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Lohnstudie des Statistischen Bundesamtes: Arbeitnehmer bekommen deutlich mehr Gehalt

Der Bund meldet die höchsten Lohnzuwächse seit Langem. Besonders profitieren etwa Gebäudereiniger oder Jobvermittler. Die Nachfrage nach Arbeitskräften geht allerdings zurück.

Die Tarifverdienste deutscher Arbeitnehmer sind im April so stark gestiegen wie seit mehr als zwei Jahren nicht mehr. Sie erhöhten sich um durchschnittlich 2,2 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat, teilte das Statistische Bundesamt am Montag zu seiner vierteljährlichen Erhebung mit. Ein kräftigeres Plus gab es zuletzt im Januar 2010 mit 2,3 Prozent. Die gewerkschaftsnahe Boeckler-Stiftung geht davon aus, dass im Jahresschnitt sogar ein Plus von 2,7 Prozent herausspringen wird.

"Davon bleibt auch real etwas übrig, da die Inflationsrate mit etwa zwei Prozent merklich unter den Verdienstzuwächsen bleiben dürfte", sagte ein Tarifexperte der Stiftung. 2011 waren die Preise mit 2,3 Prozent noch schneller gestiegen als die Tarifverdienste mit zwei Prozent, so dass die Arbeitnehmer an Kaufkraft verloren. Steigende Einkommen sind neben der sinkenden Arbeitslosigkeit der wichtigste Grund für das gute Konsumklima in Deutschland. Das von den GfK-Forschern für August ermittelte Konsumklimabarometer kletterte auf den höchsten Wert seit fast einem halben Jahr.

Den stärksten Lohnzuwachs gab es bei den sonstigen wirtschaftlichen Dienstleistern, zu denen die Statistiker zum Beispiel Jobvermittler und Gebäudereiniger zählen. Hier zogen die Löhne und Gehälter um 4,1 Prozent an. Im Bereich Erziehung und Unterricht kletterten die Tarifverdienste mit vier Prozent ähnlich stark. Hier handelt es sich überwiegend um Angestellte kommunaler Kinderkrippen und -gärten, die nach dem Tarifvertrag für Bund und Gemeinden entlohnt werden. Im Bereich Öffentliche Verwaltung, Verteidigung, Sozialversicherung erhöhten sich die durchschnittlichen Tarifverdienste um 3,6 Prozent.

Rekordwert an "atypisch" Beschäftigten

Im Verarbeitenden Gewerbe fiel das Lohnplus mit 0,8 Prozent am niedrigsten aus. Allerdings sieht der Pilotabschluss in der Metallindustrie in Baden-Württemberg ab Mai Tariferhöhungen um 4,3 Prozent vor. In der Chemieindustrie werden ab Sommer 4,5 Prozent mehr gezahlt. Unterdurchschnittlich stiegen auch die tariflichen Monatsverdienste bei den Finanz- und Versicherungsdienstleistungen mit 1,5 Prozent sowie im Bereich Information und Kommunikation mit 2,0 Prozent.

Zudem schwächelt der Jobaufschwung in Deutschland. Die Zahl der offenen Stellen ging im Juli auf den niedrigsten Stand seit gut einem Jahr zurück, wie die Bundesagentur für Arbeit (BA) mitteilte. "Angesichts moderater Konjunkturerwartungen zeigen sich die Unternehmen vorsichtiger, was weitere Neueinstellungen angeht", erläuterte die Bundesbehörde - nicht ohne zu betonen, dass die Nachfrage nach Mitarbeitern nach wie vor hoch sei. Im vergangenen Jahr entstanden nach Angaben des Statistischen Bundesamtes dank des Booms auf dem Arbeitsmarkt 610.000 zusätzliche reguläre Jobs.

Nach Einschätzung von Experten hat sich der leichte Abwärtstrend auf dem deutschen Arbeitsmarkt im Juli weiter fortgesetzt. Gründe dafür seien neben der schwächeren Konjunktur auch die Verunsicherung vieler Unternehmen aufgrund der Euro-Schuldenkrise, berichteten Volkswirte deutscher Großbanken in einer Umfrage. Dadurch sei die Arbeitslosigkeit etwas stärker gestiegen als sonst zum Ferienbeginn üblich. Den Berechnungen zufolge waren 2,87 Millionen Menschen ohne Job. Das wären rund 65.000 mehr als im Juni, aber knapp 70.000 weniger als vor einem Jahr.

Mittelfristig sind die Volkswirte optimistisch

Ein Anstieg der Arbeitslosenzahlen im Juli ist nichts Ungewöhnliches. Zum einen beenden viele junge Leute ihre Ausbildung, ohne gleich eine neue Stelle zu finden; zum anderen verschieben viele Unternehmen die Einstellung neuer Mitarbeiter auf das Ende der Werksferien. Aber auch ohne diese jahreszeitlichen Effekte wäre die Zahl der Erwerbslosen im Juli nach Einschätzung der Experten zwischen 5000 und 15.000 gestiegen. Solche Anstiege weisen in der Regel darauf hin, dass derzeit der Einfluss der Konjunktur auf den Arbeitsmarkt abnimmt.

Mittelfristig beurteilen die meisten der befragten Bankenvolkswirte die Lage am deutschen Arbeitsmarkt vorsichtig optimistisch: In der aktuell leichten Abschwächung des seit fast drei Jahre dauernden Job-Booms sehen sie lediglich eine "Delle". Schon am Jahresende könnte der Arbeitsmarkt wieder in Schwung kommen.

jar/DPA / DPA