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Unterhaltsverweigerer: Wie der Staat Rabenväter jagt und zur Kasse bittet

Hunderttausende Männer zahlen nicht für ihre Kinder. Der Staat schießt dann den Unterhalt vor, ab 2017 sogar noch mehr denn je. Das Jugendamt Aurich zeigt, wie man Rabenväter aufspürt – und das Geld wieder zurückholt.

Von Silke Gronwald

Sarah Zytariuk (l.) und Annika Rase vom Jugendamt Aurich jagen zahlungsunwillige Väter

Sarah Zytariuk (l.) und Annika Rase vom Jugendamt Aurich jagen zahlungsunwillige Väter, die den Steuerzahler für sich einspringen lassen

Der glänzende VW-Passat fällt auf in diesem Viertel von Aurich, wo vor allem Kleinwagen mit stumpfem Lack das Straßenbild prägen und Männer mit Bierdosen in der Hand an der Ecke stehen. Der Kombi parkt vor einem Mehrfamilienhaus, zwei Frauen steigen aus. Die eine zieht ihre blau karierte Bluse stramm, die andere streicht sich die Haare glatt. Es ist kurz vor sechs, viele kehren von der Arbeit nach Hause zurück. Genau die richtige Zeit, um Väter zu jagen.

Ruhig, aber bestimmt gehen Annika Rase und Sarah Zytariuk auf das Haus zu. Sie sind angespannt, sie wissen nie, was sie erwartet. "Jeder Einsatz ist anders" , sagt Rase, "oft voller unangenehmer Überraschungen." Die beiden kommen vom Jugendamt. Im Auftrag des Staats suchen sie Rabenväter und in Einzelfällen auch Rabenmütter, die sich vor den Zahlungsverpflichtungen für ihre Kinder drücken. Mit kriminalistischem Geschick spüren sie Unterhaltsbetrüger und Trickser auf – und davon gibt es viele.

Die Hälfte aller Alleinerziehenden in Deutschland bekommt keinen einzigen Cent vom Ex, ein Viertel nur ab und zu ein paar Euro, so eine aktuelle Studie der Bertelsmann Stiftung. Hunderttausende Väter zahlen also keinen oder zu wenig Unterhalt für ihre Kinder.

Für Rabenväter springt der Steuerzahler ein

In solchen Fällen springt seit 1980 der Staat ein, mit dem sogenannten Unterhaltsvorschuss. Einst gedacht als schnelle und unbürokratische Nothilfe für alleinerziehende Mütter, ist er längst zur sozialstaatlichen Dauereinrichtung verkommen. Zuletzt wurden über 840 Millionen Euro im Jahr ausgezahlt. Und nur durchschnittlich 19 Prozent dieser Vorschüsse können sich die Jugendämter von den säumigen Vätern zurückholen. Auf dem Rest bleibt der Staat sitzen. Dann kommen die Steuerzahler für die Kinder auf.

Ab 2017 werden die Vorschusszahlungen auf Beschluss der Bundesregierung noch deutlich ausgeweitet. Umso drängender stellen sich ein paar Fragen: Warum können sich so viele Männer so einfach aus der Verantwortung stehlen? Und wie kann man sie drankriegen?

Antworten darauf findet man beim Jugendamt in Aurich, einer der bundesweit engagiertesten und erfolgreichsten Behörden beim Eintreiben von Unterhaltsschulden. Und man lernt dort etwas über die Absurditäten des Sozialstaats.

Die Disco-Klo-Kinder

Annika Rase und Sarah Zytariuk gehen um das Gebäude herum und steigen die metallene Treppe auf der Rückseite hinauf. Sie führt direkt zur Wohnung von Jessica B.* Draußen stehen ein paar Blumentöpfe mit vertrocknetem Gestrüpp, in denen einzig der Berg mit Kippen noch wächst.

Vor ein paar Monaten hatte Jessica B. für ihre Tochter Unterhaltsvorschuss beantragt. Sie sei alleinerziehend, der Vater unbekannt, so hatte sie es erzählt. Den Mann habe sie in der Disco kennengelernt, sei nur kurz mit ihm in der Toilette verschwunden. Ein dunkelhaariger, südländischer Typ, an mehr könne sie sich leider nicht erinnern. Das Ergebnis dieses Abends jedenfalls heißt Caro* und ist sechs Monate alt. Disco-Klo-Kinder sagen sie dazu im Jugendamt. Es sind keineswegs Einzelfälle. "Die Mütter kommen teilweise in der zweiten Generation zu uns", sagt Rase.

Mit den Geschichten versuchen die angeblichen Discomütter, ohne viele Nachfragen Geld vom Amt zu erhalten. Das erscheint vielen einfacher, als sich mit dem Ex herumzustreiten. Manche decken den Vater auch, oft aus falsch verstandener Rücksichtnahme. Manche leben sogar weiter mit ihm zusammen. Und manchmal werden die Mütter auch schlicht von den Männern unter Druck gesetzt, damit die nicht zahlen müssen.

Als der Antrag von Jessica B. bei ihnen einging, hakten Rase und Zytriuk nach. Kann die Mutter wirklich nicht helfen, den Vater zu finden? Sie schrieben Briefe, forderten Unterlagen an. Doch die 30-Jährige schwieg. Rase lehnte den Antrag schließlich ab. "Die Mütter sind verpflichtet, alles in ihrer Macht Stehende zur Auffindung des Vaters beizutragen", erklärt sie.

Ein paar Wochen darauf stand Jessica B. wieder in der Tür. Nun erzählte sie, dass sie "ganz zufällig" den Vater wieder getroffen habe, "ganz zufällig" wohne er in der Wohnung ihres Onkels und "ganz zufällig" sei er viel zu knapp bei Kasse, um Unterhalt zu zahlen. Eine ganze Menge Zufälle, fand Rase.

Unangekündigte Hausbesuche

Hausbesuch in Aurich: Annika Rase (l.) und Sarah Zytariuk vom Jugendamt fahnden nach Tricksern und Betrügern

Hausbesuch in Aurich: Annika Rase (l.) und Sarah Zytariuk vom Jugendamt fahnden nach Tricksern und Betrügern

Die Jagd begann. Die Frauen vom Amt schrieben den Vater an, um dessen Einkommen zu überprüfen. Dabei fanden sie heraus, dass er unter ganz anderer Anschrift zu erreichen war – unter der von Jessica B. Leben Mutter und Vater also in Wahrheit zusammen? Ist deren Geschichte erlogen? Das lässt sich nur mit einem unangemeldeten Hausbesuch klären, der oft am Ende der Aufklärungsbemühungen steht. Die beiden Frauen wollen sich in der Wohnung umschauen, Spuren finden, Indizien sammeln. Deutet irgendetwas auf einen männlichen Mitbewohner hin? Sie wissen, wonach sie suchen müssen. Stehen im Badezimmer Kosmetikartikel für Männer? Welche Größe haben die Schuhe im Hausflur? Was für Klamotten hängen im Schrank?

Rase und Zytariuk klingeln an der braunen Wohnungstür. Was sie danach sehen, beschreiben sie später so – der stern war aufgrund der Persönlichkeitsrechte der Familie nicht dabei: "Die Mutter ließ uns nur zögernd rein. Es war sehr dunkel, eng und roch schlecht, ich bekam fast Platzangst, aber das ist egal. Uns interessiert bei den Besuchen nicht, ob es aufgeräumt oder sauber ist. Die ersten Worte der Mutter waren: Ganz zufällig sei gerade der Kindsvater zu Besuch. Und tatsächlich saß im Wohnzimmer ein Milchbubi mit strohblonden Haaren – kein feuriger Südländer, wie sie uns zuvor gesagt hatte. Und ganz zufällig waren auch Kleidungsstücke und Schuhe von ihm in der Wohnung verstreut. Im Bad stand männliches Duschgel. Das sei ihres, behauptete die Mutter. Ihr Arzt habe ihr aufgrund von Hautproblemen geraten, andere Duschgels auszuprobieren." Nach einer knappen Viertelstunde reicht es Rase und Zytariuk, sie haben genug Beweise: Mutter und Vater leben zusammen, Jessica B. hat keinen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss. Ende der Jagd.

Nichts für empfindliche Gemüter

"Man muss schon schlucken, wenn man feststellt, dass man von vorne bis hinten angelogen worden ist", sagt Rase. Überhaupt sei der Job nichts für empfindliche Gemüter. "Wir bekommen oft Sachen zu sehen, die selbst den Familienhelfern vom Jugendamt verborgen bleiben, weil wir unangemeldet auftauchen." Neben den vielen Alleinerziehenden, die sich aufopfernd um ihre Kinder kümmern, gibt es eben auch welche, deren Säugling beim Besuch der beiden dreckig vorm Fernseher liegt, weil keine Zeit blieb, eine frische Windel anzuziehen und die schimmligen Essensreste wegzuräumen.

Rund 2,3 Millionen Kinder in Deutschland wachsen in Ein-Eltern-Haushalten auf – das ist jede fünfte Familie. In 89 Prozent der Fälle leben die Mütter mit ihren Kindern zusammen. Zahlen die Väter keinen Unterhalt, stehen den Müttern bis zum sechsten Geburtstag der Kinder monatlich 145 Euro Vorschuss zu, 194 Euro, wenn der Nachwuchs zwischen sechs und zwölf Jahre alt ist. Bundesweit wurden 2014 für knapp eine halbe Million Kinder solche Leistungen gewährt.

Rase und Zytariuk wollen nicht falsch verstanden werden, sie zahlen das Geld gern aus – solange es an die Eltern geht, für die es gedacht ist. Sie finden auch die geplante Ausweitung ab 2017 richtig. Das Geld verhindert das Abrutschen von Alleinerziehenden in die Armut, die Kinder sollen nicht unter der miesen Zahlungsmoral ihrer Väter leiden. Die Hilfe des Staats ist richtig und wichtig. Umso mehr ärgert es sie, wenn das Geld an die Falschen geht und wenn auf einschlägigen Internetseiten sogar Tipps zu lesen sind, wie sich Väter am besten drücken können.

40.000 Euro für Mark F., acht Kinder

Am nächsten Morgen im sechsten Stock des Jugendamts, Zimmer 2056. Annika Rase hat die Akte von Mark F.* auf dem Tisch. Der braune Ordner ist ungefähr 200 Seiten dick. Gesprächsprotokolle, Anschreiben, Zahlungsaufforderungen. Mark F. hat acht Kinder gezeugt, abwechselnd mit zwei Frauen. Er ist 38, stark übergewichtig und arbeitslos. Für seine Kinder hat das Jugendamt bislang gut 40.000 Euro Unterhaltsvorschuss gezahlt.

Ginge es nach dem Gesetz, müsste Mark F. alles tun, um selbst für die Kinder aufzukommen. Unterhaltszahlungen sind eine vorrangige Pflicht. Mark muss den Vorschuss an den Staat zurückzahlen. Dafür muss er jeden Job annehmen, im Zweifel sogar einen Zweitjob, wenn er mit dem ersten nicht genug verdient. Er muss nicht nur auf die Vorschläge des Arbeitsamts reagieren, sondern sich auch selbst bewerben. "Wir haben strengere Regeln als das Jobcenter bei Hartz-IV-Leistungen", sagt Rase. Nur lassen sich die oft nicht durchsetzen.

Immer wieder hat sie Mark F. vorgeladen, sich Bewerbungen von ihm zeigen lassen, seine Angaben überprüft. Das Amt hat ihm sogar für über 10.000 Euro eine Magenband-Operation und einen Lkw-Führerschein finanziert, damit er einen Job als Fernfahrer annehmen konnte. Doch Mark F. schmiss nach nur zwei Tagen wieder hin – der Beifahrer, der ihm für die ersten Tage zugeteilt worden war, hatte ihm nicht gepasst. "So etwas ärgert einen maßlos, das ist unendlich frustrierend" , sagt Zytariuk. Am Ende wird der Staat fast 50.000 Euro Unterhaltsvorschuss für die acht Kinder gezahlt haben – Geld, das wohl für immer verloren ist.

Rückholquote beim Jugendamt Aurich sehr hoch

Spezialeinheit: Abteilungsleiter Thomas Buss im Büro seiner Mitarbeiterinnen, bevor die zum Einsatz fahren

Spezialeinheit: Abteilungsleiter Thomas Buss im Büro seiner Mitarbeiterinnen, bevor die zum Einsatz fahren

Und doch treiben sie in Aurich so viel Geld ein wie kaum ein anderes Jugendamt in Deutschland. Abteilungsleiter Thomas Buss, der Chef von Rase und Zytariuk, hat die Rückforderung der Zahlungen zu seinem persönlichen Ziel erklärt. Die sogenannte Rückholquote liegt bundesweit bei knapp 20 Prozent – im Landkreis Aurich bei 41 Prozent. Buss ist also mit seiner neunköpfigen Truppe doppelt so erfolgreich wie die Kollegen in anderen Ämtern. Kein Wunder, dass die aus ganz Deutschland anreisen, um sich das Modell erklären zu lassen.

Als Buss vor acht Jahren die Abteilung übernahm, stieß er auf einen Berg von über 4500 unbearbeiteten Akten. So wie es eben in vielen Ämtern aussieht. Er sortierte konsequent die Vorgänge aus, die keine Aussicht auf Erfolg versprachen, systematisierte die Akten, beschleunigte Abläufe, beantragte zwei neue Stellen. Er schickte seine Leute zu Fortbildungen, ließ sie juristisch schulen, machte aus Verwaltungsangestellten Detektive.

"Es geht mir nicht allein ums Geld, sondern um Gerechtigkeit und Moral", sagt Buss. Unterhaltsschulden sind für ihn kein Kavaliersdelikt, sondern führen zu einer Subventionierung verantwortungsloser Väter zulasten der Allgemeinheit. Darum kennt er keine Gnade. "Wenn zwei Wochen nach der Zahlungsaufforderung nichts passiert, schicken wir gleich die Vollstreckungsandrohung hinterher." Den Gerichtsvollzieher vor der Tür oder die Lohnpfändung beim Arbeitgeber wollen die meisten dann doch nicht riskieren.

"Das klingt hart", sagt Buss. Doch eine Telefonfirma, bei der man die Handyrechnung nicht zahle, verfahre nicht anders, die hetzten einem gleich das Inkassobüro auf den Hals. "Wieso sollen wir beim Unterhalt für ein Kind nachsichtiger sein?" Seine Leute holen Auskünfte bei der Rentenversicherung und beim Finanzamt ein. Sie versuchen, Schwarzarbeit oder Einnahmeverschiebungen nachzuweisen. Vor allem aber haben die Verwaltungsfachangestellten mittlerweile ein gesundes Selbstbewusstsein entwickelt, wenn sie vor Gericht ausgefuchsten Anwälten gegenübertreten. So wie vor wenigen Wochen, als Annika Rase gegen den Vater einer fünfjährigen Tochter klagte. Der gut verdienende Kaufmann hatte die Rückzahlung des Unterhaltsvorschusses eingestellt, weil er seinen Job aufgegeben hatte. Sein Mandant sei ja nun arbeitslos, erklärte dessen Anwalt der Richterin. Rase hatte jedoch herausgefunden, dass der Geschäftsmann bereits wieder einen Nebenjob hatte und dabei war, ein IT-Unternehmen zu übernehmen. Nun muss er weiter zahlen.

Individueller Antrieb der Mitarbeiter

Dass sich nicht mehr Jugendämter so engagieren, liegt daran, dass die Kommunen kaum Anreiz spüren, die Schulden mit aller Konsequenz einzutreiben. Das Geld kommt größtenteils von Bund und Ländern – und die Rückzahlungen verschwinden dort auch wieder. Der Einsatz hängt vom individuellen Antrieb der einzelnen Mitarbeiter ab.

Detektivarbeit wie in Kriminalfällen: Annika Rase (l.) und Sarah Zytariuk bei der Arbeit

Detektivarbeit wie in Kriminalfällen: Annika Rase (l.) und Sarah Zytariuk bei der Arbeit

Annika Rase und Sarah Zytariuk wundern sich, dass es keine größere Empörung über diesen Missstand gibt. Zumal durch die Ausweitung des Unterhaltsvorschusses ab 2017 die Kosten explodieren werden. Er soll dann dauerhaft bis zur Volljährigkeit gezahlt werden und nicht wie bislang auf maximal sechs Jahre beschränkt sein. Durch die Flut neuer Anträge werden viele Ämter sich noch weniger als bislang um säumige Väter kümmern können. Die Politik hat das Problem zwar erkannt. Familienministerin Manuela Schwesig etwa lässt derzeit prüfen, ob sie zahlungsunwilligen Vätern nicht den Führerschein abnehmen kann, um Druck zu erzeugen, wie es in Großbritannien üblich ist. Am Ende aber brauchen die Ämter schlicht mehr Personal, um erfolgreich Väter jagen zu können.

Im Doppelbüro von Annika Rase und Sarah Zytariuk steht auf der Fensterbank ein Karton mit Pixibüchern. Die verteilen sie an Kinder, die ihre Mütter bei der Antragstellung begleiten. Der Titel des Büchleins: "Der reichste Mann der Welt."


* Namen von der Redaktion geändert

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