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Velomania: Paris kommt auf Touren

Spätestens, wenn im Dezember das Chanel-Fahrrad in den Schaufenstern des Couturiers in der Avenue Montaigne stehen wird, werden es die Letzten merken: Die Zeiten, in denen Fahrradfahren nur was für hart gesottene, verschrobene Ökos waren, sind in Paris vorbei. Fahrradfahren ist in der Hauptstadt "branché": höchst angesagt.

Von Astrid Meyer

Damit ist der Stadtregierung eine Revolution gelungen: Fahrradfahren erinnerte die Pariser bis vor kurzem noch heftig an die deutsche Besatzung, während der das Benzin rationiert war, und es war eine Frage des Nationalstolzes, sich dieses aufgezwungenen Fortbewegungsmittels keinesfalls und unter keinen Umständen zu bedienen. Seit einigen Wochen hingegen ist die Begeisterung für "la petite reine", die kleine Königin, wie das Fahrrad auch liebevoll genannt wird, groß. Und zwar nicht nur in Streikzeiten, wenn Metros und Busse nicht mehr fahren und die Straßen von Staus verstopft sind.

Geschafft hat die Stadt das mit einem System von über 10.000 Leihrädern, die über die ganze Stadt verteilt sind. Die Nutzer nehmen ein Fahrrad an einer beliebigen Station - es gibt ein sehr dichtes Netz über die ganze Stadt - und geben es an einer beliebigen Station wieder ab. Das kostet pro halbe Stunde erst einen, dann zwei, dann drei Euro; die erste halbe Stunde ist umsonst. An die 200 Lastwagen sind den ganzen Tag mit Fahrrädern beladen unterwegs, um leere Stationen wieder aufzufüllen. Häufig sind das die Stationen, die auf Hügeln liegen, weil auch die Pariser lieber bergab fahren als bergauf.

Wer dieser Tage ein Fahrrad abbekommen will, muss allerdings früh aufstehen: Ab halb sieben ist nichts mehr zu holen, alle Fahrräder sind schon unterwegs oder in den Bürovierteln des Zentrums, wo sie erst zu Feierabend wieder gebraucht werden. Die Laster, die Fahrräder zurückbringen wollen dorthin, wo sie benötigt werden, stecken im Stau, weil zurzeit alle mangels öffentlicher Verkehrsmittel mit dem Auto ihren Arbeitsplatz zu erreichen versuchen. Im normalen Alltag der Großstadt geht es aber ruhiger zu. In den vergangenen Jahren wurden sehr viele Radwege gebaut, die allmählich auch von Fußgängern und Autofahrern zumindest ansatzweise respektiert werden. Mit zunehmendem Fahrradverkehr hat sich die Zahl der Flaneure und Dauerparker auf den Radwegen etwas vermindert.

Es ist so weit mit der Radfahrkultur, dass sogar die Luxushotels Meurice und Athénée Plaza - vor allem Letzteres eines der Nobelsten am Platz - beschlossen haben, dass Fahrradfahren nunmehr ein "Must" ist. Sie stellen ihren Gästen seit ein paar Wochen kostenlos Fahrräder zur Verfügung. Sie würden, heißt es, rege genutzt. Es handelt sich wohlgemerkt um bequeme Hollandräder, auf denen man nicht in Hosen und Trecking-Jacken fahren muss, womöglich mit einem garstigen Stirnband um den Kopf.

Denn das kommt natürlich gar nicht in die Tüte: Abstriche am modischen Äußeren zu machen, bloß weil man Fahrrad fährt. Wenn Karl Lagerfeld ein Fahrrad in die Chanel-Kollektion aufnimmt, dann bloß, weil er es mit seinen strengen ästhetischen Kriterien vereinbaren kann. Er selbst, so heißt es bei Chanel, fahre nicht Fahrrad. Aber das Gefährt entspreche ganz dem Geiste Chanels: Es sei praktisch und im Alltag einsetzbar - Kriterien, die in den 20er Jahren Coco Chanels Mode berühmt machte.

Wer das vor fünf Jahren behauptete, erntete unter Parisern ungläubige Blicke, Hohn oder bestenfalls gnädiges Schweigen angesichts eines potentiellen Selbstmörders. Weitere französische Städte wollen das Modell jetzt kopieren. Achtung Parisbesucher: Das Leihsystem Velib (www.velib.paris.fr) bietet auch Kurzabos an. Es ist wirklich ganz einfach. Aber Vorsicht: Die Pariser halten sich wenig an Verkehrsregeln. Dafür schauen sie meistens, bevor sie losfahren. Aber Rechthaberei im Straßenverkehr können sie nicht leiden.

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