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FINANZEN: Gehen Sie bloss nicht baden!

Passen Sie auf Ihr Sparschwein auf: Im Anlagejahr 2002 soll alles besser werden. Ob Aktie, Anleihe oder Investmentfonds - hier findet jeder die richtige Strategie.

Manches Aktiendepot sieht aus wie eine Deponie

- voll von ausgebrannten Kursraketen. »Es ist grauenhaft«, seufzt ein Finanzberater. »Da kommen Anleger und zeigen mir ein Portfolio, das zu 90 Prozent aus High-Tech-Werten besteht. Vom ursprünglichen Vermögen ist kaum noch etwas übrig.« Ehe sich enttäuschte Investoren professionellen Rat holen, muss der Leidensdruck schon groß sein. Denn zunächst regiert das Prinzip Hoffnung: Wenn ich nur lange genug warte, geht es mit den Kursen wieder aufwärts. »Viele Anleger klammern sich an ihre Einstiegskurse«, sagt Lutz Bode, Leiter Anlagestrategie der Hamburger Vereins- und Westbank. Ob sie die jemals wiedersehen? Eine Aktie, die um 50 Prozent im Minus liegt, müsste um 100 Prozent steigen, damit sie wieder das alte Niveau erreicht. Werte, die 90 Prozent verloren haben, müssten sich verzehnfachen. Klingt nicht sehr wahrscheinlich? Ist es auch nicht. »Die Traumrenditen der 90er Jahre werden wir nicht wiedersehen«, sagt Stefan Keitel, Leiter Portfoliomanagement bei der Credit Suisse Deutschland. Experten empfehlen einen sorgfältigen Depot-Check.

Der erste Schritt:

»Anleger sollten sich fragen, ob sie die einzelnen Werte heute wieder kaufen würden«, sagt Thorsten Pörschmann, Geschäftsführer der Bremer Nordtreuhand. »Lautet die Antwort nein, ist sofortiger Verkauf die einzige Lösung.« Weg mit den Trümmeraktien. Nach einem neuen Anlauf mit frischen Werten kann man vielleicht ruhiger schlafen.

Nächster Schritt:

die richtige Mischung wählen. Ein Depot voller Aktien bringt zwar erfreuliche Ergebnisse, wenn die Börse gut läuft. Doch kommt die Börse nicht in Schwung, wachsen die Risiken fürs Vermögen. In ein solides Portfolio gehören also auch Rentenwerte. »Je älter der Anleger ist, desto höher sollte der Rentenanteil sein«, empfiehlt Anlagestratege Bode. »Es gibt eine einfache Regel: 100 minus Lebensalter gleich prozentualer Aktienanteil im Depot.« Wer also 40 Jahre alt ist, sollte zu 60 Prozent Aktien im Depot haben. Bei jüngeren Sparern ist der Anteil entsprechend höher. »Mit Aktien liegt man nur im Plus, wenn man genügend Zeit mitbringt und Schwächephasen aussitzen kann«, sagt Bode.

Anleihen ins Depot nehmen:

Die lange verschmähten Rentenwerte - festverzinsliche Papiere wie Staatsanleihen, Pfandbriefe und Unternehmensanleihen - hätten während der Durststrecke am Aktienmarkt so manche Delle im Depot ausbügeln können. In diesem Jahr dürften die Zinsen und Kursgewinne deutscher Bundesanleihen mit längeren Laufzeiten eine Gesamtrendite von etwa acht Prozent bringen. Ob die Rentenwerte jedoch auch im nächsten Jahr so stark bleiben wie 2001, wird von Fachleuten bezweifelt. Rolf Piepenburg, Rentenexperte bei der Dresdner Bank, rechnet mit einem Anlageerfolg von drei bis vier Prozent im kommenden Jahr. »Springt die Konjunktur an, dürften wegen der Inflationsgefahr die Zinsen wieder steigen. Dann geraten die Renten unter Druck.« Doch da eine Konjunkturbelebung noch keine ausgemachte Sache sei, könnten die Börsen erneut den Rückwärtsgang einlegen. Rentenpapiere wirken dann wie ein Airbag. Piepenburg empfiehlt Anleihen bester Bonität, wie beispielsweise Jumbo-Pfandbriefe, die etwa 0,3 Prozentpunkte höher rentieren als deutsche Bundesanleihen und sich leicht verkaufen lassen, wenn die Anleger in aussichtsreichen Börsenzeiten ihr Kapital in Aktien umschichten wollen.

Wandelanleihen nicht vergessen

: Diese Papiere sind Zwitter zwischen Aktie und Anleihe und mit festem Zins sowie fester Laufzeit ausgestattet. Außerdem darf der Anleger die Wandelanleihe am Schluss in Aktien umtauschen. Sollte im nächsten Jahr die Konjunktur anspringen, reagieren Wandelanleihen wie Aktien: Die Kurse steigen. So dient dieses Produkt zum einen der Depotabsicherung, denn der Anleger erhält eine feste Verzinsung und sein Kapital zum Ende der Laufzeit zurück. Zum anderen profitiert er in positiven Börsenzeiten von steigenden Kursen der Anleihe.

Richtige Aktien-Streuung:

»Aktien sind insbesondere gegenüber Anleihen wieder attraktiv bewertet«, steht für Credit-Suisse-Banker Keitel fest. Aber es sollte nicht blind gekauft werden, was billig erscheint. Auch hier kommt es auf die Streuung an. Richtig ist ein Mix aus wert- und wachstumsorientierten Aktien. Die Aktien der ersten Gruppe weisen eine gesunde Substanz auf und sind für Investoren aufgrund ihrer niedrigen Bewertung an der Börse und der hohen Dividendenrendite interessant. Beispielsweise Banken und Versicherungen, die Keitel als »aussichtsreich« für den nächsten Kursaufschwung einstuft. »Beide Branchen sind über Gebühr abgestraft worden. Erholt sich die Wirtschaft, werden auch die Frühzykliker wie die Chemiewerte profitieren.« Keitel wie auch Lutz Bode von der Vereins- und Westbank rechnen aufgrund der aggressiven Zinssenkung der Notenbanken in der zweiten Jahreshälfte 2002 mit einem Konjunkturaufschwung.

Wachstumswerte dagegen

verfügen über ein hohes Gewinnpotenzial, schwanken aber deutlich stärker im Kursverlauf. Risikobewusste Anleger können die großen Technologie- und Telekommunikations-Unternehmen erneut ins Auge fassen. Bode: »Die haben ihre Tiefs gesehen, und die Profis steigen bei den Verlierern der vergangenen Monate wieder ein.« Wachstums-Titel sollten allerdings nur das Salz in der Suppe sein. »Ein langfristig orientierter Investor bevorzugt eine breite Basis von werthaltigen Aktien, Wachstumsaktien dienen der Beimischung«, sagt Keitel. »Mit einer solchen Depotausrichtung werden ständige Strategiewechsel zumeist überflüssig.«

An liquide Mittel denken:

Den nachhaltigen Börsenaufschwung kann keiner der Experten vorhersagen. Deshalb sollten Anleger 20 Prozent ihres Vermögens in einem Geldmarktfonds parken. Noch immer bewegen sich die Kurse an den Börsen auf und ab wie ein Jo-Jo. Es ist schwer, den richtigen Zeitpunkt zum Einstieg zu finden. Bei fallenden Kursen sollten Anleger also nachkaufen, aber nicht gleich die gesamten Barmittel einsetzen. Vielleicht ergeben sich zu einem späteren Zeitpunkt noch bessere Kaufgelegenheiten.

Basis-Regeln beachten: Wer in seinem Depot aufgeräumt hat, sollte einige Regeln beachten, um Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen.

* Verluste begrenzen:

Beim Kauf einer Aktie immer eine Marke setzen, wie viel Geld man zu verlieren bereit ist. Stopp-LossOrder nennen das die Profis. Sie kostet allerdings Gebühren. Damit signalisieren sie der Bank, ab welchem Kursrückgang die Aktie verkauft werden soll. Sinnvoll ist es, bei steigenden Kursen die Stopp-Loss-Order nach oben hin anzupassen, um Gewinne zu sichern.

* Langfristige Orientierung:

Anleger sollten nicht jedem Trend hinterherlaufen, sondern das Geschäft des Unternehmens verstehen und davon überzeugt sein. »Eine Aktie, die man nicht zehn Jahre zu halten bereit ist, darf man auch nicht zehn Minuten besitzen«, rät der legendäre US-Investor Warren Buffett. Rasante Kursanstiege einer Aktie sind dagegen eher Zeichen einer Spekulationsblase denn ein Signal zum Kauf.

* Spekulationsfrist nutzen:

Wer eine Aktie länger als zwölf Monate in seinem Depot hält, braucht die Kursgewinne nicht zu versteuern, kann aber auch nicht Kursverluste beim Finanzamt geltend machen. Verlustbringer sollten also besser vor Ablauf der Frist verkauft werden, so lässt sich das Minus mit anderen Kursgewinnen verrechnen. Bei einem Verkauf im nächsten Jahr ist aufgrund der Unternehmenssteuerreform der Verlust nur noch zur Hälfte abzugsfähig. Sind bis Ende 2001 keine Spekulationsgewinne angefallen, lassen sich die Verluste auf kommende Jahre vortragen.

Strategien für Fonds-Anleger:

Nicht auf Einzelwerte setzen, sondern das Vermögen streuen - getreu dieser Devise greifen viele Anleger zu Investmentfonds. Das tägliche Geschäft an den Finanzmärkten überlassen sie den Profis, die ihr Geld verwalten. Im Prinzip richtig - nur machen Anleger oft schon bei der Auswahl der Fonds viele Fehler. Statt beim Investment breit aufgestellt zu sein, quellen zahllose Depots über mit Internet- und Biotech-Fonds sowie Neuer-Markt- und Schwellenländer-Produkten. »In der Aufwärtsbewegung an der Börse haben viele Anleger wahllos Fonds zusammengekauft«, sagt Heinz Fehling vom unabhängigen Beratungsunternehmen Fonds Direkt in Oberursel. Von einer durchdachten Struktur ist selten etwas zu sehen.

Fonds auf den Prüfstand stellen:

Wie beim Investment in einzelne Aktien sollten sich Fondssparer fragen, ob sie von jedem Produkt in ihrem Depot weiterhin überzeugt sind. Dabei sollten sie sich bewusst sein: Je begrenzter das Spektrum des Fonds ist, desto schwieriger wird es, die Verluste aufzuholen. Als kleiner Trost beim Verkauf gilt die Devise: Trennt man sich innerhalb der zwölfmonatigen Spekulationsfrist von seinem Fonds, kann man den Verlust mit anderen - auch zukünftigen - Gewinnen verrechnen. Sich gänzlich von der Börse zu verabschieden, empfiehlt keiner der Fonds-Berater. Doch das Risiko im Depot sollte austariert sein. Im Zentrum stehen ein breit gestreuter globaler Aktienfonds sowie ein international anlegender Rentenfonds. Je nach Risikoneigung bilden Aktien oder Renten den Schwerpunkt. Beide Basis-Fonds sollten mindestens fünf, besser zehn Jahre lang am Markt sein und sich in schwierigen Börsenzeiten bewährt haben. Nur der spekulative Fondssparer kann zu 100 Prozent auf Aktien setzen.

Die Rolle von Branchenfonds:

»Branchenfonds haben in einem konservativen Depot nichts zu suchen«, sagt Günter Schlösser, Geschäftsführer von Portfolio Concept in Köln. »Je kleiner der Fokus des Fonds ist, desto höher das Risiko.« Spekulativ orientierte Investoren mit einem längeren Anlagehorizont nehmen Branchenfonds mit ins Depot - aber nur als Beimischung. Doch wer sind die Gewinner von übermorgen? Internet oder Rohstoffe, Telekommunikation oder Biotechnologie? »Statt sich zu spezialisieren, sollten Anleger Branchen bündeln«, sagt Fehling von Fonds Direkt. Er empfiehlt einen breit gestreuten Technologiefonds. Der technische Fortschritt sei nicht aufzuhalten, meint auch Schlösser. »Was die Unternehmen in diesem Bereich heute sparen, müssen sie morgen nachholen.« Das bringe den Technologiefirmen neuen Schub. Aussichtsreich sind nach Schlössers Meinung auch Biotechnologie- und Pharmafonds, »denn die Bevölkerung wird immer älter, und der Bedarf an medizinischer Versorgung wächst«.

Zu den offensiven Branchenfonds

sollten Anleger aber auch ein defensives Produkt stellen, das sich in Krisenzeiten bewährt. Gewinner des Börsenjahres 2001 waren Fonds mit Aktien von Edelmetallminen. So legte der Mercury Gold and Mining Fonds binnen Jahresfrist um fast 60 Prozent zu. Fünf Prozent des Depotvolumens sollten nach Meinung von Thorsten Pörschmann von der Nordtreuhand darauf entfallen. »Wer einen solchen Torwart im Depot für Krisenzeiten besitzt, kann sich freuen, wenn dieser nutzlos herumsteht. Dann geht es den restlichen 95 Prozent der Investments in der Regel sehr gut.«

Von Joachim Reuter