Betriebsrätin Schramm-de Robertis So geht es heute bei Lidl zu


Der Spitzelskandal hat Lidl berüchtigt gemacht. Was hat sich seither verändert? Im stern.de-Interview spricht Betriebsrätin Ulrike Schramm-de Robertis über das Betriebsklima.

Frau Schramm de Robertis, vor knapp zwei Jahren hat der Spitzelskandal bei Lidl das Land erzürnt? Was hat sich seither bei Lidl geändert?

Die Mitarbeiter waren sehr enttäuscht, dass ihr Arbeitgeber so etwas macht. Lidl hat damals gemerkt: Wir können nicht alles tun, um an unser Ziel zu gelangen - nämlich Geld zu machen. An die Vorschriften beim Datenschutz halten sie sich seitdem. Zumindest in meiner Gesellschaft gibt es keine Kameraeinsätze mehr, Krankmeldungen liegen nicht mehr offen rum, Bewerberakten werden unter Verschluss gehalten.

In Ihrem Buch schreiben Sie, dass Sie Lidl früher jede Sauerei zugetraut haben. Gilt das immer noch?

Früher wurde ich von einem Chef erniedrigt, mein Selbstwertgefühl wurde zerstört. Er hat mich behandelt wie Dreck. Früher hatte ich Angst um mein Leben. Ich bin unliebsam geworden. Ich weiß nicht, ob sich Lidl wirklich geändert hat. Ich hoffe es.

Was hat sich denn im Alltag getan?

Heute wird darauf geachtet, dass die Führungskräfte auch fähig sind, Leute zu führen. Der Ton hat sich, zumindest in meiner Lidl-Gesellschaft, geändert. Aber ich bekomme manchmal noch Anrufe von Mitarbeiter aus anderen Bundesländern, die sich beschweren und fragen, wie sie sich wehren können. Es gibt noch ältere Führungskräfte, die nach dem alten System arbeiten und die nicht kapiert haben, dass man so nicht mit Mitarbeitern umspringen kann. Doch das geht langfristig schief.

Sie sind Betriebsrätin: Haben Sie diese Probleme auch den Lidl-Managern vorgetragen?

Ich habe die Herren in der Unternehmensspitze öfter darauf angesprochen und ihnen gesagt, dass sie das abstellen sollten, wenn sie nicht schon wieder einen Skandal wollen. Gehrig (der Lidl-Aufsichtsratschef, die Redaktion) hat nach dem Skandal ja auch gesagt, er habe nichts gegen Betriebsräte.

Glauben Sie ihm das?

Damals habe ich es geglaubt. Mittlerweile habe ich wieder Zweifel, denn Lidl will auf keinen Fall die Kontrolle verlieren. Ich denke, dass Lidl Betriebsräte nach wie vor nicht gerne sieht. Sonst hätten sie auch mal Regionalbetriebsräte wählen lassen.

Es gibt also nach wie vor ein "System Lidl"?

Als ich 2001 bei Lidl angefangen habe und diese Unterdrückung und die miesen Arbeitsbedingungen erlebt habe, dachte ich: Das ist die Schuld eines Verkaufsleiters. Aber mein nächster Vorgesetzter war genauso. Anderswo habe ich mit Lidl-Mitarbeitern gesprochen, die genau dasselbe erlebt haben. Ja, hinter diesen schlechten Arbeitsbedingungen steckte ein System - und es funktioniert offenbar in manchen Lidl-Regionen immer noch.

In Ihrer Filiale haben Sie 2004 einen Betriebsrat gegründet. Was hat sich für Sie und Ihre Kollegen verbessert?

Wir konnten uns wehren. Seitdem gehen wir nach acht Stunden Arbeit nach Hause. Früher hätten wir uns das nie getraut. Ich fühle mich wohl in meinem Team und arbeite gerne in meiner Filiale.

Sie haben vor Lidl schon bei dem Discounter Plus gearbeitet und kennen den deutschen Lebensmittelmarkt gut. Was muss sich ändern?

Bei den Discountern will jeder auf Teufel komm raus der Billigste sein. Man sieht es jetzt bei Netto. Die haben Plus aufgekauft, haben den größten Marktanteil und wollen alle anderen Discounter ausstechen. Viele Mitarbeiter werden scheinbar noch schlimmer behandelt als wir damals. Was wir schon erlebt haben, fängt dort möglicherweise erst an.

Wie kann dieser unmenschliche Wettbewerb gestoppt werden?

Die Politik ist gefragt. Der Mindestlohn ist ein entscheidender Punkt. Ich meine sogar, es müsste ein Mindesteinkommen her, damit jeder von seiner Arbeit leben kann. Es sollte zudem ein Gesetz geben, dass es bei größeren Unternehmen Betriebsräte geben muss.

Lidl hat sich jetzt für Mindestlohn eingesetzt. Was vermuten Sie dahinter?

Lidl zahlt im Gegensatz zu einigen anderen Wettbewerbern Tariflöhne. Die sind höher als Mindestlöhne. Deshalb ist Lidl natürlich für Mindestlöhne, damit die Konkurrenz nicht durch niedrige Löhne die Warenpreise drücken kann. Lidl kann dadurch nichts passieren. Für Lidl wäre es ein Gewinn, wenn die anderen zumindest den Mindestlohn zahlen würden.

Und was kann Lidl weiter unternehmen, um sein Image aufzupolieren?

Meiner Meinung nach kann sich Lidl langfristig nur gegen die Konkurrenz behaupten, wenn das Unternehmen faire Arbeitsbedingungen schafft - und zwar in allen Filialen.

Haben Sie Lidl-Gründer Dieter Schwarz mal kennengelernt?

Nein.

Was würden Sie ihm bei einem persönlichen Treffen sagen?

Ich würde ihm sagen: Sie haben ein supertolles Unternehmen aufgebaut. Aber Sie sollten es besser überwachen. Denn ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie sich Ihr Lebenswerk durch das schlimme Verhalten einiger Führungskräfte zerstören lassen wollen.

Sie beschreiben in ihrem Buch fast ausschließlich negative Erfahrungen im Job. Gab es denn auch ein positives Erlebnis bei Lidl?

Das war die Betriebsratswahl. Als wir danach vor die Filiale gegangen sind und eine Flasche Sekt aufgemacht haben, wussten wir: Jetzt ändert sich etwas - zumindest bei uns.

Malte Arnsperger

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