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9. Cannes-Kontakt: Die unwiderstehliche Jerry-Lewis-Show

Leonardo DiCaprio, Ryan Gosling und Matt Damon sind vergessen, wenn Jerry Lewis sich das Mikrofon schnappt. Der Tag der alten Männer war ein guter Tag!

Von Sophie Albers, Cannes

Was machst du gerade? Im Kreis Grinsen wie eine glückliche Fünfjährige, denn ich habe soeben den Star meiner Kindheit getroffen: Jerry Lewis! Meine Mutter hat bis heute einen Brief von mir aufgehoben, in dem ich in pre-Grundschul-Buchstaben meiner Bewunderung für den Super-Comedian Ausdruck verliehen habe. Gemalt habe ich ihn auch. Die Glückseligkeit war am Donnerstagnachmittag doppelt groß, weil zuvor Gerüchte kursierten, laut denen Lewis ein grummeliger alter Mann geworden sei, der nichts von Dean Martin wissen will. Der Leiter der Pressekonferenz wies kurz zuvor auch noch darauf hin, dass Lewis gejetlagt und schwerhörig sei. Was für ein wundervoller Irrtum! Als ein brasilianischer Kollege sich meldete, fragte Lewis ihn, warum er so schreie.

Völlig klar und exorbitant gut gelaunt lieferte Lewis eine Show, die den ganzen Saal in glückliche Kinder verwandelte. Der "King of Comedy" ist in Cannes, um seinen ersten Film seit 18 Jahren vorzustellen. "Max Rose" heißt er und berichtet von einem alten Jazzpianisten, der um seine verstorbene Frau trauert, bis er etwas herausfindet, dass ihn vermuten lässt, dass er einen Nebenbuhler hatte. Aus bisher unerfindlichen Gründen ist die Pressevorführung am Morgen ausgefallen. Deshalb wird die Filmkritik nachgeliefert. Aber zurück zur Jerry-Show: Er steckt sich einen Kopfhörer in die Nase und schielt mit offenen Mund wie in besten "Aschenblödel"-Zeiten. Auf jede Frage gibt es einen scharfen, aber niemals arroganten Konter. Lewis sagt mehrfach, dass er den Film gemacht habe, weil es das beste Drehbuch sei, was ihm je vorgelegt wurde. "Und die drei Millionen waren auch in Ordnung." Die Tatsache, das er in Europa so viel beliebter ist als in den USA, kommentiert er mit: "Beliebt? Die haben mich 50 Jahre lang am Leben gehalten." Als er eine lange Frage gestellt bekommt, antwortet er ebenso abgehoben verdreht, beugt sich zu Regisseur Daniel Noah und raunt: "Was zum Teufel war das?!"

Dean Martin? "Sie wissen, dass er tot ist, oder? Als ich hergekommen bin, und er war nicht da, wusste ich, dass etwas nicht stimmt." Als eine Frage nach jüdischem Humor in Amerika und Europa kommt, sagt er einfach: "Lachen ist Lachen, Humor ist Humor. Wenn du es forcierst, lachen die Leute nicht." Einer Frau, die den Saal verlässt, ruft er hinterher "Hey, es wird besser!" So müssen sich Frank-Sinatra-Shows angefühlt haben. Das ist das ganz große Entertainment.

Denn Lewis kann im gleichen Ton auch Wichtiges, Richtiges, Schwerwiegendes sagen: Wenn er auf sein Leben und seine Karriere zurückblicke, müsse er sich hinsetzen, denn "alles, was ich gemacht hab, war harte Arbeit, und wenn ich darüber nachdenke, ist das anstrengend". Sein in Schweden gedrehter Film "Der Tag als der Clown weinte" über einen Clown im KZ, den er zurückgezogen hat, sagte er: "Jeder Kreative hat das Recht, sich gegen sein Werk zu entscheiden", der Film sei schlecht und er schäme sich dafür. Und die neue Technologie im Kino? "Alles, worüber wir gerade sprechen, ist nicht perfekt, hat aber eine große Zukunft vor sich, die meine Enkel erleben werden."

Und am Ende: Liebe ist die wesentliche Zutat zu allem. Jeder solle sie verabreicht bekommen, denn sonst passiert "so ein Scheiß wie gerade in London. Das war meine Predigt für heute." Danke, Jerry Lewis!

Der

Film des Tages

wird wohl "Max Rose" sein, aber bis dahin sei Alexander Paynes "Nebraska" gefeiert, ein wie gewohnt entspannter, liebevoller, lustiger, bittersüßer Film über Familie und Vergangenheitsbewältigung. Anders als der Vorgänger "The Descendents" ist "Nebraska" in Schwarz-Weiß, und anstatt George Clooneys Star-Power gibt es einen grandiosen Bruce Dern und eine noch bessere June Squibb (die ein Kollege schon für den Oscar vorgeschlagen hat).

Moment des Tages:

Jerry Lewis, Jerry Lewis, Jerry Lewis!

News des Tages: "Blechtrommel"-Regisseur Volker Schlöndorff kehrt nach 15 Jahren in die USA zurück, um "Montauk" zu drehen, die Verfilmung von Max Frischs gleichnamigem Roman. Schlöndorffs letzter in den USA gedrehter Film war "Palmetto" mit Woody Harrelson.
und
Und die neue Finanzierungs-Plattform OLFFI (Online Film Financing), die Produzenten einen gründlichen Überblick über Filmförderungsmöglichkeiten verschafft - in Europa und global. Auf dass viele großartige Filme entstehen!

Sichtung des Tages:

Jerry Lewis! (sorry :) und "Homeland"-Star Damian Lewis (no pun intended), der den schottischen Film "The Silent Storm" promotet. Lewis sagt, das Drehbuch erinnere ihn an Ingmar Bergman oder Werner Herzog. Allerdings ist er schon wieder ein Soldat. "James Bond"-Produzentin Barbara Broccoli ist an der Finanzierung beteiligt.

Zitat des Tages: "Ich bin eigentlich sehr schüchtern. Ich werde gerade rot!" (Turbo-Französin Léa Seydoux über ihre Kunst anlässlich des Films "Blue is the warmest Color", in dem sie reichlich Sexszenen hat)
und
"Schauen Sie niemals Fernsehen, wenn Sie es verhindern können." (Jerry Lewis über den Status Quo der Comedy)

Nur mal so nebenbei:

Morgen gibt es den neuen Film von Jim Jarmusch - mit Tilda Swinton als blutsaugende Liebhaberin. Yeah!

Mitarbeit: Matthias Schmidt