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Reisen in Indien: Zwischen Smartphone und Spinnrad

Wer sich nach Indien aufmacht, erlebt einen Subkontinent der Kontraste: Wer es bereist, braucht vor allem drei Dinge: Zeit, starke Nerven und Geduld.

Von Swantje Strieder

Allein dieser exotische Geruch! Kaum sind Sie in einer der indischen Mega-Metropolen wie Delhi, Mumbai oder Bangalore gelandet und verlassen die klimatisierte Flughafenhalle, schlägt Ihnen die Hitze wie ein durchweichtes Saunatuch entgegen. Die Luft ist getränkt mit dem Duft nach Jasmin, Räucherstäbchen und Curry, gemischt mit Autoabgasen, fauligen Tropenfrüchten und einem Hauch von Fäkalien.

Dann der Lärm, die Hektik, der Verkehr überall und zu allen Zeiten Menschentrauben, wie hier am Flughafenausgang: Großfamilien, die Frauen in bunten Saris, die ihren Sohn oder Tochter, die in den USA studieren, abholen und schluchzend in die goldbereiften Arme schließen - und mit turmhohen Kofferaufbauten den Durchgang blockieren. Schlepper, die Ihnen mit einem anheischenden "Yes, Sir" und "Please, Madam" das Gepäck entreißen und mit treuherzigem Augenaufschlag ein "Very cheap hotel" versprechen. Uniformierte Chauffeure teurer Limousinen, die mit aus der Menge hochgehaltenen Schildern auf "Mr. S.P. Singh" oder "Mrs. Patil" warten. Leider nicht auf Sie.

Das am Schalter vorab bezahlte Taxi war zwar billig, entpuppt sich aber als ein schwarzgelber Klapperkasten aus den fünfziger Jahren, dessen Betel kauender Fahrer fließend Hindi, Marathi, Gujarati und andere exotische Landessprachen, aber kaum fünf Worte Englisch spricht. Und Sie merken bereits: Für Indien braucht man Zeit, starke Nerven und Geduld.

Rikschafahrer als Start-up-Unternehmer

Dennoch hat Indien so viel zu bieten. Das Land, das sich neben China als kommende Weltmacht sieht, obwohl es stets mit einem Bein im Mittelalter, mit dem anderen im Hightech-Zeitalter steht! Und es floriert, trotz Armut, Analphabetismus, Mega-Korruption und schwacher Infrastruktur: Sie können im modernen Jet in zweieinhalb Stunden von Mumbai nach Delhi fliegen, aber genauso lang stecken Sie auf dem Weg zum Flughafen im chaotischen Verkehr.

Kein Land bietet solche unglaublichen Gegensätze: zwischen Ochsenkarren und Satelliten im All, Spinnrad und Smartphone, Tempeltanz und Callcenter, zwischen starrem Kastensystem, zwangsarrangierten Ehen und lockerem Bollywood-Bettgeflüster. Zu den zehn reichsten Männern der Welt zählen laut Forbes allein vier Inder, während über die Hälfte der 1,2 Milliarden Einwohner mit weniger als zwei Dollar Tagesverdienst vegetiert.

Doch alle Inder, ob arm oder reich, eint der Glaube an den Aufstieg. Hier hält sich jeder Bettler für einen Global Player, jeder knatternde Rikschafahrer für einen Start-up-Unternehmer, und die Fischfrau zieht stolz ihr Handy aus dem Faltenwurf ihres Saris hervor. Mit dem neusten schmalzigen Bollywoodsong als Klingelton.

"Für uns ist jeder Gast ein Gott!"

Indien ist ein farbiges, feuriges, ungeheuer spannendes Reiseland, das noch weitgehend vom Massentourismus verschont geblieben ist. Die Palette reicht vom Bergwandern im schneebedeckten Himalaja bis zum Abhängen an den blendend weißen Palmenstränden Goas und Keralas, vom Reisen per Überlandbus, Jeep oder Kamel durch die Wüsten Rajasthans bis zum nostalgischen Trip mit der kleinen Dampflok durch die grünen Teeplantagen Darjeelings.

Wie wär's mit einer ruhigen Backwater-Tour auf einer Reisbarke durch die schwimmenden Gärten Keralas? Wer das spirituelle Indien sucht, wird in den Ashrams in Rishikesh am Oberlauf des Ganges oder bei Ayurveda in Kerala sein Heil finden. Es gibt Tausende von farbenprächtigen Hindufesten wie die Pushkar Mela, wo Sie von einem Guru im heiligen See getauft werden oder das Puram-Fest in Thrissur, wo 80 reich geschmückte Tempelelefanten paradieren. Bei Sonnenaufgang können Sie das Taj Mahal, das schönste Grabmal der Welt, in rosa Licht getaucht bewundern oder vor Tau und Tag im Ranthambore-Nationalpark auf Tigersafari gehen.

Einen Sonnenuntergang wie auf der Postkarte können Sie auf einem der tausend Tempelruinen von Hampi genießen. Von Gastfreundschaft halten die Inder viel, Hotels gibt es für jeden Geldbeutel. Es muss nicht immer der Maharadscha-Palast sein. Oft tut es auch das Hostel, Hausboot, Baumhaus oder die Strandhütte. Der 89-jährige Captain Krishnan Nair, legendärer Besitzer der indischen Luxuskette Leela-Palaces, sagt: "Für uns ist jeder Gast ein Gott!"

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