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Börse: Ausländer entern die Deutschland AG

Immer mehr ausländische Investoren mischen den deutschen Aktienmarkt auf - allen voran gewinnorientierte Private-Equity- und Hedge-Fonds. Rettung vor feindlichen Übernahmen suchen viele deutsche Firmen in China und Indien.

Von Elisabeth Atzler und Tim Bartz

Selbst sieben Jahre nach dem faktischen Ende der Deutschland AG ist die Internationalisierung der Dax-Aktionärsstruktur noch in vollem Gange. Vor allem angelsächsische Investoren kaufen sich verstärkt in die großen deutschen Konzerne ein. Ich gehe davon aus, dass die Internationalisierung weitergeht", sagt Thomas Licharz, Geschäftsführer der Deutsche-Bank-Tochter Registrar Services, die Firmen bei der Aktionärsbetreuung berät. Bei einem Großteil der Dax-Unternehmen sind deutsche Eigner inzwischen klar in der Minderheit.

Nach Zahlen des Datendienstleisters Factset hat sich der Anteil ausländischer Aktionäre allein von Ende 2002 bis Mitte 2006 von rund 25 auf etwa 40 Prozent erhöht, besonders stark engagieren sich US-Anleger. Auch der Anteil deutscher Portfolioinvestoren stieg in diesem Zeitraum, während der Teil der Großaktionäre und Insider stark sank - von 80 auf 60 Prozent. Die Bundesregierung hatte die Besteuerung von Veräußerungsgewinnen im Jahr 2000 aufgehoben. Seither haben sich vor allem Banken und Versicherungen weitgehend von ihren Industriebeteiligungen getrennt und so die über Jahrzehnte gewachsene Deutschland AG entflochten. Internationale Investoren, Private-Equity- und Hedge-Fonds steigen ein, zumal die Euro-Einführung Anlagen in Europa vereinfacht. Auch die aktuelle Dax-Hausse geht vor allem auf Ausländer zurück.

"Die meisten ausländischen Aktionäre kommen aus den USA, gefolgt von Großbritannien, Frankreich und Skandinavien", sagt Rene Wiedner vom Datendienstleister Thomson Financial. Oliver Linde, Geschäftsführer des Finanzdienstleisters Georgeson Shareholder Communications, erwartet vor allem mehr angelsächsische Anleger. "Die Kapitalstruktur internationalisiert sich. Insgesamt wird der Kapitalmarkt amerikanischer. Neu ist, dass Aktionäre aus Singapur oder Dubai regelmäßig in den Aktionärslisten erscheinen", sagt Linde.

Aktionärsstruktur zerfasert, Firmen verlieren an Eigenständigkeit

Für die Unternehmen ändert sich damit zum Teil auch der Umgang mit ihren Anteilseignern. "Viele ausländische Aktionäre haben eine angelsächsisch geprägte Erwartungshaltung", sagt Kay Bommer, Geschäftsführer des Deutschen Investor Relations Kreises (DIRK). "Oft haben diese Investoren ein Problem mit dem deutschen zweigliederigen System aus Aufsichtsrat und Vorstand. Sie gehen in einer sonst nicht gekannten Direktheit auf Aufsichtsräte zu." Dass ihre Aktionärsstruktur zerfasert, birgt für Firmen die Gefahr, ihre Eigenständigkeit zu verlieren - vor allem vor dem Hintergrund immer aggressiverer Übernahmestrategien. "Angesichts der Aggressivität ist eine atomisierte Aktionärsstruktur nicht wünschenswert", sagt Hermann Prelle, Leiter des deutschen Investmentbankings der Schweizer UBS. Manchem Private-Equity-Fonds reichten für eine Übernahme heute schon knapp mehr als 50 Prozent der Anteile eines Unternehmens - ein Ziel, das angesichts kleinteiliger Aktionärsstrukturen relativ leicht zu erreichen ist.

Zum Schutz vor feindlichen Angriffen wird künftig die Suche nach Kerninvestoren wichtiger. "Ein Unternehmen, das nur wenige Aktionäre hat, die aber zusammen gut 50 Prozent halten, ist weniger verwundbar", glaubt Prelle. Zu finden seien Kerninvestoren, die dem Unternehmen lange treu bleiben, verstärkt in Märkten wie China und Indien. Aktuelles Beispiel: der Einstieg des International Financial Centre aus Dubai bei der Deutschen Bank. "Das ist ein natürlicher Vorgang, davon werden wir noch viel mehr sehen", sagt Prelle.

*Free Float kann abweichen von Definition des Unternehmens, da die Angaben teilweise nicht auf 100 Prozent der Aktionäre bezogen sind, sondern auf Aussagen zum identifizierten Aktionärsanteil, der bei mindestens 60 Prozent liegt.

** wird durch Merck ersetzt.

FTD
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