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Interview

Nora Gantenbrink "Dad": "Ich glaube, dass mein Vater mich geliebt hat. Aber das Leben noch mehr"

Unsere stern-Kollegin Nora Gantenbrink hat einen biografisch inspirierten Roman geschrieben: "Dad". Ihre Protagonistin Marlene macht sich darin auf die Suche nach einem Elternteil, das in ihrem Leben viel zu wenig präsent war.

Nora Gantenbrink sitzt auf einem Sofa in einer Hamburger Kneipe

Nora Gantenbrink, 34, hat ihre eigene Geschichte zu einem Roman inspiriert. In "Dad" geht es um die Suche nach einem abwesenden Vater, Liebe und Freundschaft.

Der abwesende Vater – ein Motiv, das sich durch sämtliche Wissenschaften zieht, von der Psychologie bis zur Philosophie. Wer nie einen Vater hatte, ihn zu selten gesehen oder früh verloren hat, dem geben all die theoretischen Schriften allerdings nicht das, wonach er sucht. Sie füllen kein Vakuum, keine Leerstelle mit Leben. Auch Marlene, die Ich-Erzählerin in Nora Gantenbrinks Roman "Dad", hat wenig Zeit mit ihrem Vater verbracht. Er war ein Hippie, der ein Leben voller Freiheit und Abenteuer führte. So klangen jedenfalls die Geschichten, die er gelegentlich von seinen Reisen mitbrachte, nach Sex and Drugs and Rock 'n' Roll. Von einem seiner Trips allerdings, brachte er noch etwas anderes mit, einen Virus. Aids ist die Ursache für seinen frühen Tod.

Marlene beschließt, auf Spurensuche zu gehen. Sie leiht sich Geld von einer Freundin und reist an die Orte, von denen ihr ihr Vater erzählt hat. Sie besucht Menschen, die ihren Vater gekannt haben, in der Hoffnung, ihr Bild von ihm vervollständigen zu können. Und sie will wissen, ob ihr Vater seinen Freunden von seiner Tochter erzählt hat.

Wir haben Nora Gantenbrink interviewt.

Cover mit einem Foto des Vater in Hippiekleidung

"Dad" von Nora Gantenbrink, Rowohlt Verlag, 207 Seiten, Hardcover, 20 Euro, hier bestellbar

Ohne diese Frage würde der ganze Rest des Interviews keinen Sinn ergeben. Was einem zuerst ins Auge sticht, sind zwei Fotos, das auf dem Cover und eins im Buch. Du schreibst den Roman als Ich-Erzählerin, die Bilder verleihen ihm Authentizität. Dadurch wirkt das Buch wie eine biografische Spurensuche. Was ist da dran?
Nora Gantenbrink: Das Buch ist nicht in dem Sinne biografisch, dass es eins zu eins mein Leben wiedergibt. Trotzdem ist mein Vater auf dem Umschlag abgebildet. Aber zum einen war er damals noch sehr jung, zum anderen gibt es eine Hintergrundgeschichte dazu, das erzähle ich gleich noch. Das Buch ist ein fiktionales Werk, das autobiografisch inspiriert ist. Manche Erlebnisse und Geschichten sind darin literarisch verarbeitet worden. Manche Erzählstränge sind völlig fiktiv, zum Beispiel die Beziehung zwischen Marlene und Oleg. Die große Parallele zwischen Leben und Buch ist, dass mein eigener Vater, genau wie der von Marlene, auch ein meist abwesender Vater war. Und auch mein Vater ist an den Folgen seiner Aidserkrankung gestorben.

Ähnlich wie die Protagonistin habe auch ich mir lange gesagt: Diese Leerstelle ist nicht wichtig, da ist zwar mein Vater, der nie da war und dem ich nie wieder eine Frage stellen kann, aber das ist für mein  Leben bedeutungslos. Irgendwann habe ich eingesehen, dass ich mich selbst betrüge. Das war auch der Anstoß für die literarische Verarbeitung in diesem Buch. Als es um den Buchumschlag ging, habe ich gedacht: Mein Vater wollte immer gerne einen Buchladen eröffnen, in dem er dann eigentlich Cannabis verkauft hätte, er hat es aber nie gemacht. Ich fand die Vorstellung charmant, dass ich jetzt dafür sorge, dass er doch noch in einen Buchladen landet – zumindest irgendwie.

Mit einem Roman hattest du auch mehr künstlerische Freiheit, als wenn du eine Biografie geschrieben hättest.
Auf jeden Fall. Es wäre mir auch überhaupt nicht möglich gewesen, eine Biografie über meinen Vater zu schreiben, denn die Faktenlage war ziemlich dünn. Ich habe bei der Recherche ziemlich viel über Erinnerung gelernt. Wenn man sich mit zehn verschiedenen Leuten zehnmal über dieselbe Reise unterhält, wird man mit Sicherheit zehn sehr stark voneinander abweichende Reiseberichte hören und käme nicht auf die Idee, dass diese Leute überhaupt miteinander gereist sind. Und auch der Drogenkonsum einiger Mitreisender hat sich nicht positiv auf das Erinnerungsvermögen ausgewirkt. Weil mein Vater eben immer sehr lange unterwegs war, war da die Frage: Was hat er in der Zeit gemacht, in der er nicht bei seiner Tochter war? Das ließ sich größtenteils kaum noch rekonstruieren. An diesen Stellen setzt die Fiktion ein.

Hast du Marlenes Reisen nach Marokko, Indien und Thailand selbst auch gemacht?
Ja. Auch deshalb, weil ich nicht so Karl-May-mäßig irgendwo in Ostdeutschland sitzen und mir den Wilden Westen ausdenken wollte. Ich war zum ersten Mal in Marokko, in Indien und in Asien. Ich musste einfach wissen: Wie sieht es da aus?

Bei einer Szene aus Indien habe ich sehr gelacht: "Ich schiebe den schweren Vorhang vom Bett aus zur
Seite und schaue auf zwei Kühe, die eine Mülltonne umgestoßen haben und jetzt im Sonnenaufgang deren Inhalt fressen. So sieht also das Paradies aus."

Ja, ich habe festgestellt, dass ich das Goa, das mein Vater damals gesehen hat, leider nicht mehr finde. Nicht umsonst nannte Christian Kracht das Goa von heute mal in einem "Spiegel"-Artikel einen "Ballermann für Hippies". Ich konnte zwar unter einem Haufen Massentourismus und Müll noch ungefähr erahnen, was den Reiz für die Hippies mal ausgemacht hat. Aber die 70er Jahre hatte ich nun mal einfach verpasst.

Vielleicht war es auch für dich nicht toll, weil du etwas anderes gesehen hast, als du erwartet hast. Oder weil du etwas nicht gefunden hast, worauf du vielleicht gehofft hattest.
Ja. Das hat natürlich auch immer was mit Erinnerungen zu tun. Dadurch, dass Marlenes Vater viele Jahre ihres Lebens einfach abwesend war, denkt man, "Dad" erlebt auf diesen Fernreisen irgendwas ganz Tolles, viel Größeres als das Aufwachsen seines Kindes.

Wann hast du angefangen, das Buch zu schreiben?
Vor vier Jahren. Ich hatte erst eine andere Idee für ein Buch, ein Kneipenroman, dafür hatte ich auch schon einen Vertrag. Ich stellte dann aber leider fest, nachdem ich den Vorschuss erhalten und zu großen Teilen ausgegeben hatte, dass es wirklich nur im Kopf gut war, auf dem Papier überhaupt nicht. Dann rief ich irgendwann abends meine ehemalige Verlegerin an und sagte: "Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Welche zuerst?" Sie wollte erst die schlechte hören. Dann hab ich gesagt: "Ich schreibe am falschen Buch. Aber die gute Nachricht ist, dass ich weiß, was ich wirklich schreiben will." Ich erzählte es ihr. Daraufhin sagte sie irgendwann: "Hör zu, das eine Buch hätten wir machen können. Das andere Buch ist das, was du schreiben musst."

Zurück zu Marlene. Gleich auf Seite zwei konfrontierst du die Leser mit einem ziemlich krassen Bild, nämlich dem Vater, der eine seiner letzten Zigaretten durch ein Loch in seiner Wange raucht. Macht er das, weil er's kann? Oder ist das seine Art von Humor?
Ich glaube, er macht es, weil er es kann und auch, weil doch eh schon alles egal ist. Also fast.

Meine Lieblingsantwort im Buch gibt Marlenes Mutter auf die Frage: "Was habe ich von meinem Vater?" 98 Prozent aller Mütter würden wohl sagen: deine schönen blauen Augen oder dein wildes, lockiges Haar. Aber Marlenes Mutter antwortet: "Den Hang zum Rausch und die Sehnsucht nach Sonne." Das klingt nach einer sehr weisen Mutter, von der man aber im Buch wenig mitbekommt.
Die Mutter ist ganz bewusst in den Hintergrund gerückt. Ich hoffe, dass man am Ende merkt, wie stark sie eigentlich ist. Sie spielt eher die Rolle eines Abwehrspielers, der zwar nicht so viel Fans hat wie die Stürmer, aber im Endeffekt viel wichtiger ist. So ist die Mutter auch. Sie gibt ihrer Tochter die Möglichkeit, nach ihrem Vater zu suchen. Und Marlene versteht während dieser Suche, wie viel ihre Mutter immer abgefangen und ausgehalten hat. Sie ist diejenige, die für Ruhe und Ausgleich sorgt und sie taucht im Buch kaum auf, was natürlich wahnsinnig ungerecht ist, weil sie die Hauptarbeit macht, aber neben diesem schillernden Vater übersehen wird.

Marlene kommt am Ende zu dem Schluss "Ich glaube, dass mein Vater mich geliebt hat. Aber das Leben noch mehr." Ist das eine gute oder schlechte Erkenntnis?
Beides. Aber zumindest ist es eine Erkenntnis. Im Endeffekt geht es ja darum, dass Marlene immer Sehnsucht nach diesem Vater hatte. Erst als sie anfängt, nach ihm zu suchen, stellt sie fest, dass ihr Vater vielleicht nicht der Held gewesen ist, den sie sich immer ausgemalt hat. Aber das ist auch okay. Sie schafft es, in einem Antihelden einen liebenswerten Menschen zu sehen und kann endlich abschließen.

Nora Gantenbrink geht auf Lesereise:

24.2.2020, Hamburg, Uebel & Gefährlich, 20 Uhr
11.3.2020, Leipzig, Buchhandlung Ludwig, 19 Uhr
12.3.2020, Leipzig, Moritzbastei (Im Rahmen der "Langen Leipziger Lesenacht"), 22 Uhr
27.4.2020, Berlin, Maschinenhaus, 19.30 Uhr


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