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Süditalien: Wie Spielzeug im Meer

Filicudi und Alicudi sind die kleinsten der Liparischen Inseln vor der Südwestküste Italiens. Ideal, um mal ein paar Tage so richtig abzuschalten.

Ninos Stammplatz am späten Vormittag ist das Mäuerchen beim Porto, dort, wo sich die Mole zu Filicudis bunter Shopping-Gasse mit kleinen Läden und Bars verengt. Die einzige ihrer Art auf der ganzen Insel und ein Nadelöhr, durch das sie alle ganz nah an ihm vorbei müssen. Da sitzt er dann mit seinen kurzen Beinen, pafft einen Stumpen und beguckt sich die Neuankömmlinge, die das kleine Tragflügelboot aus Lipari ausgespuckt hat. Klar haben es ihm die hochgewachsenen Blondinen aus dem Norden besonders angetan, wenn sie in knappen Shorts und Turnschuhen an ihm vorbeiwanken, ganz bleich nach der einstündigen Überfahrt auf dem mitunter temperamentvollen Meer. Dann wirft sich Nino in die Brust, schnellt für seine 74 Jahre erstaunlich behände vom Logenplatz und stellt sich den Mädels in den Weg: "Scusi Signorina, ein Motorino gefällig?"Die Anmache klappt seltener als früher, aber immerhin. Nino, König der Pescatori auf dem neuneinhalb Quadratkilometer großen Eiland, der einst die größten Hummer und die hübschesten Touristinnen fischte, hat einen Ruf zu verteidigen. Der Köder mit dem Motorroller, das war seine Idee zu einer Zeit, als die jüngeren Filicudari, die heute ihre Scooter gleich im Dutzend vermieten, noch nicht mal Pickel hatten.

Denn auf Filicudi gibt es kaum Autos, keine Tankstelle und nur eine Straße. Sie verbindet den Hafen mit Pecorini a Mare, dem Fischerdorf auf der gegenüberliegenden Seite der ellipsenförmigen Insel. Zehn Kilometer schlecht asphaltierte Fahrbahn mit scharfen Serpentinen und atemberaubenden Ausblicken aufs Meer, der Nino seine glücklichsten Momente im Jahr verdankt: weiche Mädchenbrüste im Rücken, jedes Mal, wenn er mit Schmackes in die Kurven geht."Sie könnten alle ein bisschen mehr beten und beichten", mault Don Vincenzo und zerrt seine fleckige Soutane zurecht. Ein Leben lang hat er den Allmächtigen auf diesem Eiland vertreten, kein leichtes Spiel bei Schwerenötern wie seinem Altersgenossen Nino. Meist sitzen nur ein paar alte Frauen in der Sonntagsmesse. Die knapp 450 Seelen seiner Gemeinde sorgen sich im Sommer um Fischfang und Tourismus - "in dieser Reihenfolge" - und im Winter um sich selbst. Kein Wunder also, wenn das Gotteshaus des Santo Stefano an allen Ecken wegbröckelt, sich wilde Fenchelbüsche Bahn brechen durch die klaffenden Risse auf dem Kirchplatz über dem dunkelgrünen Meer. "Bei Taufen und Beerdigungen, da brauchen sie mich noch", seufzt Don Vincenzo, "und bei Hochzeiten". Auch wenn es seit Jahren mehr auswärtige als heimische Brautleute gibt, die sich vor der romantischen Kulisse das Jawort geben.

Längst sind die größeren der sieben Liparischen Inseln, die von oben wie ins Meer gestreute Spielzeugkegel aussehen und von der Unesco gerade mit dem Prädikat Weltkulturerbe geadelt wurden, etablierte Stationen im Mittelmeer-Tourismus: Lipari, die Geschäftige und Hauptverwalterin, Salina, die fruchtbar Bodenständige, Panarea mit ihrem Luxusappeal und selbst die feurigen Zwillinge Vulcano und Stromboli, solange ihre Krater Ruhe halten. Nur Filicudi, die Kleine und Alicudi, die Allerkleinste, sind Außenseiterinnen geblieben. Geografisch am weitesten von den Küsten Siziliens und Kalabriens entfernt, ragen sie wie vergessene Paradiese aus dem Thyrrenischen Meer.Wer Don Vincenzo zum Mittagessen begleitet, gerät mitten hinein in die Köstlichkeiten Filicudis. Jahrhundertealte Natursteinpfade führen von der Kirche hinunter nach Pecorini a Mare, durch üppige Kaktusfeigen- und Gummibaumwälder, vorbei an verwilderten Terrassen mit Weinreben und Olivenbäumen. Dazwischen liegen die flachen Steinhäuser der Insulaner, schneeweiß, sonnenblumengelb oder pfirsichrot hingetupft ins Macchia-Grün, mit bunt umrahmten Fenster- und Türöffnungen und ihren Pergolen aus Palmenblättern und Bougainvillea-Kaskaden, unter denen man für immer Platz nehmen möchte: hingestreckt auf den mit antiken Majolika-Kacheln bedeckten Steinbänken, das Summen der Hummeln im Ohr und in der Nase den Duft nach wilder Minze und frischem Fisch.Antonio, ein graumelierter Seigneur der alten Schule, hat heute seine hoch gelobten Spaghetti al nero zubereitet, mit schwarzem Tintenfisch-Sugo. Für Don Vinzenzo ist beim Wirt der Pension La Sirena jeden Mittag ein Tisch unter der Pergola reserviert, direkt hinter der kleinen, lavadunklen Sandbucht, auf die die Fischer von Pecorini nach getaner Arbeit ihre bunten Holzboote ziehen. Bei mariniertem Seebarsch-Carpaccio und delikaten Schwertfischröllchen kann man von Antonio, dem Sizilianer aus Catania, und seiner englischen Frau Alina viel erfahren über ihre Wahlheimat. Sie gehörten zu den ersten Zugereisten, die sich vor über 20 Jahren auf ihrer Trauminsel niederließen, um vom Tourismus zu leben. Lady Alina, eine stets barfüßige Malerin in den Fünfzigern, baute das alte Fischerhaus am Strand in ein kleines Boheme-Hotel um. Vier mit antiken Möbeln eingerichtete Zimmer zum Meer im ersten Stock, unten Bar und Küche, Antonios Reich, seit er seinen Job als Anwalt aufgegeben hat. Nach harten Anfangsjahren kämpfen heute zwei Seelen in ihrer Brust. Noch immer verteidigen die beiden den nostalgischen Charme der Insel mit ihren Pensionen und Trattorien und den privat vermieteten Ferienwohnungen, die im Sommer höchstens anderthalbtausend Gästen Unterkunft bieten. Zum Glück fehlen große Strände auf Filicudi, deshalb fehlen auch große Hotels, nicht mal einen Campingplatz gibt es oder einen Bankautomaten."Fürs Business", sagt Alina, "sind die meisten hier nicht geboren." Pino etwa, der einzige Taxifahrer vor Ort, hört immer dann abrupt mit der Arbeit auf, wenn er glaubt, jetzt sei genug verdient. Dann stellt er seinen verbeulten Kleinbus ab und geht zum Fischen - auch in der Hochsaison. Also fährt Alina selbst ihre Gäste über die Insel, führt sie zu den antiken Ausgrabungen auf dem Capo Graziano, chartert das Fischerboot des Nachbarn für eine Rundfahrt um die Insel oder zum Bad in der Grotte Bue Marino, die mit ihrem gleißend blauen Wasser selbst nüchterne Nordlichter zu Jauchzern hinreißt. Doch manchmal sehnt sich das Wirtspaar nach sanftem Fortschritt auf den von Armutsemigration in den 50er Jahren ausgezehrten Inseln Filicudi und Alicudi.

Eine Einsiedelei ohne Strom- und Wasserversorgung hat sich Eva-Maria Stark auf Alicudi ausgewählt. Die 62-Jährige, einst Lehrerin in Freiburg, lebt seit 1987 mit ihrem Sohn Holger, 37, unzählige Lavafels-Stufen über dem Meer. Eine knappe Stunde Aufstieg zu Fuß oder mit dem Maultier liegt zwischen den Starks und der Anlegemole La Palomba in Alicudi Porto, dem einzigen Dorf auf der Insel, mit Pension, Bar, Lebensmittelladen, Poststube - und einem Mini-Schulhaus für derzeit acht Schüler. 120 Menschen leben hier und 20 Esel, die einzigen Transportmittel auf dem Fünf-Quadratkilometer-Inselchen mit seiner kurzen Asphaltpiste entlang der Kaimauer. Über die düst Silverio, der einzige Pkw-Halter, manchmal mit seinem rostigen Cinquecento, 100 Meter die Strandpromenade rauf und 100 Meter wieder runter. Rund 200 Gäste können hier im Sommer höchstens in den über 40 hübsch renovierten Häusern wohnen, die als Feriendomizile vermietet werden. Ein paar hundert kommen in der Hochsaison als Tagestouristen an Land, ausgerüstet mit kräftigem Schuhwerk, Schirmkappe und hohem Lichtschutzfaktor. Dann klettern sie, vorbei an wilden grünen Tomaten, Kapern und Rosmarinbüschen hinauf zum Sankt-Bartholomäus-Kirchlein oder zum Monte Timpone, der 662 Meter hohen Inselspitze. Wer will, den führt Walter Paganotti hinauf, ein ehemaliger Lkw-Fahrer aus Brescia, der auf Alicudi ins Exil ging, "weil ich die Nase voll hatte von Verkehrsstaus und Abgasdämpfen". Walter kennt wunderbare Geschichten über die Insulaner, auch über das paradoxe soziale Gefälle: "Je weiter oben, desto ärmer. Und ganz droben, wo kein Strom und keine Wasserleitung mehr hinführt, da gibt es nur die verrückten Deutschen." Eva-Maria Stark kennt das Gerede, außer ihrer eigenen Familie gibt es da noch die andere deutsche Eva mit ihren fünf Töchtern, ein paar Klippen weiter. "Es mag ja beschwerlich sein, hier zu leben. Aber für uns ist es ein Paradies, das uns individuelle Freiheit schenkt", sagt sie mit einem Funkeln in den Augen. Gemeinsam mit ihrem Sohn hat sie bemerkenswerte Aufbauarbeit geleistet, verlassene Häuser spartanisch, aber liebevoll hergerichtet, einen exotischen Blütengarten geschaffen mit dem Regenwasser, das sie im Winter in Brunnen sammeln. Sieben kleine Apartments bieten sie für Liebhaber des Ökotourismus an. Vom Dorf werden einmal die Woche auf Muli-Rücken Spaghetti, Kaffee, Brot und sonstiger Bedarf angeliefert - Tomaten, Basilikum und andere Gemüse wachsen im eigenen Garten. Ein Wolkenkuckucksheim für Zivilisationsmüde."Alicudi ist was für Leute, die praktisch ins Kloster wollen", erklärt Antonio, 83, den alle Tony nennen, weil er als junger Mann für ein paar Jahre nach Australien ausgewandert war. Dann schenkt er ein Glas bernsteingelben Malvasier ein, den er von der Wein-Insel Salina bezieht und in Plastikflaschen abgefüllt in einer betagten Eiscremetruhe aufbewahrt. Seit über 40 Jahren betreibt Tony auf Filicudi seinen "Saloon", eine Mischung aus Freiluftkneipe und Tante-Emma-Laden an der Mole von Pecorini. Drinnen gibt es Küchenrollen, Kekse und Getränke in Selbstbedienung, denn Tony sitzt meist draußen unter der Säulenpergola - beim Kartenspiel mit Don Vincenzo, dem Priester, mit Giovannino, dem Frauenheld und dem schneidigen Maresciallo-Carabiniere, der auf den beiden Inseln für Ordnung sorgen soll. Aber viel ist nie zu tun, mal ein gestauchter Touristinnen-Knöchel auf Filicudi, mal ein kleiner Brand auf Alicudi, der gottlob schon gelöscht war, als er den chronisch defekten Motor seines Polizeischlauchboots endlich in Gang bekam.Wenn die Sonne untergeht, legen manchmal Segelboote an der Mole von Pecorini an - und dann ist bei Tony Highlife. "Auch wer nach Filicudi kommt, sollte ein bisschen inneres Gleichgewicht mitbringen", rät Tony noch, "denn selbst Handys funktionieren hier nicht." Auf dem Meer entfernt sich röhrend das letzte Tragflügelboot und erinnert die Besucher, dass es weit da draußen, irgendwo, noch eine andere Welt gibt.

Daniela Horvath und Hanns-Jörg Anders (Fotos)

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