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Indiens unentdecktes Reiseziel: Eine Wundertüte namens Karnataka

Der Bundesstaat Karnataka im Südwesten Indiens birgt ungeahnte Schätze: fantastisch verzierte Tempelanlagen, Sehnsuchtsstrände, krachbunte Hindu-Wallfahrten und ein mittelalterliches Rätselreich.

Von Wolfgang Röhl

Am späten Nachmittag, wenn die Sonne sich selbst nicht mehr ernst nimmt, schlägt die blaue Stunde der Empfindung. Vom Tempel des Affengottes aus wirkt die Landschaft mit ihren übereinandergetürmten Granitblöcken wie ein Hybrid aus Caspar-David-Friedrich-Gemälde und Science-Fiction-Filmset. Scheint, als könnte inmitten der letzten Lichtbündel ein Ufo niedergehen, dem vielarmige, mehrköpfige Kreaturen entsteigen.

Wir sind ja in Indien, dem Land der endlosen Mythen. Die blanken Felsen am Tempel, pottwarm von der Tageshitze, füllen sich mit Publikum. Sunset Point heißt der Platz mit Blick über die Ruinenfelder von Hampi. In einer Felsspalte bereiten die "Monkey Boys" ihren Auftritt vor. Shamesha, 18, hat sich penibel geschminkt, eine imposante Haube auf den Kopf gesetzt und ein Glitzerkostüm angelegt. Die rote Maske über der Mundpartie verrät, er verkörpert Hanuman, den sagenhaften General des Affenheeres, eine in Indien populäre Götterfigur aus dem Ramayana-Epos.

Shamesha posiert am Sunset Point für Schnappschüsse, schneidet Grimassen, geht in Kriegerstellung, gern auch an der Seite von Touristen. Sein Bruder Krischna, 20, rotes Vodafone- T-Shirt, bittet um einen Obolus für die kleine Show. Das Geschäftsmodell funktioniert.

We in einem Indiana-Jones-Film

Hampi, Ruinenwunder am Tungabhadra-Fluss, ist außerhalb Indiens fast unbekannt. Eine 26 Quadratkilometer große Fusion aus Religion, Handel, Jahrmarkt, Tourismus. Da gibt es Monumente aus dem 14. Jahrhundert, üppig verzierte Tore und Wasserbecken und Säulen und Hallen und Gänge. Von Pilgern durchströmte Tempel, wo das hingebungsvolle Opfern von duftenden Blumengestecken oder zerfledderten Geldscheinen derart intensiv betrieben wird, dass es den Besucher aus dem Westen nahezu ansteckt. Sogar dann, wenn er weder dem Hinduismus noch einer anderen Religion sonderlich zugetan ist.

Ferner sind da diese typisch indischen Flusstreppen, ghats. Orte für zeremonielle Waschungen. Oder einfach für die Wäsche. Ein pastellfarbener Pavillon scheint auf, gebaut für eine Königin. Stallungen für ihre Elefanten. Fledermausträchtige Katakomben, die wirken wie aus einem Indiana-Jones-Film.

Yoga, Ayurveda und Wlan

Hampi Bazaar heißt das Zentrum am Virupaksha-Tempel. Zum Kummer der Denkmalschützer haben sich Händler und Ziegenhirten in jahrhundertealten Ruinen eingenistet, die Unesco-Welterbe-Status genießen. Durchgestylte Gaukler patrouillieren entlang der Haupttrasse. Hampi ist auch ein Treffpunkt für eine kleine, indienkundige Traveller-Gemeinde. Es gibt jede Menge Billigquartiere, szenige Lokale wie das "Mango Tree", allerorten Yoga, Ayurveda, Good Vibrations und Wlan. Und dann und wann einen Elefanten.

Jeden Morgen nimmt die Tempel-Elefantendame Lakshmi ein Bad im Fluss, bevor sie, aufgerüscht, zum Dienst in den Virupaksha-Tempel trottet. Während des Bades wird sie von zwei Mahuts kräftig geschrubbt. Manche Neuankömmlinge halten Lakshmi für tot, ertrunken. Weil sie sich, im seichten Wasser auf der Seite liegend, ungern bewegt. Nur die Rüsselspitze, die sich ab und zu aus dem Wasser hebt, verrät sie.

Den schönsten Blick auf das Spektakel hat, wer beim Freiluftfigaro Gopal an der obersten Treppenterrasse Platz nimmt. Gopal kürzt täglich bis zu 25 Touristen die Haare. Und zwar so gut, dass der Friseur daheim nicht gleich in Ohnmacht fällt.

Wiederentdeckt während der Kolonialherrschaft

Rund 200 Jahre war Hampi Hauptstadt des Königsreichs Vijayanagar. Dieses letzte große Hindu-Reich erstreckte sich über ganz Südindien. Die Sultanate des Nordens griffen es immer wieder an. 1565 überrannten Moslem-Heere Hampi, plünderten seine Schätze, vertrieben die Bewohner. Zwar überstanden viele der granitenen Tempel und Paläste den Sturm. Doch nie mehr sollte sich die Stadt erholen. Dschungel überzog die heiligen Stätten. Bis sie während der britischen Kolonialherrschaft wiederentdeckt und freigelegt wurden. Der erste Hampi-Reiseführer, verfasst von A. H. Longhurst, erschien 1917.

Heute dienen die Monumente - es sind hunderte - immer mal als Kulissen für Indiens Filmfabrik Bollywood. Das magische Areal liegt im Bundesstaat Karnataka. Er grenzt an die populären Touristenregionen Kerala und Tamil Nadu und bietet, so schwärmt seine noch kleine Fan-Gemeinde, ein Indien in der Nussschale: alles drin, was den Subkontinent von jeher ausmacht – steinalte Kultur, quietschbunte Märkte, exotische Landschaften. Und die Strände, so spricht sich mählich herum, sind die schönste Alternative zur Massenbadewanne Goa.

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