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Liebe: The Wolfpack

Jahrelang wurden sechs Brüder von ihrem Vater in einer New Yorker Wohnung eingesperrt. Ihr einziger Kontakt zur Außenwelt waren Filme. Durch eine Dokumentation über ihr Schicksal wurden sie selbst zu Stars. Wie kommen sie in einer Welt klar, die ihnen völlig fremd ist?

Das "Wolfpack": Das Lieblingskostüm der Brüder stammt aus dem Film "Reservoir Dogs"

Ein großes Messer in der rechten Hand, die Maske des Serienmörders Michael Myers vor dem Gesicht: Mukunda Angulo, 21, geht mit schnellen Schritten durch die Dunkelheit von New York City. Vorbei an Hochhäusern, hupenden gelben Taxis und Leuten mit Einkaufstüten. An jedem anderen Tag würde bei diesem Anblick wohl sofort jemand die Polizei rufen, aber es ist der 31. Oktober: »Halloween! Heute kannst du sein, wer du sein willst!«, ruft Mukunda, lacht laut und schaut in den Himmel. Halloween ist für Mukunda ein besonderer Feiertag. Als Kind fürchtete er sich sehr vor der Horrorfigur Myers, aber er war auch fasziniert davon, dass in den Filmen der »Halloween«-Reihe die Gesetze des Alltags außer Kraft gesetzt wurden. Der amerikanische Albtraum. Alles ist möglich. Auch das Schlimmste. An Halloween verwandeln sich die Straßen in einen Laufsteg für Mörder, Geister und Hexen. Und die Verrückten und Außenseiter sind plötzlich die Normalen.

Mukunda, 21, hat dieses Jahr zum ersten Mal Freunde zu einer Halloween-Party eingeladen.

Noch vor wenigen Jahren beobachtete Mukunda die Menschen in ihren bunten Verkleidungen aus der Ferne. Er drückte die Nase gegen die Fensterscheibe im 16. Stock eines Sozialwohnungskomplexes in der Lower East Side. Die Entfernung zwischen seinem Zimmer und dem Straßenalltag schien ihm unüberwindbar. »Wenn man in einem Apartment eingesperrt ist, lebt man nicht gern in der Wirklichkeit«, sagt Mukunda, »sondern schafft sich eine Fantasiewelt.« Im Herbst 2015 aber ist er mittendrin, ist Teil des Halloween-Umzugs, der Fantasie und Realität verbindet. Ein Geist schreit. Ein Scheißhaufen-Emoji winkt. Daenerys Targaryen, die Drachenmutter aus der Fantasyserie »Game of Thrones«, grinst sexy und Catwoman huscht durch die Nacht.

Zahlreiche Premieren für das »Wolfpack«

Mukunda hat sich an Premieren gewöhnen müssen, seit er sich 2010 aus der Gefangenschaft befreite. Tag für Tag arbeitet er daran, sich der Angst vor unbekannten Situationen zu stellen. Er fuhr zum ersten Mal U-Bahn, stand Körper an Körper mit Hunderten schlecht gelaunten Menschen. Er lernte fremde Codes und neue Ausdrücke wie »Google it …«, bestellte zum ersten Mal in einem Restaurant, ohne zu wissen, dass er dafür bezahlen muss. Und nun ist er zum ersten Mal beim Halloween-Umzug in Manhattan dabei. Das ist auch überfordernd. Plötzlich blickt sich Mukunda nach seinem Bruder Jagadisa um, der sich Eddie nennt und als Jason aus »Freitag der 13.« unterwegs ist: Axt, Latzhose, Sack über dem Kopf. »Wir müssen zusammenbleiben.« Jede Minute in der Masse empfinden die Brüder als Sieg über die Angst vor der Welt, die ihnen von Kindheit an beigebracht wurde. »Wir müssen das noch etwas aushalten.« Als der Umzug wenig später die nächste Kreuzung erreicht, biegt Mukunda ab und zieht sich die selbst gemachte Maske vom Gesicht, damit er frei atmen kann. »Großartig!«, sagt er und macht sich auf den Weg zurück in die Wohnung, in der er seine Kindheit verbrachte. Die Wohnung, die Komfort und Horrorzone zugleich ist.

Bhagavan lebt noch immer in der alten Wohnung. Er arbeitet als Yogalehrer und tanzt beim Hip-Hop Dance Conversatory.

Über ein Jahrzehnt Gefangenschaft

Vierzehn Jahre lang existierte im südlichen Manhattan eine Diktatur, ohne dass die Welt davon Notiz genommen hätte. Aber eine Diktatur definiert sich nicht über die Größe des Territoriums, sondern darüber, dass es einen Führer gibt und Untertanen, die die vom ihm gesetzten Regeln nicht hinterfragen. Weil er die Macht hat. Weil das immer so war. In der Vierzimmerwohnung im 16. Stock, Broome Street, bestimmte Oscar Angulo, 53, ein Althippie und Trinker, wie die Familie zu leben hatte: seine Frau Susanne und die Kinder, Visnu, 25, Bhagavan, 24, die Zwillinge Narayana und Govinda, 23, Mukunda, 21, Krsna, 19, und Jagadisa, 17. Die Familie verließ die Wohnung nur, wenn der Vater es erlaubte. Manchmal zehnmal im Jahr. In einem Jahr sind sie gar nicht rausgegangen. Oscar ist der Hare-Krishna-Bewegung verbunden. Genau wie viele Sektenführer wollte er mit seiner Frau viele Kinder zeugen, seinen eigenen Stamm. Den Kindern gab Oscar Namen aus dem indischen Sanskrit.

Die hundert Quadratmeter große Wohnung war für die Geschwister Gefängnis, Kindergarten, Schule und Spielplatz. Sie hatten keine Freunde, mit denen sie im Park spielen konnten, keinen Fußballverein oder Gitarrenunterricht, keine sozialen Netzwerke. Immer wenn sie der Wirklichkeit entfliehen wollten, machten die Brüder das, was sogenannte normale Menschen tun, wenn sie nach einem langen Tag im Büro abschalten wollen: Sie schauten sich einen Film an. »Wir haben über 5000 Filme gesehen«, sagt Mukunda, der über ein enzyklopädisches Kinowissen verfügt. Ein Satz, den man oft hört, wenn man mit den Brüdern unterwegs ist: »Wie im Film.«

Eddie heißt eigentlich Jagadisa, hat seinen alten Namen aber abgelegt. Er ist siebzehn und schneidet sich gern die Haare, weil das früher verboten war.

Die Brüder sind Filmstars

Gerade weil ihre Vorstellungen vom Leben überwiegend auf Hollywoodfilmen basieren, erschien es den Brüdern logisch, dass sie ihre Geschichte mit der Filmemacherin Crystal Moselle teilten, die die preisgekrönte Dokumentation »The Wolfpack« produzierte. Der Film über die Filmfans aus dem 16. Stock hat diese berühmt gemacht. Aus der Isolation traten sie ins Scheinwerferlicht und auf den roten Teppich. Und immer wenn sie bei einem Filmfestival auf der Bühne stehen, stehen diese Fragen im Raum: Wie kann es sein, dass Kinder, die fast ohne Kontakt zur Außenwelt aufwuchsen, zu solch eloquenten Männern geworden sind? Braucht der Mensch andere Menschen, um zum Menschen zu werden? Und was für Werte nimmt man eigentlich mit, wenn man von Batman erzogen wird?

Mukunda hat eine Woche lang das Apartment dekoriert, damit nichts daran erinnert, was hier früher passiert ist. »Ich will mich in der Wohnung wie in einem Garten fühlen«, sagt er. Er hat Heuballen und Laub auf dem Boden verteilt, sodass es bei jedem Schritt raschelt. Halloween 2015 ist etwas Besonderes, weil Mukunda und seine Brüder zum ersten Mal Freunde in die Wohnung eingeladen haben. Auch neu ist, dass nicht alle Brüder an Halloween zusammen sind – ihrem Feiertag. Narayana ist mit Mutter Susanne auf dem DOK Filmfestival in Leipzig unterwegs, Bhagavan, der Älteste, ist bei einem Tanzworkshop in Paris. Und Vater Oscar, der nicht im Gefängnis gelandet ist, sondern weiterhin mit seiner Frau in der Wohnung lebt, haben sie für eine Nacht vor die Tür gesetzt. »Für mich ist das so ein Highschoolmoment, die Eltern sind nicht da, und man schmeißt eine riesige Party, zu der man zu viele Leute einlädt«, sagt Mukunda.

Unsere Autorin (ganz links) mit dem Wolfpack an Halloween 2015.

Die Wohnung sieht aus wie ein Horrorfilmmuseum: Dicke Spinnweben und Skelette hängen im Flur. Eddie hat drei unterschiedliche Kostüme vorbereitet, aus Jason Voorhees wird Freddy Krueger und später ein kreischender Geist. Auch Govinda ist da, der als Vincent Vega geht und seine Freundin Isabella im Arm hält. An den Wänden hängen Filmplakate, die das Wolfpack gebastelt hat: »Carrie«. »Nightmare Mörderische Träume«. »Halloween«. Die Gäste sind aufgeregt. Einer ist als Jesus verkleidet, eine Frau als Discokugel. Sie lachen, sie trinken Bier, essen Gummimäuse. Einer sagt: »Kann es einen gruseligeren Ort geben, um Halloween zu feiern, als die Wohnung vom Wolfpack?«

Strenge Regeln vom Vater

Die Deko kommt aus einer Zeit, als in der Wohnung andere Regeln galten. Als die Brüder das Wohnzimmer nicht betreten und sich nicht die Haare schneiden durften. Gnadenlose Routine: Von morgens neun Uhr bis zum Nachmittag um vier Uhr unterrichtete Susanne ihre Söhne in Mathe, Englisch oder was auf dem Lehrplan stand. »Unser Vater hat vorgegeben, wann wir uns in welchem Raum aufhalten durften«, erzählt Mukunda.

Narayana ist im November aus der Wohnung der Familie ausgezogen. Er arbeitet als Umweltaktivist bei NYPIRG. Sein Zwillingsbruder ist Govinda.

Was genau den Vater um und antreibt, ist schwer zu sagen, im Dokumentarfilm zeigen ihn Home-Video-Aufnahmen oft mit einem Drink in der Hand. Er sagt: »Ich kontrolliere jeden.« Eine Interviewanfrage von NEON lehnte Oscar Angulo ab. Die Söhne vermuten, dass er Angst vor der fremden Welt da draußen hatte und nicht wollte, dass die Nachbarn merken, dass so viele Kinder in der Wohnung leben. Der Vater stellte einen Stuhl gegen die Tür, damit er sofort hören konnte, wenn jemand versucht hätte, das Apartment zu verlassen. Auch seine Frau durfte nicht aus der Wohnung. Für sie waren die Regeln noch härter, sie durfte noch seltener raus, und wenn sie dann mal draußen war, verbot Oscar ihr, fremden Männern die Hand zu geben. Seine Angst übertrug sich auf die Kinder. Obwohl die Tür nicht abgeschlossen war, waren sie lange Zeit zu ängstlich, um die Wohnung zu verlassen. An schlimmen Tagen schaltete der Vater sogar den Fernseher aus.

Flucht durch Binge-Watching

Um der Monotonie und der Enge zu entkommen, machten die Brüder die Wohnung zu einem Filmset. Nach der Oscarverleihung veranstalteten sie zum Beispiel Mottotage, guckten alle Filme, die in einer Kategorie nominiert waren. Mal war »Bester Schnitt«-Tag, mal ging es um das »Beste Kostüm«. Die Wolfpack-Mitglieder betrieben Binge-Watching, bevor das Wort erfunden wurde. Aber während wir durch das Dauerglotzen versuchen, dem Chaos und Lärm zu entfliehen, war es für sie ein Mittel, um mit der Welt in Kontakt zu treten.

Die Lieblingsfilme des Wolfpacks


Die Brüder bastelten Kostüme und Kulissen aus Papier und Klebeband. »Es gab keine Bäume in unserer Wohnung, also habe ich mir welche gemalt und gefaltet. So fühlte es sich realer an«, sagt Mukunda. Je älter die Jungs wurden, desto weiter bauten sie ihre Fantasiewelt aus: Mit Papier, Stiften und Klebeband bastelte Mukunda etwa das Schwert aus dem Film »Herr der Ringe«. Das war der erste Blockbuster, den sie in der Wohnung nachstellten. Später machten sie Indoor-Remakes von »Pulp Fiction« und »No Country for Old Men«, bastelten Pistolen aus Pappe und Alufolie, malten sich Bärte ins Gesicht und spielten nach Tarantinos »Reservoir Dogs« sechs Gangster, die nach einem Juwelenraub übereinander herfallen. In dem kahlen Wohnzimmer schrien sie sich an: »You put that fucking gun down now!« Die Dialoge sitzen. Sie hatten ja genug Zeit, um den Text zu üben. »Das Auswendiglernen hat mein Gehirn gerettet«, meint Mukunda. Die Filme waren nicht nur ein Tor zur Außenwelt, sondern gaben Mukunda auch die Kraft zur Rebellion. Er hat so viele Superhelden und Happy Ends und Special Effects gesehen, dass er irgendwann den Respekt vor Grenzen und Regeln verlieren musste. Der Film, der alles veränderte, war: »The Dark Knight«. Batman. »Als ich den Film gesehen habe, wusste ich: Alles ist möglich«, erzählt Mukunda.

Susanne, die Wolfsmutter

Hört man die Geschichte des Wolfpacks zum ersten Mal, fragt man sich für einen kurzen Augenblick: Ist das wahr? Oder ein Internet-Hoax? Unvorstellbar, dass sich eine Familie aus unserer hypervernetzten Gesellschaft ausklinkt, dass Kinder in der Isolation aufwachsen, mitten in New York. Wer die Familiengeschichte verstehen will, muss mit Susanne sprechen, der Frau mit den grauen Augen und dem warmen Lachen, der Wolfsmutter. Sie ist mit ihren Söhnen unterwegs, die jetzt Stars sind. Wenn man sie bei einem Filmfestival trifft, fällt auf, wie routiniert sie ihre Geschichte erzählt.

Glenn möchte mit seinem Bruder Eddie zusammen eine Heavy-Metal-Band gründen. Einen Namen haben die beiden noch nicht dafür.

Susanne war Mitte zwanzig und reiste nach Machu Picchu in Peru. Dort verliebte sie sich in Oscar Angulo. Sie war ein Neohippie mit langen Haaren, er war ein schöner Andenbewohner mit braunen Augen. »Die beste Zeit meines Lebens«, sagt Susanne, »Oscar hatte etwas Magisches, ich war fasziniert von ihm.« Beide hatten das Gefühl, als seien sie auf einer Wellenlänge, als seien sie etwas ganz Besonderes. Sie heirateten, reisten mit einem Auto durch den Mittleren Westen der USA und bekamen ihr erstes Kind, das an einer Behinderung leidet. Das junge Ehepaar träumte davon, nach Schweden oder in die Schweiz auszuwandern, weil sie glaubten, dass das Leben dort besser sei. Am Montag, den 20. Mai 1996, bezogen sie die Sozialwohnung in New York, in der die Familie bis heute wohnt. Am Rande von Manhattan bekommt die Anonymität und Abgefucktheit der Großstadt ein Gesicht. Kahle, braune Hochhäuser, 22 Etagen. Auf der nahen Williamsburg Bridge fahren Menschen in Autos und silbergrauen Zügen von A nach B, in den Sozialsilos leben Menschen, für die der American Dream nicht erreichbar ist. Einen Block weiter sitzen Hipster in Bars und trinken Craft Beer.

Stillschweigen seit sechs Jahren

»Wir wollten nie in New York bleiben. Die Stadt ist zu groß, zu gefährlich«, sagt Susanne. Sie selbst ist in Indiana aufgewachsen und hat in Wäldern und Kornfeldern gespielt. »Ich wollte, dass meine Kinder den Wind in ihren Haaren spüren. Aber es kam anders«, sagt sie. Als die ältesten Kinder Visnu und Bhagavan ins Schulalter kamen, beschlossen Oscar und Susanne, sie zu Hause zu unterrichten. »Ich wollte nicht, dass meine Kinder auf öffentliche Schulen gehen müssen«, sagt sie und ist noch heute davon überzeugt, dass das die richtige Entscheidung war. Die Kinder sollten kein Teil des Systems werden – kein Internet, kein Konsum, kein Konkurrenzdenken. Susanne und die Kinder saßen manchmal am Fenster und blickten auf die Skyline und stellten sich dann gemeinsam vor, die Wolkenkratzer wären die Gipfel der Anden. Die Brüder erlebten die Natur nur durch die Geschichten ihrer Mutter. Man glaubt Susanne, dass sie versucht hat, ihren Söhnen all die Liebe zu schenken, die unter diesen Umständen möglich war. »Ich hatte keine Kontrolle darüber, was in der Wohnung passierte«, sagt Susanne. Es klingt wie eine Entschuldigung. Und vermutlich ist es auch so gemeint. Aber irgendwie hält sie an Oscar fest. Noch immer sind sie verheiratet, noch immer trägt sie den goldenen Ring, den er ihr schenkte: »Wenn ich denken würde, alles hätte anders verlaufen sollen, dann negiere ich mein Leben«, sagt sie.

Mutter Susanne, 61, genießt die neue Freiheit. Sie ist aber immer noch mit Oscar verheiratet.

»Dass meine Mutter Oscar nicht verlassen hat, spricht dafür, dass sie etwas in ihm sieht, was wir nicht mehr sehen können«, sagt Mukunda, der seit sechs Jahren nicht mehr mit seinem Vater spricht. Einige Tage nach der Party steht er an der Ecke Broadway und 4th Street und ist nur einer von vielen Studenten. Dunkelblaue Jeans, schwarzes Hemd, schwarze Wildlederschuhe, schwarze lange Haare zum Zopf gebunden. Er hat gerade eine Vorlesung an der New York University besucht. Eine Dozentin hat ihm erlaubt, sich heimlich einmal in ihren Filmkurs zu setzen. Eine Collegeausbildung kann er sich im Moment nicht leisten. Plötzlich bleibt ein Mädchen stehen, reißt den Mund auf und ruft: »Bist du nicht der aus der Dokumentation?« Sie verhält sich, als hätte sie gerade Ryan Gosling oder Leonardo DiCaprio getroffen. Mukunda antwortet gelassen: »Ja, der bin ich.« Das Mädchen macht ein Selfie mit ihm, Mukunda grinst in die Kamera. Er hat Routine darin und ist Aufmerksamkeit gewohnt.

Die Brüder kennen viele Stars

Seine Homemade-Horrorfilmposter, die Michael-Myers-Maske und das Batman-Kostüm wurden in der Galerie von Jeffrey Deitch in SoHo ausgestellt. Zur Eröffnung kamen Hipster und Stars und Spike Jonze, einer von Mukundas Lieblingsregisseuren. Die New Yorker finden es cool, sich mit dem Wolfpack zu zeigen. Die sind mit ihrem Late-Eighties-Style, der gleichzeitig aus der Zeit gefallen und irgendwie edgy ist, hipper als viele Künstler. »›The Wolfpack‹ hat uns so viele Türen geöffnet«, sagt Mukunda, der Werner Herzog, David O. Russell und William Friedkin getroffen hat.

»Bist du okay?«, fragt das Mädchen, nachdem es sein Foto hat. »Warum sollte ich nicht okay sein?«, fragt Mukunda. Die beiden verabschieden sich. Mukunda hat sich daran gewöhnt, dass ganz New York City seine Geschichte kennt, »obwohl wir nie in dieser Welt gelebt haben«.

Vor vier Jahren entdeckten die Brüder das Internet. Heute haben fast alle Facebook-Accounts.

Der entscheidende Tag

Alles änderte sich am 23. Januar 2010, als Mukunda, damals fünfzehn, den Bann des Vaters für immer brach. Um 9.30 Uhr verlässt der Vater die Wohnung, um Brot und Käse einzukaufen. Mukunda umarmt seine Mutter und verabschiedet sich von seinen Brüdern. Dann drückt er die Türklinke herunter und öffnet die braune Tür. »Mein Herz hat so krass geklopft«, sagt Mukunda heute. An jenem Samstag vor fast sechs Jahren setzt Mukunda die Michael-Myers-Maske auf, weil er nicht will, dass sein Vater ihn auf der Straße erkennt. Mukunda geht zum ersten Mal allein und völlig planlos durch die Straßen von New York City, besucht eine Bank und einen Supermarkt. Bis jemand die Polizei ruft. »Woher kommst du? Wer bist du?«, fragen ihn die Polizisten und legen ihm Handschellen an. Mukunda schweigt, wie er es von seinem Vater gelernt hat. Dann fährt ihn ein Notarztwagen ins Krankenhaus, weil die Polizisten eine psychische Störung vermuten. »Ich fühlte mich wie im Film«, erinnert Mukunda sich später.

Mukunda wurde nach wenigen Tagen zurück zu seinen Eltern gebracht. Danach, so erzählen es Mukunda und Susanne, überprüften die Behörden die Familie und konnten keine Besonderheiten feststellen. Den Eltern wurde nahegelegt, dass sie die drei jüngsten Kinder zur Therapie schicken sollten. Weil die Behörden der Schweigepflicht unterliegen, kann man die Aussagen nicht überprüfen. Mukunda brach seine Therapie ab. Martin Guggenheim, Professor für Familienrecht an der New York University, meinte zu dem Fall in der »New York Times«, es sei eine bizarre Erziehungspraxis, aber kein Gesetz schreibe vor, dass Kinder regelmäßig an die frische Luft müssten.

»Für die Leute ist das ein Film, für mich war das Realität«

Wenn die Brüder nach einer Filmvorführung mit Sonnenbrillen auf die Bühne treten, klatschen die Leute. Minutenlang. Und man hofft, dass der Applaus so klingt, wie es sich das Wolfpack während all der Privatvorstellungen in diesem düsteren 16. Stock vorgestellt hat. Nicht alle Familienmitglieder gehen so ungezwungen mit der Öffentlichkeit um wie Mukunda. »Für die Leute ist das ein Film, für mich war das Realität, und das ist noch nicht allzu lang her«, sagt Narayana. Und man kann natürlich die Frage stellen, ob es gesund ist, wenn man regelmäßig mit einer traumatischen Vergangenheit konfrontiert wird. Der Dokumentarfilm zeigt das Wolfpack aber nicht als Opfer oder Anschauungsobjekte, sondern als Helden – Menschen, die ihre Welt nach ihren Ideen gestalten und zu denen das Publikum deshalb aufschaut. Und ist es nicht irgendwie beruhigend, dass aus den Jungs, die vor allem »Reservoir Dogs« geguckt haben (»You kill anybody?« »A few cops.« »No real people?« »Just cops.«), ganz normale Typen geworden sind?

Und jetzt? Cut. Musik. Epilog: Govinda und Narayana sind kürzlich aus der Wohnung ausgezogen. Govinda wohnt jetzt in einer WG in Brooklyn und hilft bei Filmproduktionen aus. Narayana arbeitet als Umweltaktivist und Bhagavan als Tanzlehrer am Hip-Hop Dance Conservatory in Manhattan. Eddie und Glenn wollen eine Rockband gründen. Mukunda hat seinen ersten Kurzfilm gedreht und möchte bald bei einem Kameraverleih arbeiten. »Ich hätte nie gedacht, dass unsere Geschichte um die Welt geht. Ich dachte immer, unsere Geschichte sei ziemlich langweilig«, sagt Susanne. Ihr Traum ist es immer noch, New York City hinter sich zu lassen. Mukunda sagt: »Die Zeiten, in denen mein Vater uns kontrolliert hat, die sind vorbei. Wir reisen durch die Welt, gehen auf Dates und drehen eigene Filme.« Dann muss er los, er hat noch was vor: mit Freunden Filme schauen, wie ein New Yorker.

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Dieser Text ist in der Ausgabe 02/16 von NEON erschienen. Hier können Einzelhefte nachbestellt werden. NEON gibt es auch als eMagazine für iOS & Android. Auf Blendle könnt ihr die Artikel außerdem einzeln kaufen.

GEO Television zeigt den Dokumentarfilm am 8. Februar 2016 um 20.15 Uhr zum ersten Mal im deutschen Fernsehen. Am 12. Februar 2016 erscheint die DVD.