Jauch-Gewinner "Wirklich reich ist man mit einer Million nicht"


Philosophiestudent Gerhard Krammer lebte von Bafög - bis er vor drei Jahren in der Fernsehsendung "Wer wird Millionär?" eine Million Euro gewann. Dem stern erzählt er, wie sich sein Leben verändert hat.

Herr Krammer, als Neureicher müssten Sie es wissen: Verdirbt Geld den Charakter?

Geld verstärkt vielleicht Tendenzen, die schon vorhanden sind, aber ich glaube nicht, dass Geld den Charakter um 180 Grad wenden kann.

Wie hat die Million, die Sie vor drei Jahren bei "Wer wird Millionär?" gewonnen haben, Ihr Leben verändert?

Ich hatte schon vorher eine gewisse Distanz zu unserer geldgeprägten Gesellschaft, deswegen hat mich der Gewinn von Anfang an nie groß begeistert.

Wie haben Sie vorher gelebt?

Ich bekam als Philosophiestudent den Bafög-Höchstsatz, rund 450 Euro im Monat, dazu noch Kindergeld von meinen Eltern, damit kam ich zurecht. Ich hatte ein Zwölf-Quadratmeter-Zimmer bei einer älteren Dame. Mein Girokonto war meist auf null.

Und dann bekamen Sie plötzlich eine Million Euro.

Ja, eineinhalb Wochen nach der Sendung ging die Überweisung auf dem Girokonto ein. Den Auszug habe ich aufgehoben, sieht lustig aus: plus eine Million Euro.

Wann wussten Sie, was Sie mit dem Geld anfangen?

Ehrlich gesagt hatte ich mir das schon vor der Sendung überlegt. Das wirklich Schöne am Geldhaben ist, unabhängig zu sein, nicht für jemanden arbeiten zu müssen. Deswegen war von vornherein meine Richtlinie, das Geld so anzulegen, dass ich eine monatliche Rente bekomme, und das zu sein, was man altmodisch einen Privatier nennt. Mir war ja klar, dass ich mit meinen Studienfächern Philosophie und Musik nicht der Darling auf dem Arbeitsmarkt sein würde. Ich habe mein Studium aufgegeben, glücklich damit war ich sowieso nicht.

Sind Sie mit der Million in die örtliche Sparkasse spaziert und haben sich beraten lassen?

Nein. Nach dem Gewinn wurde ich überschwemmt mit Angeboten von Anlageberatern. Selbst aus Österreich und Belgien meldeten sich welche. Mit einigen habe ich mich getroffen und mir ihren Plan erklären lassen.

Hatten Sie vor Ihrem Gewinn Geld angelegt?

Nein, in unserer ganzen Familie und Verwandtschaft gibt es niemanden, der so viel Geld übrig hätte, dass er das in mehr als einen Bausparvertrag investiert.

Wem haben Sie bei der Geldanlage Ihr Vertrauen geschenkt?

Dem sympathischsten Anlageberater.

Und wie hat der Ihre Million angelegt?

Er hat sich an meine Richtlinien gehalten: größtmögliche Sicherheit und monatliche Rente. Das Geld ist verteilt auf Aktien- und Immobilienfonds, Anleihen und Versicherungen.

Sie haben nichts verbraucht?

Insgesamt ist die Summe sogar gewachsen, es sind jetzt ungefähr 1,3 Millionen Euro. Aber ich konnte auch fast nichts falsch machen. Als ich das Geld gewonnen habe, war der Dax auf 2800 Punkten, seither hat er sich mehr als verdoppelt.

Wissen Sie, wie Ihr Geld angelegt ist?

Ich versuche schon, den Überblick zu behalten. 15 Prozent sind in Aktienfonds...

Keine einzelnen Aktien?

Nein, einzelne Aktien würde ich mir nie antun. Ich kenne mich da nicht aus, und als Laie in einzelne Werte zu investieren, das ist doch nur dumm. Dann hängt man den ganzen Tag vor n-tv und zittert: Oh Gott, was macht meine Aktie?

Wie viel zweigen Sie monatlich für sich ab?

Meine laufenden Kosten liegen bei etwa 2000 Euro im Monat, das reicht mir.

Obwohl Sie gar keine Ahnung hatten, haben Sie offenbar alles richtig gemacht.

Ich hab mal gelesen, dass 80 Prozent der Lottogewinner zwei Jahre danach wieder so viel haben wie zuvor. Es liegt bei mir aber auch an meiner Lebenssituation. Als Student ohne Verpflichtungen kann ich mein Geld anders anlegen als ein Familienvater. Deshalb konnte ich in der Sendung ein viel höheres Risiko eingehen, weil ich zum Beispiel beim Stand von 125.000 Euro das Geld nicht unbedingt retten wollte. Ich hätte auch ohne Gewinn weiterleben können.

Ein paar Dinge werden Sie sich nach dem Gewinn dennoch geleistet haben, oder?

Ich bin in eine 80-Quadratmeter-Wohnung umgezogen, aber wieder zur Miete.

Sonst nichts gekauft?

Doch, ein paar Möbel und einen pervers großen Fernseher.

Sind Sie glücklicher als vor vier Jahren?

Eigentlich muss ich sagen: Nein. Weil ich mir ja nicht jeden Tag bewusst mache, was das für ein Glück ist, dass ich mir jetzt Zeit nehmen kann, um zu überlegen, was ich aus meinem Leben mache.

Wie hat sich Ihre Beziehung zu Freunden verändert?

Man hört ja immer wieder von Lottogewinnern, der große Geldgewinn hätte sie gar nicht verändert. Das ist eine Lüge. Es verändert einen auf jeden Fall. Allein schon die Tatsache, dass man bei bestimmten Themen seine Worte genau wählen oder sich lieber raushalten muss. Wenn ich über Politik diskutiere, werden mir jetzt Sachen übel genommen, die ich früher einfach rausplappern konnte.

Zum Beispiel?

Wenn ich die Ansicht vertrete, dass die Hartz-Gesetze sinnvoll sind...

...wird Ihnen das jetzt als Bonzen-Standpunkt ausgelegt?

Ja, obwohl ich damals als Bafög-Empfänger genauso gedacht habe. Meine Argumente haben sich nicht verändert, aber der Hintergrund.

Wie verbringen Sie Ihre Zeit?

Ich lese viel. Zurzeit "Der Fürst" von Machiavelli, "Königliche Hoheit" von Thomas Mann und "Das Kapital" von Karl Marx.

Können Sie sich vorstellen, dass Ihnen die selbst gewählte Arbeitslosigkeit mal zum Hals raushängt?

Es gibt immer wieder Momente, in denen ich mich frage: Du sitzt da und wirst schlauer und schlauer, aber wozu? Irgendwann will ich das schon anwenden.

Sie sind als Millionär doch sicher auch für Frauen attraktiver geworden.

Eine Frau, die auf Geld aus ist, sucht sich eher einen Typen mit 20 oder 30 Millionen. Die Million ist eine mystische Zahl, aber wirklich reich ist man mit einer Million Euro nicht.

Interview: Markus Grill

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