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Börsenaufschwung: Zurück auf Los

Nach drei Jahren Dauerabsturz sind die Kurse der deutschen Aktien zuletzt kräftig gestiegen. Ist diesem Aufschwung zu trauen?

Deutsche Aktien kosten heute im Schnitt etwa so viel wie 1997. Also plus/minus null in sechs Jahren. Verdoppelt hat sich im selben Zeitraum die Zahl ihrer Privatbesitzer. Gut elf Millionen Deutsche halten heute Aktien oder Anteile an Aktienfonds. Und sie alle dürften sich, seit die Kurse wieder anziehen, fragen: Kann man dem Kursaufschwung trauen?

Der kam sogar für Profis überraschend. Klaus Kaldemorgen, Aktienchef beim Deutsche-Bank-Fondshaus DWS, hat "die Kurse von heute eigentlich erst gegen Jahresende erwartet". Denn immerhin gewann der deutsche Aktienindex Dax im laufenden Jahr schon mehr als 15 Prozent, seit dem Irak-Kriegstief im März gar mehr als 40 Prozent. Und nach drei Jahren Minus gibt es damit auch ein zaghaftes Durchatmen bei den großen deutschen Investmentfonds. Nun ist von "Sommerpause" die Rede: Es handeln jetzt rund 20 Prozent weniger Investoren als sonst üblich.

Einig sind sich Börsianer derzeit nur darüber, dass der Dax von Horror-Abstürzen Richtung 2000 Punkte (zurzeit um 3300) auf absehbare Zeit verschont bleiben dürfte - solange es nicht zu neuen "exogenen Schocks" kommt. So nennen Ökonomen Terror und Kriege. "Was jetzt passiert, ist die Rückkehr zur Normalität. Deutsche Aktien hatten im internationalen Vergleich übermäßig stark verloren", erklärt Großanleger Kaldemorgen. Und für einen moderaten Fortgang der Kurs-Aufholjagd im zweiten Halbjahr gibt es gute Argumente:

- Sämtliche Anlage-Alternativen, also Geld, Anleihen und Immobilien, werfen kaum noch Rendite ab oder bringen gar Verluste. So lassen sich am Geldmarkt gerade noch 2,5 bis 3 Prozent verdienen. Mit Anleihepapieren, zum Beispiel in Rentenfonds, gerieten Anleger zuletzt deutlich ins Minus. Verlust droht auch bei offenen Immobilienfonds: Deren hohe Vermittlungs- und Verwaltungsgebühren verkehren den angepeilten Jahresprofit von weniger als vier Prozent für viele Investoren in ein Minus.

- Dagegen gelten insbesondere einige deutsche Aktien im langfristigen Vergleich immer noch als günstig bewertet. Und selbst wenn sie ab sofort keinen Cent weiter steigen würden, rentieren einige Papiere höher als etwa Bundesschatzbriefe: So werfen Lufthansa-Aktien bei einem Kurs um 11 Euro mehr als fünf Prozent Dividendenrendite ab, RWE bringt es bei einem Kurs von gut 24 Euro auf rund vier Prozent.

- Die Börse scheint vom Zocker-Casino wieder zum Wettbüro für Zukunftserwartungen zu werden: Gesetzt wird beispielsweise schon heute auf eine Konjunkturwende im nächsten Jahr. Hinweise darauf mehren sich, sicher sind Start und Stärke eines neuen Wirtschaftswachstums freilich nicht. Umgekehrt: Nach guten Nachrichten werden wieder Gewinne mitgenommen - wie zuletzt bei Papieren der Deutschen Bank oder Altana.

"Den Erlösen aus Umstrukturierungen müssen nun Umsatzzuwächse folgen", mahnt Jens Wilhelm, Geschäftsführer beim Fondsanbieter Union Investment. Wie die meisten Aktienprofis ist auch Wilhelm vorsichtig optimistisch. Deutschen Dividendenwerten werden bis Jahresende noch durchschnittliche Kursgewinne von fünf bis zehn Prozent zugetraut. Sogar von 3800 Dax-Punkten und mehr ist die Rede. Es darf also wieder spekuliert werden. Nur diesmal das Verkaufen nicht vergessen.

Frank Donovitz, Joachim Reuter / print
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