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Gerüchteküche: Die Deutsche Bank im Fadenkreuz

Die hohe Kunst, gezielt ein Gerücht zu streuen: Am Vortag der Präsentation der Jahreszahlen der Deutschen Bank lancierten Londoner Finanzkreise, Fusionsgespräche mit der amerikanischen Citigroup seien abgebrochen worden.

Die Kunst, gezielt ein Gerücht zu streuen, beherrschen nicht nur Politiker. Auch in der Wirtschaft werden die Medien gern dazu benutzt, um Spekulationen zum Beispiel über Schieflagen oder geplante Fusionen zu verbreiten und damit die Märkte zu bewegen. Meist sind die Gerüchte nach wenigen Stunden verpufft, und das Spiel kann von Neuem beginnen. Seit mehreren Wochen ist die Deutsche Bank nun das Opfer solcher Attacken. Am vergangenen Donnerstag kletterte der Aktienkurs der größten deutschen Bank ohne tatsächliche Neuigkeiten innerhalb kurzer Zeit um fast zehn Prozent.

Bankenlandschaft in Bewegung

In der weltweiten Bankenlandschaft finden Spekulationen derzeit reichlich Nahrung, denn nach den großen Restrukturierungsprogrammen ist die Branche in Bewegung, und jeder redet mit jedem, um mögliche Szenarien für Fusionen auszutesten. Deutsche Kreditinstitute gelten vor allem als Übernahmeziele, weil die Bankenlandschaft stark zersplittert ist und die Institute im internationalen Vergleich vergleichsweise billig zu haben sind. Andererseits sprechen schwache Erträge und die gering ausgeprägte Spezialisierung gegen solche Begehrlichkeiten. "Ausländische Banken müssten Bereiche übernehmen, die sie gar nicht brauchen", meint der Vorsitzende des Verbands der Auslandsbanken in Deutschland, Peter Coym.

Gezielt von Finanzjongleuren eingesetzt

Abwägungen des Für und Wider sind als Stoff für Gerüchte jedoch eher ungeeignet. Diese entstehen oft in der Hektik des Handels auf dem Börsenparkett oder werden bewusst von Finanzakteuren über die Medien lanciert. In beiden Fällen dienen sie dem Zweck, Bewegung in die Märkte zu bringen - und Geld damit zu verdienen. "Die Börse lebt schon immer von Gerüchten, allerdings verbreiten sie sich durch die heutigen technischen Möglichkeiten viel schneller", erklärt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW). Von Internet-Portalen oder Newslettern würden die Spekulationen häufig unkritisch übernommen. Gerade wenn sich die Aktienmärkte wie im Augenblick seitwärts bewegen, fallen Gerüchte auf fruchtbaren Boden und können heftige Kursbewegungen auslösen, erläutert der Aktionärsschützer.

Spekulanten reichen oft Nichtigkeiten

Einen Tag vor der Präsentation der Jahreszahlen der Deutschen Bank ließen Londoner Finanzkreise über die Wirtschaftszeitung «Financial Times» verkünden, Fusionsgespräche des Finanzhauses mit der amerikanischen Citigroup seien abgebrochen worden. In der vergangenen Woche genügte Spekulanten die Teilnahme von Citigroup-Chef Charles Prince an einer Konferenz in Frankfurt, um das Gerücht einer Übernahme wieder frisch aufzukochen - mit durchschlagendem Erfolg an der Börse.

Ackermann schloss feindliche Übernahme aus

Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann räumte bei der Vorlage der Zahlen ein, dass auch der Zusammenschluss mit einem internationalen Bankriesen prinzipiell möglich wäre. Eine feindliche Übernahme schloss er jedoch aus, weil ein solcher Versuch den Exodus von Führungskräften zur Folge hätte. Gerade weil die Deutsche Bank als nationales Symbol gilt, könnte dies auch auch abschreckend wirken, argumentieren Branchenkenner: Eine Übernahme der Bank hätte unweigerlich eine politische Dimension. Ein Interessent müsste wahrscheinlich nicht nur um die Zustimmung von Mitarbeitern und Aktionären, sondern auch von Berliner Politikern buhlen. Ob sich jemand darauf einlassen will, bleibt abzuwarten.

Alexander Missal / DPA
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