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Wellness auf indische Art: Die Ayurveda-Glückspille namens Dr. Lalitha

Die Ayurveda-Ärztin Dr. Lalitha führt den gestressten Westeuropäer gekonnt auf den Pfad der Entspannung und der inneren Balance.

Von Swantje Strieder

Ayurveda

Die Mitte finden: Ayurveda-Massage

Öl, Öl, Öl! Schon wieder regnet eine warme Fettglasur auf mich herab. Ich liege nackt wie eine glitschige Ölsardine auf der leicht ausgehöhlten Massagebank. Alles fließt, alles trieft, es ist warm und klebrig um mich herum. So fühlen sich wahrscheinlich Pommes in der Friteuse. Nur, dass das Öl, das Vilaseni, meine zierliche Masseuse im roten Sari, über mich gießt, nicht nach Kartoffelfritten, sondern wie eine Mischung aus Sesam und Kokosnuss riecht. Etwas ranzig und irgendwie exotisch. Ayurvedisch. Als Höhepunkt tropft sie das Fett auch noch auf meine frisch gewaschenen Haare, die damit zum Wischmob mutieren. Opfer müssen wohl sein. Der Gesundheit zu Liebe.

Zu Beginn der Ayurveda-Zeremonie hatte Vilaseni ein duftendes Räucherstäbchen angezündet, wedelte damit zuerst über den kleinen Hausaltar der bläulichen vielarmigen Hindugöttin und dann um mich, die zweiarmige weiße Ayurveda-Patientin herum, um den Segen der Hindugötter für ihr Werk zu erbitten: Eine geschlagene Stunde wird sie mich so gründlich kneten, kneifen, drücken, strecken, streichen, durchwalken, als ob mich ein Geländewagen mit Profilreifen überrollt. Vorwärtsgang, Rückwärtsgang. Von wegen zierliche kleine Inderin!

Ich bin hier bei Profis der Ayurveda-Massage gelandet: in Kovalam Beach, Kerala, der Topadresse der internationalen Wohlfühl-Bewegung, die mit ihren traditionellen Massagen, Kräuter- und anderen orientalischen Rosskuren eine Runderneuerung von Körper, Geist und Seele verspricht. Den totalen Relax, von dem der verspannte Büromensch so gerne träumt.

Kuren sind nicht nur Vergnügen

Ayurveda heißt auch Entspannen in schönster tropischer Umgebung. Über mir sehe ich das sauber übers Kreuz geflochtene Palmenblätterdach des Massage-Häuschens, durch die Ritzen spähe ich auf das blaugrüne Meer und die dunkelgrünen Palmen, die sich elegant im leichten Wind wiegen, während Vilaseni mich wie Mürbeteig durchwalkt. Eigentlich würde ich jetzt viel lieber im salzigen Indischen Ozean als in meinem Ölteppich schwimmen. Aber ich bin nun mal hier im "Ayurbay Resort", abseits vom Rummel Kovalams mit seinen Bars und Nightlife, zur Kur, und Kuren sind bekanntlich nicht nur Vergnügen.

"Bei mir gibt's keine Wellness light," sagt Dr. Lalitha Babu, Besitzerin des Ayurbay-Resorts sanft und mustert mich mit ihren wachen Knopfaugen in ihrem fabelhaft faltenlosen Gesicht, "Ayurveda ist keine kurzlebige Modewelle, sondern die Lehre vom langen Leben, und die wird bei uns in Kerala schon seit Jahrtausenden praktiziert," Okay, okay! Für die nächsten drei Tage - drei Wochen wären besser für dich, meint sie - wird Dr. Lalitha mein Guru und meine Heilerin sein, obwohl ich eine ziemlich chaotische Patientin bin und ihren rosa Kräutertee morgens, mittags und abends - "ist gut für deine Verdauung" - schon am zweiten Tag verweigere: "Doktorchen, dein Tee riecht komisch!" Aber Dr. Lalitha lacht nur, dass die Bauchfältchen unter ihrem Sari leise wackeln und lässt mir das rosa Zeugs heimlich auf's Zimmer bringen, wo ich wegen der gähnend leeren Mini-Bar nicht entrinnen kann. Ich soll ja schließlich entschlacken, Stress abbauen, meine Mitte wieder finden.

Um mich Westlerin mit der östlichen Askese zu versöhnen, klettert Raju, der Ayurbay-Chefkoch, barfuss die schattenspendenden Palmen am Open-Air-Restaurant hoch, erntet ein paar frische grüne Kokosnüsse, die er geschickt mit der Machete aufschlägt. Kokosmilch ist wundersüße Droge - die obendrein der Verdauung hilft, wie die Frau Doktor bemerkt. Hier scheint sich alles um König Dickdarm, um Körper- und Verdauungssäfte zu drehen. Klingt so gesund wie Nasenspülung und Klistier, aber nicht besonders sexy.

Heilende Hände, heller Busen

Wie alle Asketen hat der Kurgast zwei Seelen, ach, in seiner Brust: Wer Ayurveda mit Sexappeal sucht, wird auch fündig werden. Abends mutiert der tagsüber züchtig bedeckte indische Strandort Kovalam zum Ballermann, wo sich "Yoga für alle" mit "Hasch, Hasch" und "magic massaaage!", wie der junge Typ mit dem Haifischlächeln den langbeinigen Touristinnen im besten Hindi-English zuraunt, völkerverständigend verbindet. Im Strandrestaurant "Santana" sitzt eine grauhaarige Dame stumm neben einem sehr viel jüngeren Inder, der ungeduldig auf dem Handy simst. Pattaya verkehrt. Im "Fusion", dem Number One Restaurant, hat eine Gruppe junger finnischer Studentinnen, die meisten in feschen Miniröcken, Platz genommen, was das Heer von keralesischen Kellnern zu Höchstform auflaufen lässt. Die Mädchen sind hier, um Ayurveda am Tatort zu studieren. Ihre Probanten sind unschwer zu erkennen: Wer unter den Touristinnen eine Öl-Massage genossen hat, hat ein glückliches Lächeln im Gesicht und Haare wie ein nasser Mob. Wie ich auch.

In der Hauptsaison von Dezember bis April düsen tausende von europäischen Pauschaltouristen zum Ayurveda-Tripp nach Südindien an. Und die Tatsache, dass die meisten Gäste gar nicht so genau wissen, was Ayurveda ist und wie und bei welchen Zipperlein es wirkt, macht die Sache für die westöstlichen Heilssucher ja so herrlich mystisch. "Hier sind leider auch viele Scharlatane am Werk", sagt Dr. Lalitha, "jeder Kellner bietet heute Ganz-Körper-Massagen an. Nicht weil er heilende Hände hätte, sondern damit er endlich mal einen hellen Busen begrapschen kann."

Den ganzen Menschen im Blick

Bei Dr. Lalitha ist man in guten Händen. Klein und rund, den weiten Arztkittel über dem hellen Sari, flitzt die 59-jährige unermüdlich durch ihre "Klinik unter Palmen", hat hier ein aufmunterndes Wort für eine junge besorgt dreinschauende Münchnerin, da einen guten Rat für die hübsche, leicht fahrige Schweizerin. Nur wer sie gut kennt, weiß, dass hinter ihrer fröhlichen Fassade auch Traurigkeit steckt. Vor einem Jahr starb Lalithas Mann, ebenfalls Ayurveda-Arzt. Das Leben als Witwe und Managerin eines Beach-Resorts ist auch heute noch nicht einfach in Indien.

"Kannst ruhig zupacken, die kann was ab!" ruft Frau Doktor gerade meiner Masseuse scherzhaft durch die Palmenwand zu. Die was abkann, bin wohl ich? Dr. Lalitha umsorgt und berät ihre Gäste rundum, bei Eheproblemen, Stress mit dem Chef und anderen Seelenqualen ebenso wie bei Rheuma und Essstörungen. Bei Heim- oder Ohrenweh oder beim Sonnenbrand, den wir Bläßlinge uns in Minutenschnelle am weißen Strand des Resorts holen, hat sie die richtigen Kräuterlein zur Hand. Ein Ayurveda-Arzt hat immer den ganzen Menschen, nicht nur seine Einzelteile im Blick.

Und oft wirkt Dr. Lalithas Präsenz allein schon wie eine Glückspille für die riesige Fan-Gemeinde, die Jahr für Jahr dem düsteren deutschen Winter ins heitere Kovalam entflieht und ein Kontrastprogramm zum üppigen Lifestyle zu hause sucht. Kippen, Longdrinks und Filetsteaks (pfui, Rindfleisch!), die Lebenselixiere des Westlers, sind hier nicht angesagt. Dafür gibt es frischen Fisch in Kokossoße, Krabbencurry, frittiertes Gemüse, Reis und Chapatis, süße gebackene Bananen und Fruchtsäfte - und leitmotivisch immer wieder den köstlichen rosa Tee.

Die Lehre von den drei Körpersäften

Im Hinduismus gibt es neben tausenden von Göttern auch einen für Ayurveda: Gott Dhanwanthari hält in der einen Hand die Veden, die heiligen Bücher, in der anderen seine Heilkräutlein, vermutlich auch den rosa Tee. Ayurveda sei die Lehre von den drei Körpersäften, erklärt mir Dr. Lalitha, die Harmonie dieser drei Körperaggregate wie "pitta", Sonne, (zuständig für den Stoffwechsel) "kapha", Mond (sorgt für Organe und Knochen) und "vata", Wind, (zuständig für Nerven und Kreislauf) sei die Voraussetzung für ein gesundes Leben. Was für ein Ayurveda-Typus ich denn sei? Die Ärztin wiegt den Kopf auf indische Art: "Eine Mischung aus sehr viel Sonne und ein bißchen Mond. Dein Feuer braucht stetige Nahrung, deshalb musst du viel essen." So nett hat noch nie ein Arzt meine Anfälle von Fresswut beschrieben.

Dr. Lalitha lebt seit über 30 Jahren in Kovalam, sie war die erste Ayurveda-Ärztin am Lighthouse Beach, der damals nur ein einfacher, wunderschöner Hippie-Strand unter Palmen war. Auch ich war einst mit dem Rucksack - und dem Lover - hier. Die Obstverkäuferin im Sari, die uns damals Mangos und kleine süße Bananen am Strand verkaufte, hat mich gleich wiedererkannt, vielleicht tat sie auch nur so. Indische Höflichkeit. Der rotweiß geringelte Leuchtturm wacht noch immer über den Klippen, aber ansonsten tue ich mich schwer, den rummeligen Strandort mit dem idyllischen Fleckchen von einst in Einklang zu bringen.

Doch dann sitze ich in der palmengedeckten "German Bakery" und genieße die Brise vom Indischen Ozean. Im Hintergrund Bob Marley, Eric Clapton und Pink Floyd. Vor mir ein Schokokuchen mit Vanilleeis und echter schwarzer Eis-Tee, nicht das rosa Gebräu. Mein Pitta-Feuer braucht Nahrung, hat Frau Doktor selbst gesagt. Ayurveda hin, Ayurveda her, das Leben ist schön!


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