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Ruinen in Vijayanagar: Wo der Affengott geboren wurde

In Indien verbinden sich noch immer Mythen und Geschichte auf wundersame Weise. Die Ruinen von Vijayanagar bezeugen eine glanzvolle Epoche, um die sich viele Sagen ranken.

Von Sascha Zastiral

Ruinen von Vijayanagar

Alter Tempel in den Ruinen von Vijayanagar

Zwei junge Ehepaare stehen schon vor Sonnenaufgang an dem kleinen Tunghabhadra-Fluss, der an dem südindischen Dorf Hampi vorbeifließt. Die Frauen tragen Saris, die Männer schwarze Hosen, weiße Hemden und teure Armbanduhren. Sie sprechen gemeinsam Gebete und legen Blüten in das ruhige Wasser. Auch Indiens neue Elite ist sich ihrer Traditionen bewusst.

Untergegangene Weltstadt

Unter einem Säulengang am Ufer sitzt ein junger Brahmane, ein Anhänger der Priesterkaste. Sein Oberkörper ist nackt. In der linken Hand hält er eine Blüte zwischen Zeigefinger und Daumen. Er hat die Augen fest geschlossen und rezitiert religiöse Sanskrit-Verse in Richtung der aufgehenden Sonne, deren erste Strahlen die umgebenden Berge aufleuchten lassen. Es riecht nach Räucherkegeln. Dorfbewohner nehmen ihr Morgenbad, neben ihnen waschen Pilger mit kahl geschorenen Köpfen Wäsche. Die meisten von ihnen sind schon seit Stunden auf.

Umgeben sind sie von einer eigentümlichen Landschaft aus Bergen, die aussehen, als wären sie von riesiger Hand aus gewaltigen runden Felsbrocken aufgeschichtet worden. Zwischen ihnen stehen Hunderte Ruinen von Tempeln und Palästen. Sie zeugen von einer längst vergessenen Zeit. Heute ist Hampi ein verschlafenes Nest in der Ebene des Bundesstaates Karnataka. Doch vor 500 Jahren stand hier Vijayanagar, die Hauptstadt eines gewaltigen Großreiches. Mit ihren eine Millionen Einwohnern war sie damals eine der größten Städte der Welt. Die etlichen Ruinen zeugen vom dramatischen Untergang des einstigen Imperiums.

Mythen vermischen sich mit Geschichte

Vijay Kumar streift durch die Ruinenlandschaft und berichtet von historischen Schlachten und längst vergessenen Königen. Er erzählt, wie Vijayanagar ab dem 14. Jahrhundert zu einem Großreich heranwuchs, das fast ganz Südindien umfasste. Doch 1565 schlossen sich mehrere muslimische Sultanate in der Region zu einem Bündnis zusammen. In einer gewaltigen Schlacht töteten sie den König des Vijayanagar-Reichs. Seine Soldaten legten sofort die Waffen nieder. Kumar erzählt, wie der Kronprinz mit seinen letzten Soldaten und den meisten Bewohnern aus der Stadt auszog, um der anrückenden siegreichen Armee der Feinde zu entkommen. Seine Entscheidung war richtig: Die feindlichen Söldner plünderten, mordeten und brandschatzten monatelang, bis der Glanz der prächtigen mittelalterlichen Millionenstadt vollständig zu Staub zerfallen war.

Kumar stammt aus dem Nachbarort. Er ist 28 Jahre alt und trägt ein gestreiftes kurzärmliges Hemd. Schon seit Jahren arbeitet er hier als Fremdenführer. "Hampi ist ein heiliger Ort", erklärt er dann. Denn schon vor tausenden von Jahren hätten sich hier große Ereignisse abgespielt.

Kumar beginnt, von den Legenden aus den klassischen hinduistischen Schriften zu erzählen, die sich um den Ort ranken, dabei unterscheidet er bewusst nicht zwischen Mythologie und Realität. Er erzählt, wie Halbgott Ram hierher kam. Ein Mönch, der auf dem Berg gegenüber der Flussbiegung lebte, sagte ihm, wo er den Affengott Hanuman finden könne, der hier geboren wurde. Dieser stellte Ram eine gewaltige Streitmacht aus Affensoldaten an die Seite. Gemeinsam bauten sie eine Brücke nach Sri Lanka. Dorthin hatte der böse Dämonenkönig Ravana Rams Gefährtin Sita entführt. Ram besiegte Ravana und bekam seine Sita zurück. "Das alles hat sich hier genau so abgespielt", schließt Kumar seine Erzählung.

Ruinen bis zum Horizont

Das Zentrum von Hampi überragt noch heute der Virupaksha-Tempel, ein hoher, typisch südindischer Stufentempel aus dem 9. Jahrhundert. Vor ihm steht ein fünf Meter hoher Holzwagen. Ein Mal im Jahr findet hier eines des größten Feste in ganz Südindien statt: Zur Zeremonie für Shiva und Parvati, eines anderen göttlichen Ehepaares, kommen jedes Jahr über 300.000 Menschen. Dann ziehen halbnackte Männer den tonnenschweren Wagen vom Haupttempel über den etwa 800 Meter langen Marktplatz. Hunderte junger Männer drängen sich darum, auf das wackelige kollosale Gefährt zu steigen. Denn die Legende besagt, dass diejenigen, denen es gelingt, den Wagen zu besteigen, bald heiraten werden.

Halsbrecherisch hohe, grob in den Stein gehauene Stufen führen auf den Hügel, der das Ortszentrum von Hampi überragt. Die Aussicht zeigt die schiere Größe der einstigen Riesenstadt: In jede Richtung erstrecken sich die Überreste Vijayanagars bis an den Horizont. Dazwischen wehen heute die Blätter von Palmen, Bananen- und Zuckerrohr-Plantagen im Wind. Der Tempel auf der Hügelspitze erinnert an die Legende des Affengottes: Makaken-Äffchen haben von dem Monument Besitz ergriffen. Brillen und Rücksäcke sollte man hier besser gut festhalten.

Inzwischen ist es Abend geworden. Die Strahlen der untergehenden Sonne spiegeln sich im Tunghabhadra-Fluss. Ein Fischer zieht sein kreisrundes geflochtenes Holzboot ans Ufer. Gegenüber ragt der Hügel in die Höhe, an dem Ram erfahren hat, wo er den Affengott Hanuman finden konnte. "Manchmal", sagt der Fischer mit einem Grinsen, "kann man nachts die Gebete des Mönchs hören, der Ram den Weg gewiesen hat. Der lebt noch immer irgendwo dort auf dem Berg."

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