VG-Wort Pixel

Lerncoach-Projekt der "Arche" Der, die, das Aufhol-Programm: Corona hat schwache Schüler noch schwächer gemacht. Mit neuem Lernkonzept holen sie auf

Ein zehnjähriger Junge im Klassenzimmer
Leo, 10, geht in die 4b der Gretel-Bergmann-Gemeinschaftsschule in Berlin-Marzahn – und zweimal pro Woche zum Lerncoaching
© Katrin Streicher /stern
Homeschooling und Fernunterricht haben die Lernlücken schwacher Schüler vergrößert. Ein einzigartiges Förderkonzept will ihre Bildungschancen verbessern.

N-Z-U-O. Was die Lehrerin sagt, ergibt keinen Sinn, aber das muss es auch nicht. Lisa schaut Josefin Engfer ins Gesicht, während die ganz langsam und deutlich buchstabiert. Lisa versucht, sich die Buchstaben zu merken, sie ist hochkonzentriert. Dann beugt sie sich über ihr Arbeitsblatt und schreibt. N-Z-U-O. Es hat geklappt! Und es klappt auch bei A-R-K-M. Mit F-M-R-A-P ist es schwieriger. Lisa gerät ins Stocken, rutscht nervös hin und her. "Können Sie das noch mal wiederholen?", fragt sie.

Eigentlich sollte die Viertklässlerin längst flüssig schreiben und lesen können, doch trotz zweijähriger Lesetherapie hat sie große Probleme. "Bei Lisa funktioniert die Laut-Buchstaben-Zuweisung noch nicht richtig", erklärt Engfer. "Wir üben daher Buchstabe für Buchstabe." Die 40-Jährige arbeitet als "Intensiv-Lerncoach" an der Gretel-Bergmann-Gemeinschaftsschule in Berlin-Marzahn. Ein Bezirk mit vielen Kindern aus armen Familien und hohem Migrantenanteil. Wie bunte Würfel liegen die neuen Schulgebäude zwischen hohen Plattenbauten.

Lisa hat großes Glück, denn ihre Grundschule ist bisher die einzige in ganz Deutschland, die ein solches Intensiv-Lerncoaching anbietet. Finanziert wird Josefin Engfers Stelle von der "Arche". Seit Jahren bekommen sozial benachteiligte Kinder in den Häusern des Kinder- und Jugendhilfswerks nicht nur ein warmes Essen, sondern auch Unterstützung bei den Hausaufgaben und Nachhilfe. Doch nach den Schulschließungen in der Pandemiezeit merkten die Mitarbeiterinnen: Unser Angebot reicht nicht. Durch den Fernunterricht haben Kinder nicht nur erhebliche Lernlücken, sondern brauchen auch soziale und emotionale Unterstützung. "Viele haben Defizite bei den Sozialkompetenzen, ihnen fehlen Regeln und feste soziale Strukturen, sie müssen wieder neu lernen, in der Gruppe zu funktionieren", sagt Engfer. Sie ist ausgebildete Sprachtherapeutin. Die zarte Frau strahlt Ruhe und Energie aus. "Ich stelle mich ganz auf die Kinder ein, denn wir können erst arbeiten, wenn wir eine Beziehung zueinander haben."

"Ich konnte nicht so gut lesen und jetzt kann ich es besser"

An der Gretel-Bergmann-Gemeinschaftsschule gehen seit Mai 23 Jungen und Mädchen aus den vierten Klassen zum Lerncoaching – einzeln oder in Gruppen, einmal oder mehrmals die Woche. Josefin Engfer hat für das Coaching einen eigenen, lichtdurchfluteten Raum bekommen. Im Regal in der Ecke stapeln sich Spiele und Lernmaterial, vieles davon hat sie mitgebracht. Nach den anstrengenden Buchstabenfolgen und dem Sortieren von Buchstabensalat spielt Lisa "1,2, Papagei", ein Konzentrations- und Lesespiel. "Mit Frau Engfer macht es Spaß zu üben", sagt sie.

Eine zehnjährige Schülerin spielt ein Spiel
Lisa, 10, macht mit Josefin Engfer ein Spiel, das die Konzentration fördert
© Katrin Streicher /stern

Als Nächste schiebt sich Juliana durch die Tür. Sie trägt eine ausgebeulte Hose und ein graues T-Shirt, auf dem "Love" steht. Ordentlich legt sie ihre dicke blaue Federmappe auf den Tisch. "Ich konnte nicht so gut lesen, und dann bin ich zu Frau Engfer gegangen, und jetzt kann ich besser lesen", sagt sie. Juliana ist in Berlin geboren, zu Hause und auf dem Schulhof mit ihrer Cousine spricht sie meist Russisch, ihre Eltern kommen aus Kasachstan. Bei Juliana wurde eine Lernschwäche festgestellt.

Engfer gibt ihr ein Arbeitsblatt mit Textpassagen aus "Schneewittchen", die soll Juliana lesen und dann in der richtigen Reihenfolge ordnen. "Kennst du die Geschichte von Schneewittchen?" – "Nein." Mühsam tastet sich Juliana durch die Buchstaben, liest monoton Wort für Wort. "Weißt du, was eine Stiefmutter ist?" – "Ja, das ist nicht die richtige Mutter." "Weißt du, was Mitleid ist?" – "Nee." Engfer ist zufrieden mit Juliana: "Sie ist wahnsinnig fleißig und macht tolle Fortschritte." Am Ende der Stunde bekommt sie drei lila Sterne auf ihren Lernbogen gestempelt, ab zehn Sternen darf sie sich aus einer Box mit Stickern, Spielen und Stiften etwas aussuchen.

Schlechtes Zeugnis für die Schulen

Wie nötig ein Angebot wie das Intensiv-Lerncoaching ist, zeigt eine Studie, die das Institut zur Qualität im Bildungswesen (IQB) Mitte Oktober veröffentlicht hat. Die Forschenden haben untersucht, wie gut Viertklässler in Mathe und Deutsch sind. Und das Zeugnis für die deutschen Grundschulen fällt miserabel aus: Fast jedes fünfte Kind erreicht beim Lesen nicht das von der Kultusministerkonferenz festgelegte Mindestniveau. Bei der Rechtschreibung schafft es jedes dritte Kind nicht, und in Mathe sind es 22 Prozent. Jedes fünfte Kind scheitert an Aufgaben wie dieser: Es ist Sonntag, 10.50 Uhr. Um 11.30 Uhr beginnt die "Sendung mit der Maus". Wie viele Minuten sind es noch bis dahin?

Auch Johannes, Melvin und Leo haben mit dem Rechnen noch ihre Probleme. Die drei Jungs aus der 4b sitzen bei Josefin Engfer und sollen addieren und subtrahieren. Auf dem Whiteboard stehen Aufgaben wie 46 + 27 oder 87 - 46. Melvin sieht aus dem Fenster, murmelt Zahlen vor sich hin, zählt mit den Fingern. Johannes brütet, den Kopf in den Händen, über seinem Aufgabenblatt. "Erst die Zehner, dann die Einer, Johannes", ermuntert ihn Engfer. Trotz Hilfestellung kommen die Kinder nur schwer auf die richtigen Lösungen. "Wer will an die Tafel?" Drei Arme schnellen hoch. Einer nach dem anderen stehen sie vorn, die anderen helfen beim Rechenweg, gemeinsam überlegen sie. Die Jungen sind angetan von ihrem Mathe-Coaching. Leo sagt: "Das ist sehr, sehr gut, weil wir den Raum für uns haben." Melvin ergänzt: "In der Klasse ist es zu laut." Und Johannes freut sich: "Wir dürfen an die Tafel, in der Klasse dürfen wir das nicht."

Eine zehnjährige Schülerin
Juliana, 10, kommt nachmittags gern in die "Arche"
© Katrin Streicher /stern

Alarmierend ist laut IQB-Studie nicht nur der hohe Anteil von Kindern, die wie Lisa, Juliana, Leo, Marvin und Johannes am Ende der Grundschulzeit nicht ausreichend rechnen, lesen und schreiben können, sondern auch der steile Abwärtstrend bei den Kompetenzen. Bereits vor der Pandemie bewältigten viele Kinder den Lernstoff der Grundschule nicht, das zeigten die Untersuchungen des IQB in den Jahren 2011 und 2016 – durch Corona wurden die Probleme verstärkt. Die Ergebnisse lieferten ein "besorgniserregendes Bild", so das Fazit der Wissenschaftler.

Die IQB-Studie erbrachte außerdem einen wenig überraschenden Befund: Die Kinder, die das Klassenziel nicht erreichten, waren vor allem solche aus sozial benachteiligten Familien oder solche mit Migrationshintergrund. Wer zu Hause keinen ruhigen Arbeitsplatz hatte, keinen Computer, kein stabiles Wlan und keine Eltern, die helfen konnten, der hatte große Schwierigkeiten beim Lernen. Viele fanden die Zeit während der Schulschließung wie Juliana "ganz, ganz schlimm".

Die "Arche" ist auf Spenden angewiesen. Deshalb bewarben sich Stiftung stern und die "Arche" gemeinsam mit dem Projekt "Intensiv-Lerncoach" für den diesjährigen RTL-Spendenmarathon.

Am 17. und 18. November werden RTL-Zuschauer gebeten, dafür zu spenden. Wenn auch Sie das Projekt unterstützen möchten, überweisen Sie bitte an:

Stiftung RTL
IBAN DE55 3706 0590 5 605 605 605
Stichwort "Lerncoach" 

Mehr Infos: www.rtlwirhelfenkindern.de

Es ist schon lange bekannt, wie ungerecht das deutsche Schulsystem ist: Kinder, deren Eltern keinen höheren Bildungsabschluss haben, werden seltener fürs Gymnasium empfohlen. Kinder ungelernter Arbeiter haben eine sechsmal schlechtere Chance, das Abitur zu machen und zu studieren, als der Nachwuchs von Akademikern. Corona hat die sozialen Schranken noch einmal erhöht, die Bildungsungerechtigkeit vergrößert.

Den Bildungsforscher Olaf Köller haben die Ergebnisse des IQB nicht erstaunt: "Untersuchungen aus dem Ausland zeigten bereits: Während der mehrwöchigen Schulschließungen haben sich die Lernraten bei Grundschülern halbiert. Vor allem sozial und kulturell benachteiligte Mädchen und Jungen haben deutliche Lerneinbußen." Bereits 2021 hatte Köller die Schulschließungen scharf kritisiert. Als Leiter der Ständigen Wissenschaftlichen Kommission (Stäwiko) berät er die Kultusminister, doch die hörten offenbar nicht hin. Die 16 Bildungsminister und -ministerinnen stellten 2020 zwar insgesamt zwei Milliarden Euro für das Programm "Aufholen nach Corona" bereit, eine Milliarde zum Schließen von Lernlücken, eine weitere Milliarde für soziale Projekte. Doch das Geld, so Köller, sei weitgehend wirkungslos verpufft.

Wo ist das Geld geblieben?

Denn jedes Bundesland hat sein eigenes Programm aufgelegt und dabei kaum geprüft, ob die Maßnahmen bei den Kindern ankommen und ihre Leistungen verbessern – zu dem Ergebnis kommt das Wissenschaftszentrum Berlin. Die Untersuchung der Lernlücken wurde überwiegend den einzelnen Schulen überlassen, eine systematische bundesweite Analyse gab es nicht. Vielerorts wurde in private Nachhilfeangebote investiert, von denen offenbar vor allem Kinder der Mittelschicht profitiert haben.

Dabei hatte die Stäwiko empfohlen, das viele Geld nicht mit der Gießkanne auszugeben, sondern vor allem Kinder aus sozial benachteiligten Familien zu fördern, Basiskompetenzen in Mathe und Deutsch aufzuarbeiten und sich auf die Übergänge von der Kita zur Grundschule und von der vierten Klasse zur weiterführenden Schule zu konzentrieren. "Nicht das Gymnasium braucht Geld und Unterstützung", so Köller, "sondern die Grundschule im sozialen Brennpunkt."

Deshalb begrüßt der Bildungsexperte die Initiative der "Arche" – die aber nicht allein auf die Vermittlung von Unterrichtsstoff zielt. "Durch das Lerncoaching werden die Kinder auch wieder gesellschaftsfähig", sagt "Arche"-Gründer Bernd Siggelkow. "Wenn wir die Kids wieder bei der Stange haben, stellen sich Lernerfolge ein, die Kinder werden einen besseren Abschluss machen. Das ist jetzt sehr krass, was ich sage: Dann bringen sie unserer Gesellschaft etwas! So bringen sie uns nichts."

Wichtig sei, so Köller, dass bei Programmen wie dem der "Arche" qualifiziertes Personal eingesetzt werde und dass die-ses in enger Absprache mit der Schule arbeite. An der Gretel-Bergmann-Gemeinschaftsschule entscheiden die Klassenlehrerinnen der Vierten, wer zum Lerncoaching geht, und stimmen mit Josefin Engfer ab, was die Kinder bei ihr nacharbeiten und vertiefen – das Angebot steht grundsätzlich allen Kindern offen, nicht nur denen, die in die "Arche" gehen. "Wir sind sehr froh, dass jemand zusätzlich den Kindern hilft", sagt Karin Mängel. Die Klassenlehrerin der 4b unterrichtet seit 38 Jahren und beobachtet: "Es werden immer mehr Kinder, die zusätzliche Förderung brauchten." Schon nach einigen Wochen sieht sie erste Erfolge bei Johannes, Melvin und Leo.

Es soll mehr Lerncoaches geben

Mithilfe von Spenden sollen nun Stellen für Lerncoaches an weiteren Schulen geschaffen werden. Die Schauspielerin Claudia Michelsen ("Polizeiruf 110") unterstützt die "Arche" seit mehr als 15 Jahren, nun wird sie Patin des Projekts: "Viele Kinder kommen nicht mehr mit. Jedes Kind sollte die Unterstützung erhalten, die es braucht. Die Schulen versuchen sicher, was sie können, aber das allein reicht leider oft nicht."

Bildungsforscher Olaf Köller baut darauf, dass die Arbeit mit Lerncoaches einen doppelten Effekt bei den Kindern hat: Der Schulstoff sitzt einigermaßen, und auch das Zutrauen in die eigenen Fähigkeiten verfestigt sich. "Wenn sie dann wieder Erfolge im Unterricht haben, erfahren sie Selbstwirksamkeit."

Juliana drückt es einfacher aus. Sie hat Josefin Engfer vor den Herbstferien einen Brief geschrieben: "Liebe Frau Engfer. Ich wollte sagen, dass ihr eine gute Lehrerin seid. Weil ihr zu allen nett seid und helfen allen. Zum Beispiel lesen Schrei und so weiter. Liebe Grüße von Juliana". Dazu hat sie ein dickes rotes Herz gemalt.

Erschiene in stern 46/2022

Mehr zum Thema