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Vorwürfe gegen Onlinehändler: Amazon, der Albtraum für Angestellte?

80 Stunden pro Woche, kein Urlaub – und wer Krebs hat, möge sich bitte zusammenreißen. Ganz normaler Arbeitsalltag bei Amazon? Eine Recherche legt unhaltbare Zustände offen - doch es gibt auch Kritik an den Enthüllungen.

Er ist der Chef: Jeff Bezos von Amazon

Stimmen die Vorwürfe der grausamen Arbeitsbedingungen gegen Amazon und seinen CEO Jeff Bezos? 

"Einmal, da habe ich vier Tage lang nicht geschlafen", erinnert sich Dina Vaccari. 2008 fing sie beim Versandhaus-Riesen Amazon an. Irgendwann kam Vaccari mit der Arbeit nicht mehr hinterher und beauftrage einen Freiberufler in Indien, der ihr unter die Arme greifen sollte. Von ihrem eigenen Geld.

Verrückt, könnte man denken, doch bei dem US-Unternehmen völlig normal. Jeff Bezos, Gründer und Eigentümer vom Amazon, stellt höchste Ansprüche an Top-Manager und Büroangestellte, berichtet die Tageszeitung "New York Times"

Amazon will Effizienz, auch im Büro

Dass die Arbeiter in den Lagerhallen Amazons ans Limit gepusht werden, ist nichts Neues – doch auch bei den Büroangestellten teste das Unternehmen die Grenze des Aushaltbaren, heißt es in dem "NYT"-Bericht. Die interne Telefonliste erklärt, wie man Feedback an die Vorgesetzten von Kollegen weitergibt. Ganz geheim. Am Ende des Jahres werden die Angestellten, die am schlechtesten performt haben, vor die Tür gesetzt. Ein nützliches Hilfsmittel, um Kollegen systematisch zu sabotieren, berichten Angestellte.

So, wie Elizabeth Willet, die für die US-Armee im Irak stationiert war. Willet war zunächst begeistert, einen Job bei einer so energiegeladenen Firma zu bekommen. Bis sie ein Kind bekam. Mit ihrem Chef einigte sie sich damals drauf, von 7 Uhr bis 16.30 Uhr zu arbeiten, ihr Kind aus der Kita zu holen und später am Laptop weiter zu arbeiten. Die Kollegen sahen nur, dass Willet früher ging – nicht, wann sie morgens am Schreibtisch saß. "Ich kann dich nicht verteidigen, wenn deine Kollegen sagen, du würdest deine Arbeit nicht machen", so ihr Chef damals. Willet verließ die Firma nach gut einem Jahr.

Kein Platz für den Faktor Mensch?

"Du kannst lang, hart oder klug arbeiten, aber bei Amazon.com reicht es nicht, nur zwei von dreien zu bedienen", schrieb Bezos schon 1997 in einem Brief an die Aktionäre. Man schleust eine große Anzahl Angestellter durch das Unternehmen, um die Superstars rauszufiltern und zu behalten. "Zielgerichteter Darwinismus", so ein ehemaliger Personalchef von Amazon. Doch der hat seinen Preis: Im Durchschnitt bleiben Mitarbeiter nur ein Jahr bei Amazon, ergab eine Studie im Jahr 2013.

"Du gehst aus dem Konferenzraum und siehst, wie ein erwachsener Mann sein Gesicht in den Händen verbirgt", erzählt Bo Olsen, der weniger als zwei Jahre im Buchvertrieb arbeitete. "Ich habe fast jede Person, mit der ich zusammengearbeitet habe, am Schreibtisch weinen gesehen."

Die "New York Times" berichtet von Frauen, die selbst an Krebs erkrankt waren und mit schlechten Bewertungen unter Druck gesetzt wurden. Eine andere Frau erlitt eine Fehlgeburt mit Zwillingen. Einen Tag nach der OP musste sie wieder auf Dienstreise.

Ein Sprecher von Amazon wies auf Anfrage der "New York Times" alle Vorwürfe zurück, dies sei nicht Amazons Art, mit Krisen der Angestellten umzugehen: "Wenn uns so etwas zu Ohren kommen würde, würden wir direkt eingreifen."

"Wer bei so einer Firma arbeiten würde, wäre verrückt"

Sind die beschriebenen Fälle nur vereinzelte Vorfälle? Kurz nach Erscheinen des Artikels meldet sich Bezos selbst bei seinen Angestellten. Das in dem Artikel beschriebene Amazon sei nicht der Arbeitsplatz, den er kennen würde. Er ermutige alle Kollegen, sich an Personalabteilung oder ihn direkt zu wenden, wenn Kollegen nach persönlichen Krisen oder Krankheiten schlecht und ohne Mitgefühl behandelt werden. "Wer in einer solchen Firma, wie von der New York Times beschrieben, arbeiten würde, wäre verrückt dort zu bleiben. Ich würde eine solche Firma verlassen", so Bezos in der Mail.

Inzwischen hat sich auch Jay Carney, Vizepräsident für internationale Angelegenheiten bei Amazon, im amerikanischen TV-Sender CBS zu Wort gemeldet: "Es ist ein unfassbar verlockender Arbeitsplatz", zitiert das Nachrichtenportal Politico den ehemaligen Sprecher des Weißen Hauses. "Das grundsätzliche Problem des Artikels ist die Unterstellung, eine Firma mit einer solch grausamen, darwinistischen Atmosphäre wie die 'New York Times' sie beschreibt, könne auf dem Markt überleben und wachsen." Amazon wäre nicht so erfolgreich, wenn es die Firma wäre, die die New York Times beschreibt. 

Nick Ciubotariu, Entwicklungsleiter und seit 2014 bei Amazon, kann die Vorwürfe nicht bestätigen. Man würde Mitarbeiter nicht gegeneinander aufhetzen, sondern – wie in jedem anderen Unternehmen auch – Ideen diskutieren.

Doch noch mehr eilen zur Ehrenrettung Amazons: Ex-Twitter-CEO Dick Costolo bezeichnet den Artikel als "aus dem Kontext gerissen" und als Zeichen, dass man durch Übertreibungen punkten möchte. Der Investor Marc Andreessen findet noch klarere Worte: Er habe mit Hunderten Amazon-Mitarbeitern gesprochen. In den vergangenen 20 Jahren sei niemand darunter gewesen, der das Unternehmen nicht für einen guten Arbeitsplatz hielt. 

law
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