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Liebe: »Vielleicht macht der Glaube das Leben einfacher«

Der »Star Wars«-Star Oscar Isaac über das Imperium, Rassismus in Hollywood, Dating-Apps und die Frage, ob das Böse real ist.

Oscar Isaac ist genervt von Donald Trump

Oscar Isaac ist genervt von Donald Trump

Interview: Nora Gantenbrink | Foto: Alex John Beck / CBA

Es ist ein heißer Tag im Disneyland bei Los Angeles. Vor dem Hotel taumeln Goofy- und Donald-Duck-Figuren in der prallen Sonne herum. Frauen im Bikini und mit Minnie-Maus-Ohren schlurfen zum Pool – eine künstliche, irgendwie heile Welt. In einem klimatisierten Konferenzraum sprechen derweil Hollywoodstars über die neue »Star Wars«-Episode »Das Erwachen der Macht«. Schon als der erste Trailer zu sehen war, löste er einen riesigen Hype aus – in den USA brachen die Webseiten von Kinobetreibern zusammen, weil sich Fans die ersten Karten sichern wollten. 2012 hatte der Disney-Konzern die Rechte für vier Milliarden Dollar von George Lucas erworben und schreibt nun die Science-Fiction-Saga fort, von der manche Menschen behaupten, sie sei die wichtigste Erzählung seit dem Neuen Testament. Auch bei »Star Wars« gibt es ja eine unbefleckte Empfängnis, einen Vater-Sohn-Konflikt und den ewigen Kampf von Gut gegen Böse. Einer der Schauspieler, die in der siebten Episode eine zentrale Rolle spielen, ist Oscar Isaac. Beim Interview wirkt er nicht so, als würde ihm dieser Karriereschritt unruhige Nächte bereiten. Er ist Druck gewohnt: In Hollywood heißt es, er sei der nächste Al Pacino.

Das Gleichgewicht der Kräfte

Im neuen »Star Wars«-Film spielst du einen Raumschiffpiloten der Rebellen und kämpfst an der Seite von Harrison Ford als Han Solo auf der Seite des Guten und …
Bei »Star Wars« gibt es kein Gut und Böse.

Du hältst Darth Vader mit seiner lavaverbrannten Visage also für einen korrekten Typen?
Nein. Aber auch der Imperator Palpatine ist kein totaler Gutmensch. Es geht bei »Star Wars« eher um das Gleichgewicht der Kräfte. Wenn böse Kräfte wirksam werden, muss das Gute dem etwas entgegensetzen. Ich glaube jedoch, dass kein Mensch nur gut oder nur böse ist.

Und was ist mit Gandhi? Oder Hitler?
Das gilt auch für die beiden. Es macht uns menschlich, dass wir beides in uns tragen. Es gibt aber sicherlich Individuen, die stärker zu einer Seite tendieren.

Ist Donald Trump ein böser Mensch?
Vor allem nervt er.

Der republikanische US-Präsidentschaftskandidat fordert aktuell den Bau einer riesigen Mauer an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Über mexikanische Einwanderer sagte er: »Sie bringen Drogen und Kriminalität, sie sind Vergewaltiger.« Klingt ziemlich böse.
Trump ist alles zuzutrauen. Man denkt bei ihm oft: Das sagt er jetzt aus Scheiß, oder? Und merkt dann: Oh, er meint es ernst.

Welches Universum ist grausamer: »Star Wars« oder die Wirklichkeit?
Die Realität ist immer grausamer, weil sie real ist.

Oscar Isaac gärtnert in New York

Oscar Isaac, 35, wurde in Guatemala geboren und wuchs in Miami auf. Er spielte zunächst in der Band Blinking Underdogs und arbeitete am Theater. Er besuchte die Juilliard-Schauspielschule in New York. Seine erste größere Rolle war in »Es begab sich aber zu der Zeit …«. Bekannt wurde er mit der Hauptrolle in dem Coen-Brüder-Film »Inside Llewyn Davis«. Momentan ist er in der HBO-Serie »Show Me a Hero« zu sehen. Oscar Isaac lebt in new York.

In Porträts beschreiben Journalisten gerne deine mysteriöse Aura. Kannst du dir vorstellen, warum? Hast du ein abgründiges Hobby?
Was ist denn ein abgründiges Hobby?

Pfeilgiftfrösche züchten? Zaubertrank brauen?
Nein. Ich lebe in New York und spiele in meiner Freizeit Gitarre, höre Musik und bepflanze meine Terrasse. Besonders freue ich mich über die Gurken und Tomaten, die dort wachsen. Ich gehe auch gerne ins Naturkundemuseum und ins Theater.

Warum wohnst du eigentlich nicht in Los Angeles, wenn du ständig hier arbeiten musst?
Weil diese Stadt böse ist. Noch böser als Darth Vader.

Und was findest du am allerschlimmsten?
Datingplattformen.

Tinder?
Ach, du nutzt die App? Daher kommst du mir so bekannt vor. Ich glaub, wir hatten schon mal ein Match.

Mit Sicherheit nicht.
Datingplattformen und Los Angeles haben viel gemein: Beide benutzen deine Träume. Beide sagen: Komm her, hier kannst du glücklich werden. Und wenn das Glück nicht kommt, ist der Schmerz größer als je zuvor.

»Diskriminierende Angebote habe ich immer abgelehnt«

Du bist als Sohn eines Kubaners und einer Guatemaltekin in Florida aufgewachsen. In einem Interview sagtest du mal, dass du oft Rollen ablehnst, weil sie dich diskriminieren. Um welche Rollen handelt es sich?
Gangsterfiguren. Ein Latino, so denken offenbar viele Regisseure, kann gut einen Kriminellen spielen. Aber diese Angebote habe ich immer abgelehnt.

Es gibt also auch 2015 noch Rassismus im Filmgeschäft?
Das kommt leider vor. Ich habe einfach keine Lust, ein Klischee zu bedienen. Ich glaube, man darf sich als Künstler nicht limitieren lassen, weder durch die Hautfarbe noch durch die Art, zu sprechen. Wenn man eingegrenzt wird, wird man sofort schlechter. Große Künstler haben es immer geschafft, Klischees abzuwehren und Grenzen zu überschreiten.

Was machst du, wenn du dich diskriminiert fühlst?
Zu Beginn meiner Karriere habe ich meinen vollen Namen bewusst abgekürzt: Oscar Isaac Hernández. 2011 bekam ich eine Nebenrolle in »Drive« angeboten, in dem auch Ryan Gosling spielte. Nachdem ich das Drehbuch gelesen hatte, sagte ich zunächst ab. Ich hätte eine beschissene, stereotype Latinofigur spielen sollen. Das hat mich geärgert. Der Produzent sagte dann aber zu mir: Lass uns gemeinsam an der Rolle arbeiten.

Am Ende spielst du trotzdem einen Gangster.
Das stimmt. Aber zunächst handelte es sich um ein brutales, skrupelloses Arschloch. Im fertigen Film sah man einen Mann mit Konflikten. Er hatte einen Fehler gemacht, landete im Gefängnis. Nach dem Knast wollte er ein neues Leben, wollte es besser machen, aber seine Vergangenheit holte ihn ein. Letztendlich eine tragische Figur.

Ist Hollywood so böse, wie es heißt?
Denkt ihr das in Europa?

Ja, Hollywood steht irgendwie auf einer Stufe mit Investmentbanken.
Der Vergleich ist gar nicht so übel. Hollywood ist auch nur ein Business. Und das Wesen der Wirtschaft ist kalt. Man sucht nach Menschen und Ideen, die Gewinn versprechen. Manchmal hast du Glück und wirst ausgesucht, aber dabei geht es nie um dich als Individuum.

Religion und Rebellion

Deine Eltern waren Mitglieder einer sektenähnlichen christlichen Gruppierung. Wie hat das deine Kindheit beeinflusst?
Ich bin sehr religiös aufgewachsen, war oft in der Kirche. Aber mit achtzehn stieg ich aus. Die Erfüllung, die meine Eltern fanden, offenbarte sich mir nicht. Meiner Schwester ging es genauso. Sie wurde Wissenschaftlerin und ist heute eine renommierte Klimawandelexpertin.

Glaubst du an Gott?
Manchmal sehne ich mich danach. Vielleicht macht der Glaube das Leben einfacher. Ich glaube aber an eine Art von Schicksal.

Du hast gegen deine Eltern rebelliert und bist von der Highschool geflogen. Wie war das?
Es hört sich cooler an, als es in Wirklichkeit ist. Meine Eltern sind total durchgedreht.

Du hast dann Punkmusik gemacht. War das deine Antwort auf die christliche Erziehung?
Wir machten zwar Punkmusik. Ich selbst war aber straight-edge. Ich trank nicht. Ich rauchte nicht. Ich nahm keine Drogen und hatte keinen Sex. Wahrscheinlich habe ich zu dieser Zeit auf doppelte Art und Weise rebelliert: gegen die Werte meiner Eltern und die exzessive Punkkultur.

Trinkst du heute immer noch nicht?
Ich trinke heute eine Menge.

Wie exzessiv ist das Dasein als Hollywoodschauspieler?
Null. Es ist harte Arbeit. Disziplin. Text lernen, Drehtage, geregelte Arbeitszeiten. Es ist ziemlich spießig.

»Musik war meine Leidenschaft«

Deine Band hieß Blinking Underdogs, heute machst du Mainstreamfilme wie »Star Wars« und spielst in der TV-Serie »Show Me a Hero« mit. Hast du deine Ideale verraten?
Welche Ideale? Wir waren damals Underdogs, weil wir keinen Erfolg hatten, nicht, weil wir unbedingt Underdogs sein wollten. Musik war meine Leidenschaft.

Was für Musik hörst du heute?
Ich bin ein großer Fan von TV on the Radio. Und von Bob Dylan.

Ist Mainstream für dich ein Schimpfwort?
Überhaupt nicht.

Bedauerst du, dass du ein besserer Schauspieler als Musiker bist?
Manchmal tut es mir ganz kurz weh, wenn ich auf Konzerte gehe und dort Menschen sehe, die ihr Publikum begeistern und von ihrer Musik leben können. Aber mein Talent als Musiker reichte halt einfach nicht aus. Zumindest gibt es mit der Schauspielerei noch ein anderes Feld, in dem ich etwas kann. Es geht mir gut. Ich meine, es gibt da draußen Menschen, die haben gar keine Talente mitbekommen. Manche haben nicht mal Arme oder Beine. Also worüber soll ich mich beschweren?

Eine gute Frage. Aber dann betritt schon die Pressefrau den Raum und sagt, das Interview sei jetzt vorbei. Eilig schiebt sie zwei französische Radiojournalisten herein. Ich bin anderer Meinung, hätte noch viele Fragen an Oscar Isaac, den Mann, der sich aus der Latino-Gangster-Schublade befreit hat und nun im Weltraum für das Ziemlich-Gute kämpft. Etwa: Ob er Gollum gut oder böse findet und Angela Merkel und Uber. Oscar Isaac steht auf und nimmt mich in den Arm, warum, weiß ich nicht, vielleicht hat er Mitleid mit mir. Draußen vor dem Fenster läuft eine Goofy-Figur vorbei und winkt mir zu.

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Dieser Text ist in der Ausgabe 01/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.