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Goa im Süden Indiens: Palmen, Partys und viel Sehnsucht im Gepäck

Schicke Unterkünfte, gepflegte Strände: In den späten 60er Jahren reisten vor allem Hippies aus Europa nach Goa. Was ist aus ihrem Erbe geworden? Eine Spurensuche.

Von Hans-Hermann Klare

Reise nach Goa – Sehnsucht im Gepäck

Unter Palmen: Nahe dem Luxushotel Taj Fort Aguada rauschen die Wellen an den Sinquerim Beach

Die Strände sind noch immer die größte Attraktion. Kilometerlang, voller Palmen, eingerahmt von Felsformationen, die bis ins Meer ragen. Auch Jahrzehnte nachdem sich die ersten europäischen Hippies hier dem Glitzern des Meeres in der Nachmittagssonne hingaben, dem Rauschen der Wellen, dem Klang einer indischen Sitar oder dem Nebel ihrer Joints, sind Goas Strände das größte Kapital des kleinsten indischen Bundesstaates. Längst sitzen auch hier Rettungsschwimmer auf Hochsitzen, um mit Flaggen je nach Wind und Welle vor dem Baden zu warnen. Und in der Saison haben die Vermieter von Strandhütten ihre Liegen und die Besitzer von Cafés ihre Stühle und Tische in den weißen Sand gestellt. Doch ein paar Eigenheiten sind geblieben, wie sie immer waren.

Noch immer schieben die Fischer ihre alten Holzboote auf den Sand und präparieren in deren Schatten die Netze für die nächste Ausfahrt. Zwischen verrottenden Palmwedeln ruhen Kühe oder schaben sich an einer kleinen hinduistischen Statue, geduldet als heilig und daher so gut wie unbehelligt zwischen den Sonnenbadenden. Hier und da spielen ein paar Jugendliche Kricket. Und immer wieder gibt es Plätze, nur wenige Schritte von den kleinen Strandbars und -hütten entfernt, an denen man für sich sein kann.

Die schlichten Strandhütten mussten Bungalows weichen

So ähnlich sah es hier auch schon aus, als in den 60er Jahren die ersten Hippies kamen, und bald darauf verschwanden wie die Langspielplatten mit den Songs der Beatles oder den Gitarrensoli von Jimi Hendrix. Doch mit dem Afghanistankrieg 1978 gab es auf dem Landweg mit dem VW-Bulli kein Durchkommen mehr ins indische Nirwana. Der Strom versiegte. Inzwischen sind nur noch ein paar von Sonne und Leben gegerbte Exemplare übrig geblieben, die in der Saison esoterischen Schmuck verkaufen oder Unterricht im Didgeridoo-Spielen anbieten. Der Boom fand erst seine Fortsetzung, als Rucksacktouristen auf Weltreise oder Asientour gingen und dabei Goas Strände für sich entdeckten. Heute nehmen sich junge Israelis hier eine Auszeit nach ihrem Wehrdienst, und Familien aus Nordeuropa suchen Zuflucht vor dem grauen Winter.

Konsum und Karma: Ein Blumenhändler auf dem Markt von Panaji vertreibt sich die Zeit

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Die schlichten Strandhütten von einst mussten komfortableren Bungalows mit Klimaanlage weichen. Wenige Meter hinter dem Strand entstanden Hotels, und überall werden inzwischen auch Luxusunterkünfte von der indischen Taj-Gruppe und der umtriebigen W-Hotels-Kette angeboten; ganz im Süden gibt es gar ein Resort mit Neun-Loch-Golfplatz.

All die Anlagen aber haben den Reiz der Region, gut 600 Kilometer südlich von Mumbai am Indischen Ozean gelegen, nicht zerstören können. Goa ist Indien und irgendwie auch wieder nicht – auch weil es nicht von den Briten, sondern jahrhundertelang von den Portugiesen beherrscht wurde. Es war im 16. Jahrhundert, als Vasco da Gama, der einst das Kap der Guten Hoffnung umrundet hatte, eines Tages das Gewürzparadies fand und in Indien vor Anker ging. Seither hinterließen die Portugiesen kräftige Spuren. In den kleinen Orten, auf den Hügeln und in den Zentren größerer Städte – überall stehen christliche Kirchen. Und während die Briten, immerhin die Herrscher des größten Kolonialreichs der Menschheit, ihre indischen Untertanen 1947 in die Unabhängigkeit entlassen mussten, hielten die Herren des verarmten portugiesischen Kolonialreichs an ihrem Besitztum bis 1962 fest. Auch heute prägt ihre Kultur das Leben der Menschen in Goa. Jeder vierte Einwohner ist Katholik. Viele hören auf Vornamen wie Antonio oder Fernanda und heißen mit Familiennamen Coutinho oder Braganza.

Ein Mann, der dieser besonderen Mischung schon vor Jahrzehnten verfiel, ist der Deutsch-Inder Dian Singh Rarewala. Der 56-Jährige betreibt in Fort Aguada eine kleine Pension mit fünf schönen Zimmern, das größte davon, eine Suite, liegt im obersten Stock und hat etwa 120 Quadratmeter. Zudem hat er im Hinterland ein Heim für herrenlose Hunde aufgebaut.

Portugiesische Kolonialherren ließen die katholische Mariä-Empfängnis-Kirche in Panjim errichten

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Rarewalas Familiengeschichte erzählt viel über die Veränderungen Indiens seit der Unabhängigkeit. Einst hatte seine Mutter aus Wunstorf bei Hannover einen jungen Inder kennengelernt. Sie war als Aupair nach England gegangen und ihm dort begegnet. "Er hatte das indische Feudal- und Kolonialsystem perfekt verinnerlicht", sagt Rarewala. Der Vater seines Vaters war Premierminister eines indischen Maharadschas im Bundesstaat Punjab gewesen, an den Ausläufern des Himalaya. Wie es sich für die Oberschicht geziemte, hatte er ihn auf ein Internat in Lahore gesandt, im heutigen Pakistan, wo indische Jungen Shakespeare, Kricket sowie den Müßiggang und die ironische Gelassenheit eines englischen Gentlemans lernen sollten.

Leben im neuen Indien

Doch mit dem Ende der Kolonialzeit standen viele dieser jungen Männer vor dem Nichts, so auch Rarewalas Vater. Geld hatte die Familie zwar genug, die Ländereien ernährten den Clan und eine ganze Anzahl an Bediensteten. Aber auf das Leben im neuen Indien, diese Mischung aus Sozialismus und altem Kastensystem, hatte sie niemand vorbereitet, selbst wenn man sich schnell der mächtigen Kongresspartei Gandhis andiente. Da schienen England und eine deutsche Frau der Ausweg zu sein. Der Vater nahm die Ausländerin mit nach Indien und heiratete sie dort. Doch die Ehe scheiterte. Nach einer Weile packte die junge Deutsche ihre Koffer, nahm den inzwischen vierjährigen Sohn und zog nach Berlin. Dort meldete sie ihn auf der deutsch-englischen John-F.-Kennedy-Schule im feinen Bezirk Zehlendorf an. Er machte Abitur. Er studierte Architektur, und schließlich zog es ihn in das Land seines Vaters zurück.

Als junger Hippie zog der Deutsch-Inder Dian Singh Rarewala nach Goa – und blieb

Als junger Hippie zog der Deutsch-Inder Dian Singh Rarewala nach Goa – und blieb

Man kann sich gut vorstellen, wie dieser groß gewachsene hagere Mann mit den zum Pferdeschwanz gebundenen Haaren und seinen auf der Straße aufgelesenen Hunden mit Gleichgesinnten viel Zeit an den Stränden Goas verbrachte und sich der Sonne, seiner Gitarre, den Drinks und den Drogen hingab.

"Wer Goa heute erlebt, kann kaum glauben, was die Leute hier einst konsumierten", sagt Rarewala. "Nicht bloß Bhang, ein traditionelles Haschischgebräu Indiens, so etwas wie der Champagner für Europäer zu besonderen Gelegenheiten. Die Clubs am Strand boten die LSD-Bowle gleich kostenlos an." Wer jede Art von Drogen probieren wollte oder ohne sie meinte nicht leben zu können, war hier an der richtigen Stelle. Und der Stoff war günstig.

Vor gut 20 Jahren aber endete die Zeit des großen Deliriums. Heute ist es verboten, Drogen zu konsumieren, vor allem bei Indern wird es jedoch meistens geduldet. Jedes Rauschmittel konsequent zu untersagen ist schwierig, schließlich gehören sie zu hinduistischen Ritualen. Und mit der allmählichen Legalisierung des Marihuanas in den USA und Europa wächst der Druck auf die indische Regierung, Kiffen und andere Formen leichten Drogenkonsums offiziell zu erlauben.

Tradition trifft Baywatch: Immer schon zogen die Fischer nach der Ausfahrt die Boote an Land. Heute werden die Strände meist von Rettungsschwimmern überwacht

Tradition trifft Baywatch: Immer schon zogen die Fischer nach der Ausfahrt die Boote an Land. Heute werden die Strände meist von Rettungsschwimmern überwacht

Doch das größere Geschäft ist heute ohnehin mit dem Tourismus zu machen. Der Wandel Goas zu einer klassischeren Touristen-Destination setzte Mitte der 90er Jahre ein. Nicht nur europäische Rucksacktouristen, auch Inder begannen, den Charme dieser Region für sich zu entdecken. Der Wirtschaftsboom, die Strände, die so viel sauberer waren als im Rest des Landes, das liberale Image des Bundesstaates – die indische Mittelschicht verbrachte gern ihren Urlaub in Goa.

Klöster und Kirchen

Zur freiheitlicheren Lebensart hatten sowohl die Hippies als auch die christlich-portugiesische Tradition beigetragen. Während in anderen Gegenden Alkoholkonsum in der Öffentlichkeit verpönt oder gar verboten war, duldeten die Behörden hier vieles. Auch manchen Exzess. Das war für Inder, die den traditionellen Gepflogenheiten ihrer Familie und ihrer Nachbarschaft entkommen wollten, sehr attraktiv.

Indische Elefanten in einer Gewürzfarm

Indische Elefanten in einer Gewürzfarm

Es ist für Europäer nur schwer vorstellbar, dass die Kirchen und Klöster, die "Kathedrale des Guten Jesus" in Old Goa oder die dort in einem Sarkophag ausgestellten Überreste des Heiligen Francis Xavier, dass all die Symbole des Katholizismus in Goa Ausdruck einer liberalen Gesinnung sind. Man begegnet Nonnen und Mönchen, Gläubigen in stiller Einkehr, Buchständen mit frommen Traktaten, man erlebt gar eine katholische Prozession, in der Kruzifixe, Madonnenporträts und die Knöchelchen von Heiligen durch die Straßen getragen werden. Nur die Blumenkränze der Betenden und ihre dunkle Hautfarbe erinnern daran, dass man in Indien weilt.

Ob aus Schwäche des Staates oder aus christlicher Toleranz – in Goa konnte schon früh ein Strandleben gedeihen, das es überall sonst schwer hatte. Aus den lockeren Sitten Goas sind so im Laufe der Zeit zwei Goas entstanden: Im Süden treffen sich die Ruhesuchenden, auch den alten Hippie Dian Singh Rarewala zieht es dorthin. Der Norden gilt als Destination der Partygänger.

In der Hochsaison im Winter schallt in Baga oder Vagator die Technomusik nach Einbruch der Dunkelheit über den Strand. Hunderte tanzen bei Vollmond und an den Wochenenden bis zum Sonnenaufgang. Viele der Clubs sind schlicht wie das Café Lilliput in Anjuna: einfache Stühle und niedrige Tische, an denen man isst und trinkt.

Die Hände nach oben: Junge Inder feiern im Nachtclub des W-Hotels

Die Hände nach oben: Junge Inder feiern im Nachtclub des W-Hotels

Wo einst langhaarige, unrasierte Engländer oder Deutsche berauscht ihre Nächte durchfeierten und sich am Tage der Sonne oder der ayurvedischen Massage hingaben, tanzen heute neben den Touristen aus Europa oder Amerika auch indische Paare auf der Terrasse über dem Meer. Die Männer tragen Baggy-Shorts und T-Shirts mit Sprüchen wie "Das Leben ist ein einmaliges Angebot. Nutze es". Oder "Drink, Drank, Drunk". Die Frauen bevorzugen leichte Kleider, gelegentlich einen Sari. Man sieht sie nicht bloß in Gruppen oder mit dem Freund und Ehemann auf der Tanzfläche, viele wiegen sich auch allein zur Musik im Mondenschein, die Bierflasche in der einen Hand, die Zigarette in der anderen.

"Dieses ist meine Auszeit."

Wer es sich leisten kann, speist zu Beginn des Abends in teuren Restaurants wie dem "A Reverie" in Calangute, in denen Fusion Food angeboten wird: eine wilde Mixtur aus den Küchen Indiens, Asiens, Italiens oder Frankreichs, präpariert aus besten Zutaten, aufwendig dekoriert mit geschnitzten Gemüsen oder Shrimps, die in einem Bonsaibäumchen hängen. Danach gehen die jungen Inder in einen der schickeren Clubs oder in das neue W-Hotel von Vagator, wo DJs aus Mumbai bis in die Morgenstunden auflegen.

Die jungen Banker aus Mumbai oder IT-Experten aus Bangalore tragen Hipsterbärte. Manche haben ihre Haare zum Dutt gebunden und sehen aus wie die postmoderne Version eines Sikh. Auf ihren großformatigen Handys vertiefen sie sich mit ihren Freunden in die Selfies des Strandtags. Die Frauen tragen Schuhe mit hohen Absätzen, aus Hanf geflochten, oder Flipflops, Schulter und Bauchnabel frei, und nippen an ihren Cocktails, bevor sie sich wieder auf die Tanzfläche begeben.

Sie alle sind der Beleg dafür, dass eine wachsende Zahl Inder nicht nur reich genug ist, im eigenen Land teuren Urlaub zu machen. Sondern dass viele von ihnen den konservativen Gewohnheiten und den strengen Vorstellungen der älteren Generation von ziemlich und unziemlich entkommen sind. Die Eltern sitzen auf der Terrasse des Restaurants nebenan. Mit resignierter Gelassenheit sehen die Damen in teuren Saris dem Treiben ihrer Nachkommen zu, während ihre Gatten die Kollektion der Malt Whiskys erkunden, die der Barkeeper bereithält.

Zwischen den Jungen tanzt ein Politiker der hinduistischen Regierungspartei BJP, der auf keinen Fall namentlich erwähnt oder gar fotografiert werden möchte. "Dieses ist meine Auszeit. Ich möchte dabei nicht erkannt werden, es wäre das Ende meiner Karriere", sagt er nur. Indien ist ein kompliziertes Land.

"Intox, detox, retox" nennt ein Manager des W-Hotels das Programm der Gäste, die fürs Wochenende hergeflogen sind. "Bar, Spa, Bar" könnte man es übersetzen. Es ist die Antwort des modernen Indiens auf die Musik- und Drogenexzesse der westlichen Aussteiger, die einst hier auf dem Hippie Trail am Strand von Goa endeten. Man könnte auch sagen: Es ist die zeitgenössische Fortsetzung. Aseptischer, ertragreicher und viel, viel schicker.

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