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TV-Kritik

"Let's Dance": Dicke Figuren, Eierlikör und ein doppelter Dutt

Vier Wochen vor dem Finale gönnt sich "Let’s Dance" einen kleinen Durchhänger. Die Songauswahl wirr, die Tanzpaare ein wenig auf Reserve, nicht nur der Discofox-Marathon am Ende eine musikalische Zumutung – ein Zeichen der Zeit, dass es dennoch kurzweilig geriet.

von Ingo Scheel

Let's Dance: Jede Woche begeistern die Promis ihre Fans auf dem Tanzparkett.  

Es mag ja Kleinkrämerei sein, aber wo "TV-Melodien" draufsteht, sollten doch auch "TV-Melodien" drin sein, oder? Und wer denkt bei großen Titelmusiken in punkto Fernsehen jetzt nicht an "Dallas", "Die Zwei", "Love Boat" oder "Akte X". Nun gut, zur letzteren Nummer kann man vielleicht nicht so gut schwofen, aber zur "Traumschiff"-Melodie ließe es sich prächtig schunkeln, zu "Miami Vice" discofoxen oder zu "Dick & Doof" dem Charleston frönen. Statt der versprochenen TV-Melodien gab es zum Intro jedoch erst einmal eine leidlich zusammengeschusterte Hommage an den Kinofilm "Joker" – und damit gelang RTL binnen zwei Minuten, wofür der Film zumindest eine halbe Stunde braucht: Das Grinsen nervt wie Hulle. Dazu Musik von Gary Glitter, dem dingfest gemachten Mitschnacker, das mag im Film konnotativ passen, bei so einer Primetime-Show ist das ein Griff ins Klo. Aber sei es drum, an einem Tag, da der US-Präsident dazu auffordert, mit Domestos zu gurgeln, fällt es möglicherweise etwas schwerer, sich bei der Arbeit zu konzentrieren.

"Let's Dance": Luca Hänni tanzt zur "Friends"-Titelmusik

Getanzt wurde dann ja auch flugs und mit der Titelmusik von "Dalli Dalli" gab es umgehend Wiedergutmachungsbeschallung. Das Entrée-Aha-Momentum musste sich Jorge González diesmal mit Motsi Mabuse teilen. Die Jurorin kam in laszivem Latex – "Hat dein Mann dir erlaubt, so loszugehen?", der prähistorische Anwurf des gewohnt unauffällig coutourierten Joachim Llambi – Kollege González dagegen trug diesmal zwei Dutts auf dem Kopf zu Schau, so riesig, es hätten ausgewachsene Kakadus darin wohnen können.

Luca Hänni brachte es anschließend im ersten Trainingseinspieler auf den Punkt, was sich bei allen Paaren latent durchzog: Er sprach von seinen Schwierigkeiten, in die Woche reinzukommen. Angesichts der Gesamtlage auch für den Cast der freitäglichen Liveshow wohl nicht immer leicht, den Knopf mit der guten Laune zu finden. Auf dem Parkett sah das dann alles schon wieder ganz anders aus, mit Partnerin Christina Luft ertanzte er sich zur "Friends"-Titelmusik 29 Punkte. Motsi Mabuse war davon – und vom elektrischen Wechselspiel mit dem sozialdistanzierenden Plexiglas – so aufgeladen, dass ihr die Haare im wörtlichen Sinne zu Berge standen.

Meis Swarovski Zoff Let's Dance

Swarovski kommentiert Wendler-Verlobung

Zu einem Song aus dem Kinofilm (!) "Darf ich bitten?" kam Christian Polanc die Erkenntnis, das Bein seiner Partnerin Laura Müller würde 100 Kilo wiegen. Etwas leichter sah das beim Vortanzen schon aus, für Jorge G-Punkt lautete das Fazit "so richtig bäm-bäm". 26 Zähler gab es dafür. Würde man auch die Moderationen an diesem Abend bewerten, neben Llambi hätte auch Viktoria Swarovski Punktabzug zu verbuchen gehabt. Den Wendlerschen Heiratsantrag gegenüber Laura Müller mit "Jetzt biste vom Markt" zu kommentieren … gute Güte.

Aber weiter im Wechselschritt: Ilka Bessin und Erich Klann als Balu und Mogli aus dem "Dschungelbuch" (Kiiiinofilm!) – man bilde einen Satz mit "Rolle" und "auf den Leib geschrieben". Viel vom Charleston war da nicht zu erkennen, das wiederum analysierte Joachim Llambi mit geschultem Auge, so gab es für das "Gesamtpaket" nicht mehr als mit gemütlich probierte 12 Punkte. Auch Moritz Hans und Renata Lusin kamen diesmal nicht so richtig ins Rollen. Ihre Samba, der traditionelle "Befruchtungstanz", zu "Volare" aus "Ein Fisch namens Wanda" (auch keine klassische TV-Melodie) war für Jorge zu "kontrolliert", Motsi fehlte die "Bounce Action", und als wäre das nicht schon schlimm genug, bemängelte Herr Llambi auch noch die ebenso absente "Contract Release". Sachen gibt’s.

Tijan Njie und Lili Paul-Roncalli schrammen an der Bestwertung vorbei

Derlei Detaildüpierungen mussten sich sowohl Tijan Njie mit Kathrin Menzinger als auch Lili Paul-Roncalli und Massimo Sinató kaum anhören. Erstere boten scharf gewürzte Salsa, auch letztere überzeugten mit hispanischem Temperament, beide Paare schrammten mit 29 Punkten jeweils nur um einen Punkt an der Bestwertung vorbei. Dazwischen gab es Langohriges von Martin Klempnow und Marta Arndt. Zur Melodie von "Bugs Bunny" (na endlich mal was aus dem Fernsehen, möchte man seufzen), alberten die beiden sich zu immerhin 18 Punkten. Jorge fand es sehr lustig, Joachim Llambi jedoch nur überschaubar und vor allem: flachfüßig.

Michael Wendler hat sich einer Nasen-Operation unterzogen

Nun hätte der ganze Spaß gern vorbei sein dürfen, stattdessen gab es, wie so oft, noch eine halbe bis Dreiviertelstunde, die irgendwie über schien.

Dabei ist die Idee ja nicht so schlecht. So ähnlich wie in Sydney Pollacks Tanzsatire "Nur Pferden gibt man den Gnadenschuss" war diesmal Dauertanzen angesagt, sechs Minuten Marathon, und zwar im Discofox. Oder wie es einer der Beteiligten formulierte: Den Tanz zum Schöntrinken. Während Christian Polanc dabei Richtung Jägermeister tendierte, hatte Ilka Bessin wohl schon zum Eierlikör gegriffen, wie sie auf dem Weg zum Örtchen ("Ich muss mal pullern") preisgab. Nebenbei offenbarte sie mit Partner Erich, worum es beim Discofox – und so ein bisschen ja grundsätzlich, wenn die beiden tanzen – wirklich geht: um dicke Figuren.

Hatte man zuvor schon bei der Songauswahl Grund zum Kritteln, wäre die Marathonmusik nicht einmal mit einer Flasche Domestos zu ertragen gewesen. Geh’ mal Bier holen, du wirst schon wieder hässlich – Texte, die wohl selbst Gary Glitter von der Bettkante gestoßen hätte. Sei es drum, Lili und Massimo schlängelten sich auch hier am überzeugendsten durch, das Paar holte die Bestnote. Vom Markt musste schlussendlich Martin "Karnickel" Klempnow, die "Magic Moments"  in der nächsten Woche – und wehe, wenn die nicht magisch sind – werden ohne ihn stattfinden.