiele, der er danach ein Telegramm geschickt hat: "I am still trying to recover from the very unusual production of "Die Entführung aus dem Serail". Yours sincerely ...".

Suzanne Harf ("Ich bin diejenige, die weiß, wann hier wo was los ist") ist die Seele vom Geschäft, ohne ihr Organisationstalent, ihren Charme und ihr Know-how ginge nichts: "Im Sommer bin ich überall und nirgends und versuche, jedem das Gefühl zu geben: "Sie sind mir der Liebste!"." Sie stellt die Gästelisten zusammen ("Bei uns gehen die VIPs von Uschi Glas bis Eliette von Karajan"), weiß, wer mit wem nicht kann, macht das Placement ("Immer heikel!"), muss bleiben, bis die Letzten gehen, und über so viele Roben verfügen, dass alle Vorhangstangen daheim im Schlafzimmer voll davon hängen."In der Nicht-Saison ist Salzburg, wie jedermann weiß, bezaubernd", hat der Schriftsteller Alfred Polgar einmal gesagt und sogleich hinzugefügt: "Jetzt ist Saison." Aber darüber kann man wie gesagt auch ganz anderer Meinung sein.Christine Claussen

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