"Kiss All The Time. Disco
Harry Styles tanzt durch die Berliner Nacht

Harry Styles hat sich neu erfunden - Berlin war daran nicht unbeteiligt.
Harry Styles hat sich neu erfunden - Berlin war daran nicht unbeteiligt.
© Stella Blackmon
Harry Styles' neues Album klingt wie ein musikalisches Tagebuch aus Berlin - zwischen verschwitzten Nächten und dem leisen Morgen danach.

Harry Styles (32) war die letzten Jahre auf der Suche - und wo geht das besser als in Berlin? Nach dem gigantischen Erfolg von "Harry's House" und einer ausgedehnten Welttournee hat er sich einige Jahre rar gemacht. Währenddessen ist er in Berlin den Marathon gelaufen, in Mitte gesichtet worden und posierte mit Techno-DJ Ben Klock (54) vor dem Berghain. Nun gibt es neuen Stoff: Seit Freitag ist das Album zur inoffiziellen Berlinphase draußen, mit einem Cover, das nur auf einem Open-Air aufgenommen worden sein kann und dem Titel: "Kiss All The Time. Disco, Occasionally".

Der David-Bowie-Move hat offenbar auch bei Styles funktioniert. Von einem ehemaligen Boyband-Mitglied ist auf diesem Album nichts mehr zu hören. Klanglich hat Styles sich in Richtung elektronischen Indie-Dance bewegt. Die Einflüsse von LCD Soundsystem und Hot Chip sind deutlich hörbar: warme Synthesizerflächen, pulsierende Bässe und Songs, die gleichzeitig nachdenklich und tanzbar wirken.

Glitzerndes Open-Air statt düsteres Berghain

Ein Techno-Album ist es natürlich nicht geworden. Styles Style ist weniger das düstere Leder-und-Techno-Berlin rund um das Berghain, sondern die glitzernden Open-Air-Tanzflächen im Sommer, Konfetti auf dem Boden, große Pupillen im Morgenlicht. Aber egal, welcher nun tatsächlich sein Stammclub war: Wer Styles' Performance der ersten Single "Aperture" bei den Brit Awards gesehen hat und selbst schon mal einen Zeh ins Berliner Nachtleben getaucht hat, weiß, wie die Zeile "We belong together" entstanden ist: nach einer für Außenstehende wahrscheinlich unerhört langen Zeit auf einer euphorisierten Tanzfläche.

Bei "Ready, Steady, Go" überzeugt die funky Bassline, während der Text Rätsel aufgibt: Wer ist Leon? Wer hat ihn angerufen? Und ist das jetzt gut oder schlecht? In "Are You Listening Yet" sprechsingt Styles über ein stoisches Groove-Gerüst - ganz in der Tradition von James Murphys lakonischem Dance-Rock - und ruft in bester Loveparade-Tradition aus: "If you must join a movement, make sure there's dancing". Überhaupt: Tanzen als Lebensgefühl. In "Dance No More" hört man die Party im Hintergrund, während der Titel nur den DJ meint, bei allen anderen sollen Tränen und Schweiß eine Suppe werden.

Die ersten Sonnenstrahlen des Tages

Doch Styles weiß auch, wie man die Party zu einem würdigen Ende bringt. "Coming Up Roses" ist eine Pianoballade, die sich mit Walzerrhythmus und anschwellenden Streichern langsam in einen emotionalen Höhepunkt steigert. "Paint by Numbers" wirkt wie der Moment am Vormittag nach der Party, wenn endlich Ruhe einkehrt und man erschöpft und glücklich kuschelnd einschläft. In "Carla's Song" verabschiedet sich Styles schließlich von der Nacht und begrüßt auf altmodisch schimmernden Synthesizern reitend die ersten Sonnenstrahlen des Tages: "It's all waiting there for you".

Vielleicht passt das auch zu Berlin selbst: Jeder Song macht hier sein eigenes Ding. Umso erstaunlicher bleibt nur eine Frage offen - warum auf der kommenden Tour bislang ausgerechnet die deutsche Hauptstadt fehlt.

SpotOnNews

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