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Kindersegen: Geheul um Mitternacht

Wie aus friedlichen Nachbarn erbitterte Gegner wurden: Tilman, der 19-monatige Sohn einer Stern-Redakteurin, ist schuld - und erklärt, wie es dazu kam.

Bevor es mich gab, lebten meine Eltern friedlich Tür an Tür mit der Dame von nebenan - eine ältere alleinstehende Frau mit grauen Haaren und einem Dutt, um den sie immer so ein lustiges Rüschenband wickelt. Ich nenne sie deshalb Frau Dutt. Frau Dutt und meine Eltern grüßten sich freundlich, hielten im Treppenhaus schon mal ein kurzes Schwätzchen und nahmen gegenseitig Pakete in Empfang, wenn einer nicht da war. Irgendwann sollten Papa und Mama sogar eine der vielen Weinflaschen probieren, die regelmäßig bei Frau Dutt eintrudeln.

Aber dazu kam es nie, und daran bin ich schuld. Na ja, erste Irritationen gab es schon am Tag unseres Einzugs. Ich war damals noch im Bauch meiner Mama, als die Dame von nebenan plötzlich in der Tür stand. "Hallo, ich bin die Nachbarin", war ihr erster Satz. Und der zweite: "Ihr hinteres Zimmer liegt direkt neben meinem Schlafzimmer. Ich vertrage keinen Lärm. Würden Sie das bitte bei Ihrer Planung beachten." Dabei warf sie einen vielsagenden Blick auf den gewölbten Bauch meiner Mama. Gut, der besagte Raum sollte ohnehin nie mein Spielzimmer werden. Der Hausfrieden schien gewahrt.

Dann kam ich auf die Welt, und mit mir zogen auch die Bauchschmerzen bei uns ein. Zum ersten Mal kamen sie in einer Sonntagnacht so um sechs Uhr morgens. Papa trug mich durch die Wohnung und sang Liedchen, Mama massierte mir den Bauch - es half nichts, ich schrie. Da ertönten plötzlich lustige Kinderstimmen aus der Wohnung nebenan. Fröhlich und vor allem laut quakten sie durcheinander. "Tinky Winky, Dipsy, Laa Laa, Po", alle Teletubbies auf einmal. Schlagartig war ich still. So ein tolles Unterhaltungsprogramm mitten in der Nacht hatten mir Mama und Papa noch nie geboten.

Klar, dass ich so was in der nächsten Nacht gleich noch mal haben wollte. Also stellte ich diesmal schon um vier Uhr meine Sirene an. Und tatsächlich kamen wieder Stimmen durch die Wand, sogar noch lauter als gestern. "Bundeskanzler Schröder warf seinem Kontrahenten Edmund Stoiber ...". Auch wenn ich jedes Wort deutlich hören konnte, spannend ist das Gesabbel nicht. Ich schlief ein. Mama und Papa waren dafür hellwach und kriegten sich in die Haare. Papa wollte seine großen Boxen aus dem Wohnzimmer holen und auch Krach machen. Mama wollte keinen Ärger. Auch bei Frau Dutt klingeln und ihr die Meinung geigen durfte Papa nicht.

Ein paar Tage später landet mal wieder ein Paket für unsere Nachbarin bei uns. Der Mann von der Post sagt zwar noch, dass es unhandlich sei, aber zu spät. Schon zwängt er den riesigen Karton durch die Tür. "Fernseher, Großbildleinwand mit Super-Stereo-Sound", steht auf der Kiste. Stereo kann ich auch, denk ich mir. Wollen wir doch mal sehen, wer lauter ist.

In der nächsten Nacht strenge ich mich richtig an. Meine Lautstärke liegt zwar schon im Bereich unerträglich, aber ich drehe noch ein bisschen auf. So sehr ich mich jedoch aufplustere, von nebenan schallt es immer ein klein wenig greller zurück. Ich bin beleidigt. Auch Papa macht die Niederlage schwer zu schaffen. Als wir Frau Dutt das nächste Mal im Treppenhaus treffen, würdigt sie uns keines Blickes. Dabei strahle ich sie besonders nett an, damit sie wieder die Teletubbies anstellt statt ihrer blöden Nachrichten.

Schwätzchen im Treppenhaus bleiben aber ab sofort für andere Nachbarn reserviert. Mit der Frau, die zwei Stockwerke über Frau Dutt wohnt, beispielsweise. "Gestern", erzählte sie, "war ich ja kurz davor, im Bademantel durchs Haus zu geistern, um rauszukriegen, wer morgens um fünf den Fernseher so aufdreht, dass ich davon aus dem Bett falle." Sie bekommt eine präzise Wegbeschreibung für die nächste Ruhestörung. Und die kommt prompt. Doch welche Enttäuschung: Statt Super-Stereo-Sound ertönt schauriges Wolfsgeheul von nebenan. Immerhin besser als der Nachrichtenheini. Aber was soll das? "Frau Dutt versucht, dich nachzumachen, Tilman", erklärt mir Papa. Da muss sie aber noch ein bisschen üben. Nachhilfe gebe ich gern.

Die Frau, die über Frau Dutt wohnt, kennt das alles schon. "Die hat bereits das Geschrei nicht vertragen, als mein Sohn Baby war", erzählt sie uns. "Damals hat sie aber nicht ihren Fernseher aufgedreht, sondern unsere Wäsche auf dem Balkon fotografiert, die Bilder ihrem Rechtsanwalt geschickt und behauptet, wir würden ihr mit unseren Leintüchern die Aussicht versperren. Klasse, denke ich. Werde ich jetzt auch von Frau Dutt fotografiert? Und hängt sie mein Bild dann im Hausflur auf als "Ruhestörer des Monats"? Ich werde Superstar - dafür lohnt es sich schon, meine Stimme weiter zu trainieren.

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