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Contra: Das Toilettenpapier ist richtig schlimm

Stern.de-Mitarbeiter Torsten Beeck ist Single und berichtet von seinem ersten - und letzten - Aldi-Einkäuf.

Ein Einkauf in Discountern ist eine Zumutung. Es beginnt damit, dass man den Fehler macht und an einem »Angebotstag« versucht, den Laden zu betreten. Etwa 50 Personen lauern, gerüstet mit Einkaufswagen und geistigen Schienbeinschonern, vor dem Eingang, und wenn sich die Tür öffnet, denkt man nur: »Hier hast du keine Freunde.« Nun beschleicht mich aber zugleich auch das Gefühl, ich sei selbst der einzig Ahnungslose, der einfach nicht weiß, was es Tolles gibt. Ein neuer Supercomputer? Ein Kleinwagen?

"Sportliche Designs"

Nein, die Menschen schleppen weiße Sportsocken im Zehnerpack an die Kasse. In vielen »sportlichen Designs« und aus »hautfreundlicher Baumwolle«. Mein Bedarf an sportlichen und vor allem weißen Socken ist mehr als gedeckt. Das lässt mir die Möglichkeit, das breite Angebot an Nährmitteln näher zu betrachten. Man hört ja immer wieder: Wie toll das alles schmeckt! Wie günstig! Und sowieso sind das nur Überproduktionen von Markenherstellern.

Der Geheimtipp soll der Wein sein, also packe ich gleich mal eine Flasche Roten und eine Weißen in den Wagen. Drei Schritte und fünf Minuten später habe ich das Obst erreicht. Unter »Luftschutzatmosphäre« steril verpackt und dann in Folie gehüllt. Vom ökologischen Problem gar nicht gesprochen, aber emotionsloser und weniger sexy kann man Nahrungsmittel, die nicht ausschließlich der Ernährung, sondern auch dem Genuss dienen sollen, wirklich nicht präsentieren.

Durch die Folie sehen die Äpfel aus, als seien sie aus 100 Prozent Polyethylen, und bestens geeignet, für die nächsten Jahre den Küchentisch zu zieren. Um die Fahrt nicht umsonst gewesen sein zu lassen, kaufe ich Bananen, die durch die grünliche Folie noch verhältnismäßig appetitlich glimmen. Bananen werden ja sowieso immer unreif gepflückt und kommen sonst wo her, das wird hier auch nicht anders sein.

Unglück am Karton-Turm

Ich brauch' auf jeden Fall noch Getränke. Die Auswahl ist nicht besonders, aber zugegeben alles sehr günstig. Also Orangensaft und Selters. Die in wenig praktische Pappkartons verpackten Wasserflaschen werden eingeladen. Ich werde angerempelt und stolpere über eine Europalette, auf der sich einmeterfünfzig hoch Pappkartonreste stapeln. Der Turm neigt sich, fällt aber zum Glück nicht um.

Nur bei den Milchprodukten klatscht ein Becher Joghurt auf den Boden und wird von da an gleichmäßig durch Hunderte von Füßen im Kassenbereich verteilt. Den Orangenektar hab ich noch von Kindergeburtstagen in schlechter Erinnerung: Er ist süß und erinnert nur entfernt an Orangen. Aber es gibt inzwischen auch 100-prozentigen Saft - der wird eingepackt.

Ich weiß eigentlich nicht, was ich sonst noch kaufen soll. Brot in Plastiktüten? Käse in Plastikhüllen? Oder eine Plastikabdeckung für mein Auto? Ich schiebe mich so langsam voran und greife zu tiefgefrorenen Camembert und schnappe mir ein Glas Preiselbeeren dazu. Endlich etwas, das ich mag.

Cola? Never ever!

Die Cola daneben kann mich wirklich auch nicht reizen, denn auch wenn die »Stiftung Warentest« sie tausendmal für »gut« befindet, kann ich das Zeug einfach nicht trinken. Ich weiß, ehrlich gesagt, aber nicht einmal, wie sie schmeckt. Diese Abneigung ist wohl nur durch frühkindliche Prägung der globalisierten Lebensmittelindustrie zu erklären. »You can't beat the feeling!« - Was soll man machen?

Noch schnell »Kompakt«-Spülmittel und dann einen großen Bogen um das Toilettenpapier machen, denn das ist wirklich teuflisch. Bei meinem letzten Besuch - ist schon ein bisschen her - hab ich nur Klopapier und Spülmittel gekauft, weil ich dachte, da könne man ja nun wirklich nichts falsch machen. Das war ein Fehler. Gerade das Toilettenpapier ist richtig schlimm!

Wenn man nicht ständig erkältet ist, ist die Anschaffung eines Familienpacks Taschentücher aus rein wirtschaftlicher Sicht unvernünftig, und außerdem kann man seine Schniefnase auch in ein Stück Haushaltsrolle oder eben Klopapier stecken. Aber Vorsicht: Das von mir gekaufte »schmeichelweiche Vierlagige« verströmte eine so intensiven Geruch von Sauer-vergorenem-ekligen-ich-weiß-nicht-was, dass man nicht übel Lust bekommen könnte, eine Klage gegen den Hersteller in der Tschechischen Republik anzustreben.

Die Schlange hat eine beachtliche Länge erreicht und ich reihe mich ein. Ein dicker Autoatlas wandert in meinen Wagen. Fünf Euro, da kann man nichts sagen. Meine Zigarettenmarke gibt's hier irgendwie nicht, jedenfalls kann ich nur zwei Hausmarken entdecken. Aber man muss auch Abstriche machen können. Dafür gibt es vor der Kasse Stereoanlagen und Laptops.

Turbo-Kassiererin

Die Kassiererin sieht aus, als würde sie das von mir verschmähte Klopapier benutzen. Sie arbeit schnell, aber es wurde vergessen ein ausreichend langes Laufband anzuschaffen, so dass mein Vordermann sichtlich Probleme hat, dem Tempo der beschürzten Dauergewellten standzuhalten. Meine paar Teile hat sie schon eingegeben, bevor ich überhaupt alles aufs Band legen konnte. Zahlen und geschafft.

Zum Mittag dann schön Camembert mit Preiselbeeren und ein Glas vom guten Rotwein. Ganz ehrlich, der Camembert ist okay, die Preiselbeeren sind fast frei von Selbigen, und der Rotwein ist super, wenn man ihn zum Kochen benutzt. Vielleicht hätte ich doch die Socken kaufen sollen?

Torsten Beeck
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