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Unbefristeter Post-Streik: "Man muss doch von seiner Arbeit leben können"

Nach Bahn- und Kita-Streik sollte man meinen, dass die Deutschen es langsam satt haben. Nun kämpfen die Post-Mitarbeiter für bessere Verträge. Wir haben uns umgehört - und sind überrascht.

Von Beke Detlefsen und Gesa Steeger

Die Gewerkschaft Verdi hat die Beschäftigten der Deutschen Post zu einem unbefristeten Streik aufgerufen, wie hier im Briefzentrum Berlin-Tempelhof

Die Gewerkschaft Verdi hat die Beschäftigten der Deutschen Post zu einem unbefristeten Streik aufgerufen, wie hier im Briefzentrum Berlin-Tempelhof

Auf dem Innenhof der Verdi-Zentrale in Berlin-Mitte wimmelt es an diesem Dienstag von roten Verdi-Leibchen und blau-gelben Jacken mit Posthorn-Emblem. Rund 1.000 Post AG-Mitarbeiter haben sich hier versammelt, um ihren Arbeitskampf auf die nächste Stufe zu heben: Streik - und zwar unbefristet. Einer von ihnen ist Norbert D.. Zusammen mit seinen Kollegen fordert er: Mehr Kündigungsschutz, gleicher Lohn für alle und die Abschaffung befristeter Verträge.

Seit Montag sind die Briefträger im Streik. Ihre Befürchtung: Die Auslagerung der Paketzustellung auf Subunternehmen kommt bald auch auf die Briefzusteller zu. Für Norbert D. und seine Kollegen würde das bedeuten: 20 Prozent weniger Lohn, mehr Stunden, weniger Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Das findet der 54-jährige Berliner untragbar: "Man muss doch von seiner Arbeit leben können". Was für ihn bittere Zukunftsmusik ist, ist für die rund 6.000 Angestellten der 49 Post-Subunternehmen bereits der Status Quo. Je nach Vertrag bekommen sie bis zu 1.000 Euro weniger im Monat als ihre regulär angestellten Kollegen. Dass Gewerkschaft und Post AG sich bald einigen werden, glaubt Norbert D. nicht: "Die Fronten sind verhärtet. Wir richten uns auf einen längeren Arbeitskampf ein, leider."

"Das mit der GDL war schlimmer"

In der kleinen Postfiliale in der Brückenstraße in Berlin-Mitte ist von einem Arbeitskampf bisher nichts zu spüren, trotz der langen Schlange vor dem Tresen. "Hier dauert es immer Stunden", sagt eine wartende Kundin und verbessert sich danach: "Gut, vielleicht keine Stunden, aber lange warten muss man hier schon jedes Mal." Der dicke Umschlag in ihrer Hand enthält ein Geburtstagsgeschenk für eine Freundin. "Das sollte schon rechtzeitig ankomme", sagt sie. Generell stehe die junge Frau aber hinter den Streikenden: "Zu Weihnachten wäre ein langer Poststreik schon ärgerlich. Aber das mit der GDL war schlimmer und es ist nun einmal das gute Recht der Leute für eine angemessene Bezahlung zu kämpfen."

Auch eine andere Kundin, die in der Poststelle am Bahnhof Friedrichsstraße ihr Paket aufgibt, hat vom Streik der Post-Mitarbeiter bisher wenig mitbekommen. Das einzige was ihr auffällt: "Die Post landet nicht mehr jeden Tag pünktlich in meinem Briefkasten." Angst, dass ihre Sendung nicht rechtzeitig ankommt, hat sie nicht. "Ich habe gehört, dass nun extra Beamte eingesetzt werden, die die liegen gebliebenen Sendungen übernehmen. Das wird schon klappen."

2.500 Post-Mitarbeiter im Streik

Benita Unger, Postbeauftragte bei Verdi, sitzt auf einer Holzbank im Innenhof der Verdi-Zentrale und plant die weiteren Schritte: Nächste Woche Kundgebung in Leipzig, danach Demonstration in Berlin. Sie schätzt, dass bis Ende der Woche rund 2.500 Post-Mitarbeiter in Berlin und Brandenburg ihre Arbeit niederlegen werden, unbefristet. "Wir streiken so lange, bis die Post uns ein annehmbares Angebot macht", sagt Unger. Denjenigen, die auf ihren Briefen und Päckchen sitzen bleiben, rät sie zu Geduld und Verständnis. "Unser Arbeitskampf nutzt am Ende auch den Kunden." Die Arbeit mit Subunternehmen laufe oft chaotisch ab, sagt die Gewerkschaftssekretärin: "Da türmen sich schon mal die Pakete". Würden alle Lieferungen direkt über die Deutsche Post laufen, wären solche logistischen Probleme in Zukunft passé. Die letzte Verhandlungsrunde zwischen Post und Gewerkschaftssprechern ging vorherige Woche ohne Ergebnisse zu Ende. Zu einem erneuten Angebot von Verdi hat sich die Deutsche Post bisher nicht geäußert.

In der Postfiliale in der Friedrichstraße ist es derweilen ruhig. "Wir haben zwar registriert, dass die Kunden sich wegen ihren Sendungen sorgen", sagt ein Filialmitarbeiter. "Aber das machen sie immer. Egal, ob gestreikt wird oder nicht."