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Stern Logo Filmfestival in Cannes

So war Cannes: Sex, Lügen und Fernsehen

Der Regen nervte, Ryan Gosling enttäuschte, die Vampire verzückten und der richtige Film hat die Goldene Palme gewonnen. Das Cannes-Paket 2013 war eine Wucht.

Von Sophie Albers

Was machst du gerade? Traurig sein, dass Michael Douglas nicht die Goldene Palme für den besten Darsteller gewonnen hat. Denn er hätte sie in allen Aspekten verdient: Sein Liberace in Steven Soderberghs "Behind the Candelabra" ist einer der besten Auftritte seiner Karriere: so vollmundig, so uneitel, so mutig, so groß, mit so viel Lust hat er noch nie gespielt.

Es ist zudem Douglas' erste Rolle nach seiner Kelhlkopf-Erkrankung. Er habe sich gefragt, ob er überhaupt noch eine Karriere habe, als er dieses Geschenk bekam, sagte der US-Star im Gespräch mit stern.de.

Einen Oscar kann es dafür nicht geben, weil Soderbergh den Film für den TV-Sender HBO gedreht hat, nicht fürs Kino. Was übrigens eine ganz neue Film-Macht-Diskussion eröffnet. Auch "The Queen"-Regisseur Stephen Frears hat seinen neuen Film über Muhammad Ali für den Sender gedreht. "Weil man dort mehr machen kann."

Der beste Film des Festivals:

"Wer hätte gedacht, dass Spielberg und Co. den gleichen Geschmack haben wie ich", schreibt ein Kollege auf Facebook. So geht es gerade vielen. Der absolut verdiente Palme d'Or-Gewinner "La vie d'Adèle" von Abdellatif Kechiche ist eine überwältigende Liebesgeschichte, die mit voller Wucht und authentisch von zwei sehr unterschiedlichen jungen Frauen erzählt, die sich verlieben, zusammen leben und dann wieder voneinander entfernen. Es geht um Lebenslust und Lebensentwürfe, und das alles wird ganz nah dran am wunderbaren Gesicht von der bereits zum neuen Star ausgerufenen Adèle Exarchopoulos erzählt - egal ob sie nun gerade Spaghetti verschlingt oder ihre große Liebe mit Küssen übersät.

Verblüffend ist die Spielberg-Jury-Entscheidung, weil es mehrere explizite Sexszenen gibt, die auch im offenen Europa für viele an die Pornogrenze gehen. Da wäre man echt gern dabei gewesen, als "La vie d'Adèle" diskutiert wurde. Um so schöner, dass Hollywood die Filmkunst trotzdem anerkennt.

Bester Moment des Festivals: Als der 87-jährige Jerry Lewis nach seinem gar nicht mal so guten Film "Max Rose" zu spüren bekam, wie sehr er von seinem europäischen Publikum geliebt wird. Ganz anders als in den USA. Minutenlange Standing Ovations gab es für den Komiker, der mit seinen Ulkfilmen an der Seite von Dean Martin vielen Kindergenerationen großartige Fernsehnachmittage beschert hat. Noch besser war es zu sehen, dass Lewis noch immer mit einem Augenroller einen ganzen Saal zum Lachen bringen kann. Dagegen kam nicht mal Festival-Chef Thierry Fremaux an. Als er Lewis vor dem Film fragte, ob er noch etwas sagen wolle, brüllte der alte Mann im knallorangenen Pulli: "Nein, du Dödel".

Schlechtester Moment des Festivals:

Als klar wurde, dass Ryan Gosling nicht kommt, um seinen mit wenig Begeisterung aufgenommenen "Only God Forgives" vorzustellen. Es kursierte unter anderem das Gerücht, dass er sich mit Regisseur Nicolas Winding Refn ("Drive") überworfen habe.
und
Roman Polanskis sexistische Provokationen. Egal wie gut "Venus im Pelz" auch sein mag, seine Sprüche, dass die Anti-Baby-Pille die Frauen vermännlicht habe, dass die Idee der Gleichstellung der Geschlechter "idiotisch" sei und seine anwesende Frau mit einer "dummen Blondine" verglich, waren einfach nur peinlich.

Neuentdeckungen des Festivals:

die 22-jährige Elizabeth Debicki (die unglaublich elegante Jordan Baker in "The Great Gatsby") und die 19-jährige Adèle Exarchopoulos ("La Vie d'Adèle")
und
Dass Cannes trotz überkandidelter Sicherheitsvorkehrungen ein Fest für Einbrecher war.

Liebling des Festivals: Die wunderschöne rote Katze in "Inside Llewyn Davis".
und
Tilda Swinton und Tom Hiddleston als Vampirehepaar in Jim Jarmuschs fulminanter Rückkehr in den Filmolymp mit "Only Lovers Left Alive". Grandiose Dialoge über die Middeath-crisis eines Untoten, der die Dummheit der Menschen nicht mehr erträgt, zunehmend verdrecktes Blut, nervige Familienmitglieder und die Ups and Downs der Ewigkeit. So entspannt und lustig ist das Filmfest in Cannes eher selten.

Zitat des Festivals:

"Filmemachen ist wie Sex. Wenn du vorher zu viel weißt, ist es nicht mehr aufregend." ("Only God Forgives"-Regisseur Nicolas Winding Refn über seine Arbeit)

"Ich bin pinkeln gegangen, und sie haben mich nicht mehr reingelassen. Ich habe die erste Hälfte meines Films verpasst!" ("Inside Llewyn Davis"-Star Oscar Isaacs über die rude Sicherheitspolitik im Palais)

"I got my cold from Cannes, Darling" ("Great Gatsby"-Star Carey Mulligan über das miserable Wetter scherzend)

"Feel free to piss in the garden" (Jarmuschs Vampir zu seinem normalsterblichen Besucher, der die Toilette sucht)

Nur mal so nebenbei:

Mitnehmen sollte man in diesem Jahr Liberaces Lebensmotto: "Too much of good thing is wonderful" (Zu viel des Guten ist wunderbar) A l'année prochaine!

Mitarbeit: Lutz Meier