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Stern Logo Filmfestival in Cannes

10. Cannes-Kontakt: Mit Leo ins All

Für 1,2 Millionen Euro darf man mit Leonardo DiCaprio ins All fliegen. Ein deutscher Kurzfilm hat gewonnen. Und Marion Cotillard ist Marion Cotillard.

Von Sophie Albers, Cannes

Was machst du gerade? Mich fragen, ob man neben Leonardo DiCaprio sitzen möchte, wenn man ins All fliegt und vielleicht in Panik schreit oder sich übergeben muss ... Bei der alljährlichen großen amFAR-Cinema-against-Aids-Gala jedenfalls hat jemand 1,2 Millionen Euro hingelegt, um genau das zu tun: neben Leo sitzen, während man ins All geschossen wird ...

Der

Film des Tages

war "The Immigrant" nicht, aber Marion Cotillard ist und bleibt eine Augenweide, und Jeremy Renner durfte endlich einmal mehr tun, als vergeblich Jason Bourne nachzujagen. Der Film in Sepia-Ästhetik erzählt von einer jungen Polin (Cotillard), die während des Zweiten Weltkriegs nach Amerika flieht. Ihre Schwester wird bei der Einreise mit Verdacht auf Tuberkulose ins Hospital gesteckt, sie selbst muss schnell Geld verdienen, um die Behandlung zu bezahlen. Das nutzt ein Zuhälter (Joaquin Phoenix) aus, der gleichzeitig in sie verliebt scheint. Und auch ein Magier namens Orlando (Renner) hat Gefühle für sie und will ihr helfen. Schuld und Sühne hängen schwergewichtig an der Geschichte, die komplett aus der Zeit gefallen wirkt. So als habe man auf dem Dachboden alte Fotos gefunden, zu denen einem lange die Namen der Menschen fehlen.

Moment des Tages:

Den leihe ich mir von gestern Abend, da ich eine Filmkritik zu Jerry Lewis' erster Hauptrolle seit 18 Jahren in "Max Rose" versprochen habe: Während Lewis - wie einst Jack Nicholson in "About Schmidt" - die Rolle des verunsicherten Witwers mit Bravour spielt, fällt der Rest des Films über Familiengeheimnisse und gestörte Vater-Sohn-Beziehungen steil ab. DOCH am Abend im Zeltkino auf dem Dach des Palais gab es diesen historischen, bittersüßen Moment, als das Publikum Lewis nach dem Film minutenlang Standing-Ovations gab. Niemand wollte ihn gehen lassen, weil es sich anfühlte, als sehe man sich zum letzten Mal. Zudem endete der Film auch noch mit alten Showaufnahmen von Lewis. Es war herzwringend. Aber Lewis hat ja schon beim Betreten des Saales gewitzelt, das sei ein gutes Begräbnis.

News des Tages: Zwar hat es kein deutscher Film in den Wettbewerb geschafft, aber dafür zwei in die Nebenreihen. Und einer hat auch schon gewonnen! Daria Belovas "Komm und Spiel" wurde mit dem "Prix Découverte" in der Sektion Kurzfilm der Semaine de la Critique ausgezeichnet. Die junge Frau aus Sankt Petersburg studiert an der Berliner Filmhochschule und hat ein verstörendes Stück Schwarz-Weiß-Film über die Vergangenheit und Gegenwart von Krieg gemacht. Der kleine Grisha lebt im heutigen Berlin und rennt nach der Schule in den Park, um Krieg zu spielen. Plötzlich verschwimmen die Grenzen zwischen Realität, Fantasie und Historie. Es sei ihr darum gegangen, die Geister des Krieges sichtbar zu machen, die vor allem in Berlin umgehen, die die Menschen aber am liebsten ignorieren. Einschusslöcher, Straßennamen, "Was wenn die Gebäude erzählen könnten...", sagte Belova im Gespräch mit stern.de. Es gehe um das Gedächtnis des Ortes und das Gedächtnis, das jeder Zuschauer mitbringt. Und Cannes? Sie habe eine Stunde lang geschrien, und ganz viel gefeiert.

Der andere Film heißt "Tore tanzt", ist das Debüt von Katrin Gebbe und wurde bei seiner Premiere in der Sektion Un Certain Regard besonders ausgiebig beklatscht und bejubelt. Tore sucht Halt und Sinn im Leben bei einer christlichen Sekte, doch findet er Gewalt und Manipulation und muss einen Weg finden, damit klarzukommen.
und
Das Hotel Splendide, 30 Jahre lang das Cannes-Zuhause des im April verstorbenen Filmkritiker-Gurus Roger Ebert hat dessen angestammte Suite auf seinen Namen getauft.

Sichtung des Tages:

Das unnachahmliche Lächeln von Mads Mikkelsen, das im Wettbewerbsfilm "Michael Kolhaas" eher nicht zu sehen ist.

Zitat des Tages: "Meine Erfahrung mit 3D ist fragwürdig. Aber ich bin glücklich, dass ich es gemacht habe. Jetzt bin ich besser vorbereitet auf 4D." (ein grinsender Regisseur Peter Greenaway anlässlich seines Projekts "3x3" mit Jean-Luc Godard)
und
"HARVEY!" (Es ist seit Jahren Tradition in Cannes, dass vor Beginn der Pressevorführung jemand laut "Raoul" ruft. An diesem Morgen tönt "Harvey" (Weinstein) durch den Saal, als der Name von dessen Produktionsfirma auf der Leinwand erschien)

Nur mal so nebenbei:

Ich wünsche Ihnen ein formidables Wochenende - und zu dessen Versüßung gibt es diesen wunderbaren Kino-Scherz mit Ryan Gosling, der uns in Cannes so schmählich allein gelassen hat: "Ryan Gosling will sein Müsli nicht essen"