HOME

Aktienanalyse: Xings Mondfahrt

Derzeit steht die Xing-Aktie irgendwo bei 28 Euro. Viel zu wenig, rufen zwei Aktienanalysten. Als einzige natürlich. Und auch nur, weil ihre Chefs den Xing-Börsengang begleitet haben. Um ihre Jobs jedenfalls sind sie nicht zu beneiden.

Eine Glosse von Frank Donovitz

Kennen Sie Benjamin Kohnke? Nein? Ich auch nicht. Und Ihr Anlageberater hat Herrn Kohnke, der sein Büro in Frankfurt hat, vermutlich auch noch nie persönlich getroffen. Trotzdem könnte er Ihnen von Benjamin Kohnke, einem Aktienanalysten bei der Deutschen Bank, erzählt haben.

Denn Herr Kohnke hat herausgefunden, dass die Aktie der Hamburger Internet-Kontaktbörse Open Business Club AG - Selbstbezeichnung "Xing" - glatt 42 Euro das Stück wert sein könnte. Sagenhaft. Derzeit kostet eine "Xing"-Aktie nämlich nur 28 Euro. Macht also ein "Kurspotenzial" von exakt 50 Prozent. Gigantisch, nicht wahr? Wohl deshalb empfahl Herr Kohnke die "Xing"-Aktie am 27. Februar zum Kauf.

Kohnke macht sonst in Maschinenbau

Auffällig ist, dass es neben Herrn Kohnke, der sich ansonsten auch auf die Analyse von Spezialmaschinenbau- und Rohstofffirmen versteht, nur einen weiteren Analyse-Profi gibt, der sich über die "Xing"-Aktie Gedanken gemacht hat: Colin Tennant heißt der Mann, Analyst bei der amerikanischen Investmentbank Lehman Brothers.

Mister Tennants Büro befindet sich in London, er erforscht ansonsten ausschließlich Geschäfte großer Verlagskonzerne. Sein "Kursziel" für die Kontaktbörse "Xing": 40 Euro. Wäre immer noch ein "Potenzial" von, ähh, ja richtig, fast 43 Prozent, verkündet er am 23. Februar, also vier Tage vor Deutsch-Banker Kohnke.

Was Herrn Kohnke und Mister Tennant eint, ist, dass es ihre Arbeitgeber waren, die "Xing" den Gang an die Börse überhaupt erst ermöglicht hatten. Erstausgabepreis am 7. Dezember 2006: 30 Euro. Dumm, dass die Aktie vom Start weg niemand so recht haben wollte. Zumindest nicht für 30 Euro.

Um es abzukürzen: Wir, die Freunde von Aktienkultur, waren uns einig, dass wir so etwas nie wieder erleben wollten. Weder heillos überteuerte Börsengänge von Firmchen, die nicht mal ordentlich Gewinn machen, noch Gutachten respektive Kaufempfehlungen aus den Analyseabteilungen der beteiligten Konsortialbanken, die - mit welchen "Rechenschemata" auch immer - irgendwelche Mond-Kursziele prophezeien. Das ist durchsichtig, platt, und galt nach dem Gaga-Börsentreiben der Jahre 1999/2000 eigentlich als abgeschafft.

Kein Neid um die Jobs

Denn: Wachstumsfinanzierung ist das Gegenteil von öffentlicher Einladung zum Geldverschenken. Ich bin mir sehr sicher, dass Herr Kohnke und Mister Tennant das ganz ähnlich sehen. Ich kenne die beiden nicht, Sie und ihr Anlageberater vermutlich auch nicht. Aber um ihren Job müssen wir die Gutverdiener Kohnke und Tennant bei ihren noch besser verdienenden Arbeitgebern spätestens jetzt nicht mehr beneiden. Dann schon eher Herrn Hinrichs, Vorname Lars, den Chef von "Xing". Auch der hat jetzt viel Geld. Von wem auch immer.

Themen in diesem Artikel
  • Frank Donovitz