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Passagierjets im Fadenkreuz: MH17, Iran-Air, El Al 402: Diese Flugzeuge wurden von Raketen abgeschossen

Nach dem Absturz einer ukrainischen Maschine in Teheran, hat der Iran die Verantwortung übernommen. Das Flugzeug wurde versehentlich abgeschossen — durch eine Rakete. In den letzten Jahrzehnten hat es einige weitere tödliche Abschüsse gegeben. Eine Chronik.

Trümmerteile des Fluges MH17 in der Ostukraine

Trümmerteile des Fluges MH17 in der Ostukraine

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Wurde Ukraine-International-Airlines-Flug 752 von einer Rakete abgeschossen? Tagelang stand dieser Verdacht im Fokus, nachdem am 8. Januar eine Boeing 737-800 der ukrainischen Airline auf dem Weg nach Kiew kurz nach dem Start vom Imam Chomeini abgestürzt ist. 176 Menschen kamen ums Leben. Am frühen Samstag dann die Gewissheit: die iranische Revolutionsgarde übernimmt die Verantwortung.

Doch kein technischer Fehler

Kurz zuvor hatte der Iran zwei von US-Soldaten genutzte Stützpunkte im Irak angegriffen. Die Regierungen in Kanada und Großbritannien verfügten nach eigenen Angaben bereits kurz nach dem Absturz über Informationen, die auf den Abschuss durch eine iranische Rakete hinweisen. Der Iran hatte Spekulationen über einen Abschuss zuletzt immer zurückgewiesen, einen technischen Defekt als Ursache angeführt und ausländische Experten eingeladen. Kurz nach dem Beginn der Untersuchungen musste Luftwaffenchef Amir Ali Hajizadeh dann doch den ursprünglichen Verdacht bestätigen.

Versehentliche und bewusste Abschüsse

In den vergangenen Jahrzehnten hat es immer wieder Fälle gegeben, bei denen Passagierflugzeuge vom Militär abgeschossen oder beschossen wurden oder bei denen ein solcher Verdacht besteht. Diese Chronik listet einige bekannte Beispiele auf, bei denen größere Passagierflugzeuge getroffen wurden und ein Abschuss als offizielle Ursache gilt.

27. Juli 1955: El-Al-Flug 402

Eine Lockheed L-149 Constellation der israelischen Fluggesellschaft El Al ist auf dem Weg von London nach Tel Aviv, mit Zwischenlandungen in Paris und Wien. Als sich das Flugzeug über Jugoslawien befindet, schlägt es versehentlich einen falschen Kurs ein und fliegt Richtung Bulgarien, so das "Aviation Safety Network" (ASN). Als die Lockheed versehentlich in den bulgarischen Luftraum eindringt, greifen zwei bulgarische MiG-15-Kampfflugzeuge die Maschine an. Flug 402 geht in den Sinkflug, wird aber in einer Höhe von rund 2400 Metern erneut angegriffen. Das Flugzeug fängt Feuer, während es weiter für eine Notlandung absteigt. Auf einer Höhe von rund 600 Metern wird die Lockheed ein drittes Mal beschossen, worauf sie auseinanderbricht. Alle 58 Menschen an Bord kommen ums Leben.

Laut ASN war das vierstrahlige Propellerflugzeug aufgrund einer falschen Funkkompassanzeige aufgrund von Auswirkungen eines Gewitters vom Kurs abgewichen.

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20. April 1978: Korean-Air-Lines-Flug 902

Die Boeing 707 der Korean Air Lines (heute Korean Air) ist auf dem Weg von Paris in die südkoreanische Hauptstadt Seoul. Auf der Route ist ein Zwischenstopp in Anchorage, Alaska geplant. Eine Kurskorrektur über Kanada bringt sie jedoch auf Kurs Richtung Barentssee und damit in den sowjetischen Luftraum. Sukhoi-Abfangjets steigen auf, um Flug 902 abzufangen. Obwohl die Besatzung der 707 die Geschwindigkeit verlangsamen und die Landescheinwerfer einschalten, erhalten die Kampfpiloten den Befehl zum Abschuss, so das ASN.

Nach Angaben der USA versuchte ein Kampfjet-Pilot einige Minuten lang, seine Vorgesetzten davon zu überzeugen, den Angriff abzubrechen, da es sich bei dem Flugzeug um eine zivile Boeing 707 und nicht um eine Aufklärungsboeing des Typs RC-135 handelte.

Die Kampfjets feuern zwei Raketen ab. Eine davon explodiert und beschädigt einen Teil des linken Flügels schwer. Schrapnelle beschädigen das Flugzeug, wodurch es zu einem Druckabfall kommt. Die Besatzung leitet einen Notabstieg ein. Die Piloten von Flug 902 schaffen es nach einigen Versuchen die Boeing auf dem zugefrorenen Korpijarwisee zu landen. Zwei Menschen sterben durch die Explosion der Rakete. Die Insassen wurden von Hubschraubern gerettet.

1. September 1983: Korean-Air-Lines-Flug 007

Mehr als fünf Jahre später kommt es zu einem ähnlichen, aber deutlich tödlicherem Zwischenfall mit einer Boeing 747 der Korean Air Lines. Flug 007 ist auf dem Weg von New York nach Seoul mit einer Zwischenlandung in Anchorage. Während des Fluges von Anchorage nach Seoul weicht die 747 vom Kurs ab und gelangt in den sowjetischen Luftraum über der Halbinsel Kamtschatka und der Insel Sachalin sowie ihren Hoheitsgewässern.

Ein Ermittler untersucht ein Wrackteil des Korean-Air-Lines-Fluges 007

Ein Ermittler untersucht ein Wrackteil des Korean-Air-Lines-Fluges 007 

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Die sowjetische Luftverteidigung hält die Boeing 747 für eine Boeing RC-135 der US Air Force. Vier sowjetische Kampfjets steigen auf, um den Eindringling abzufangen, was ihnen aber nicht gelang; außerdem verschwindet die 747 vom Radar. Die Luftverteidigung auf Sachalin wird alarmiert und Abfangjäger in die Luft geschickt. Es wird der Befehl erteilt, dass das Flugzeug zerstört werden sollte, wenn es die Staatsgrenze verletze, so ASN.

Einer der Piloten der Kampfjets fliegt in die Nähe der Boeing 747, kann wegen der Dunkelheit den Flugzeugtyp nicht identifizieren. Es wird vermutet, dass es sich um vier Kondensstreifen einer RC-135 handeln würde. Auf Funksprüche seitens der Sowjetunion werden kommen keine Antwort. Als der Jet erneut in den sowjetischen Luftraum eindringt, kommen Zweifel auf, ob es sich nicht doch um ein Passagierflugzeug handeln könnte.

Einer der Abfangjäger warnt Flug 007 mit aufblinkenden Lichtern und mit einem Warnschuss. Kurze Zeit später folgt der Befehl zum Abschuss, der Kampfpilot feuert zwei Luft-Luft-Raketen ab, so der Bericht von ASN. Eine der Raketen beschädigt die Boeing 747, die kurz darauf ins Meer stürzt. Alle 269 Menschen an Bord sterben.

3. Juli 1988: Iran-Air-Flug 655

Zu einem weiteren tödlichen Missverständnis kam es knapp fünf Jahre später. Diesmal sind die US-Marine und ein Airbus A300 der Iran Air involviert. Die iranische Linienmaschine befindet sich auf dem Weg nach Dubai über dem Persischen Golf, in der Straße von Hormus, als das Kriegsschiff USS Vincennes den Airbus fälschlicherweise für ein iranisches Kampfjet hält. Die Vincennes befindet sich zu diesem Zeitpunkt in einem Gefecht mit iranischen Kampfbooten, berichtete damals die "Washington Post".

Der Startflughafen der Iran-Air-Maschine, Bandar Abbas, wird zu diesem Zeitpunkt sowohl von zivilen als auch von militärischen Flugzeugen genutzt. Die Besatzung der US Vincennes warnt die Besatzung von Flug 655 mehrfach, dass sich die Maschine fernhalten solle. Als der A300 in einen Sinkflug geht, entscheidet sich der Kapitän, zwei Flugabwehrraketen abzufeuern. Das Flugzeug wird zerstört und die Trümmer fallen ins Meer. Alle 290 Menschen an Bord sterben. Es war das erste Mal, dass das US-Militär ein Zivilflugzeug abgeschossen hatte. Der Iran beschuldigte die Vereinigten Staaten eines "barbarischen Massakers" und gelobte, "das Blut unserer Märtyrer zu rächen", so die "Washington Post" weiter.

4. Oktober 2001: Sibir-Airlines-Flug 1812

Eine Tupolew Tu-154 befindet sich in rund 11.000 Metern Höhe auf einem Charterflug von Tel Aviv ins russische Nowosibirsk über dem Schwarzen Meer. Gleichzeitig halten die ukrainischen Streitkräfte eine Übung nahe der Krim ab. Dabei verfehlte eine Boden-Luft-Rakete eine Drohne und trifft die Tupolew, so der Bericht von ASN. Durch den Schaden kommt es zu einem Druckabfall in der Kabine und einem Brand. Das Flugzeug stürzt darauf ins Meer und sinkt 2000 Meter tief.

17. Juli 2014: Malaysia-Airlines-Flug 17

Es ist der Abschuss mit den bislang meisten Todesopfern. Die Boeing 777 der Malaysia Airlines fliegt von Amsterdam nach Kuala Lumpur, wobei die Maschine auch die Ukraine überfliegt. Dort findet ein bewaffneter Konflikt in der Ostukraine statt. Daher darf eine bestimmte Flughöhe aus Sicherheitsgründen nicht unterschritten werden, wie ein Video der niederländischen Untersuchungskommission zeigt.

Während des Fluges über der Ostukraine wird am Boden eine Flugabwehrrakete des Typs Buk abgefeuert. Die Rakete erreicht Malaysia-Airlines-Flug 17, auch MH17 genannt. Die Explosion beschädigt die Boeing 777 links vorne auf Höhe des Cockpits stark. Mehrere Schrapnelle durchlöchern das Flugzeug. Das Flugzeug wird zerstört und stürzt aus rund zehn Kilometern zu Boden. 298 Menschen kommen ums Leben. Die Buk-Rakete kam nach internationalen Ermittlungen aus Russland. Wer sie abfeuerte, ist unklar. Laut der niederländischen Untersuchungskommission käme keine weitere Ursache als einen Raketenabschuss für den Absturz infrage.

Quellen: Nachrichtenagentur DPA, Aviation Safety Network (ASN), "Washington Post", Dutch Safety Board