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Einkommensverteilung in Deutschland Ein Land fühlt sich arm


Fragt man Deutsche, wie sich das Einkommen im Land verteilt, antworten sie: "Ungerecht!" Doch sie irren sich: Es gibt weniger arme Menschen als gedacht und die Mittelschicht dominiert.

Klischees sollen ja immer einen Funken Wahrheit in sich tragen. So gelten die Deutschen beispielsweise als mürrische Miesepeter, die auf hohem Niveau nörgeln und Missstände sehen, wo gar keine sind. Folgt man der Klischee-Theorie und fragt Deutsche, wie sie sich die Einkommensverteilung im Land vorstellen, malen sie folgendes Szenario: Ein paar Bonzen und Großverdiener stehen an der Spitze, dahinter folgt eine Mittelschicht, die sich zunehmend auflöst und darunter stehen viele Menschen, die sehr wenig verdienen. Alle Vorurteile über Deutsche erfüllt - und doch irren sich die Befragten: Diese Ungleichheit beim Einkommen gibt es nicht. Die Verteilung im Land ist nicht so ungerecht, wie gedacht.

Mehr als die Hälfte der Deutschen glaubt, dass es ungerecht in Deutschland zugeht. Sie schätzen die Gruppe der Geringverdiener viel größer ein, als sie tatsächlich ist. Im Gegenzug verringern sie in ihrer Wahrnehmung die Mittelschicht - obwohl die Mehrheit der Menschen dazu zählt. Zu diesem Ergebnis kommt das eher arbeitgebernahe Institut der deutschen Wirtschaft Köln (IW), das die Verteilung von Einkommen in 24 Ländern untersucht hat und die Einwohner nach ihrer subjektiven Wahrnehmung der Lohnverteilung befragt hat. Allein in Deutschland wurde über 1300 Menschen befragt.

Aufgeteilt in sieben Einkommenskategorien erwarten die Deutschen, dass 25 Prozent ganz unten auf der Verdiensttreppe stehen. Zählt man die beiden unteren Einkommensklassen zusammen, glauben die Deutschen, dass 57 Prozent - also über die Hälfte aller Deutschen - im unteren Teil der Gesellschaft leben. Die Realität sieht aber anders aus: 32 Prozent aller Menschen in Deutschland verfügen über ein bereinigtes Monatseinkommen von bis zu 1255 Euro und zählen damit zur unteren Einkommensklasse. Über 48 Prozent verdienen bereinigt bis zu 2352 Euro im Monat und bilden damit den Kern der Mittelschicht. Großverdiener, die monatlich über 3921 Euro zur Verfügung haben, machen nur 3,3 Prozent der Bevölkerung aus. Die gefühlte Größe dieser Gruppe lag bei der Befragung bei acht Prozent. Diese kleine Gruppe erhält über 250 Prozent des Durchschnittseinkommens.

Falsche Einschätzung zum Einkommen

"Die Ergebnisse der Studie deuten darauf hin, dass in politischen Verteilungsdebatten oft nicht die Fakten zählen, sondern die gefühlte Wirklichkeit", sagt IW-Direktor Professor Michael Hüther. Auch in Deutschland seien Gerechtigkeitsdebatten wie jüngst zum Mindestlohn oder zur Mütterrente entsprechend kontraproduktiv. "Anstatt ein realistisches Bild zu zeichnen, bestätigen sie die Bevölkerung in ihrer falschen Einschätzung zur Einkommensverteilung."

Andere Länder haben diesen Unterschied zwischen realem Einkommen und subjektiver Wahrnehmung nicht. So entspricht die gefühlte Einkommensverteilung fast der realen in Belgien und in der Schweiz. Noch gerade bei der Verteilung von niedrigen und mittleren Einkommen tun sich auch unsere europäischen Nachbarn in Spanien, Portugal und in Frankreich schwer - und sie gehen von viel mehr Kleinstverdienern und einer schmalen Mittelschicht aus. Größter Ausreißer der Studie sind die USA: Sie gaben an, dass wohl rund 24 Prozent der Bevölkerung zur untersten Einkommensschicht gehören würden – dabei sind es tatsächlich über 32 Prozent, die maximal über ein monatliches Netto-Einkommen von rund 1000 Euro verfügen.

Katharina Grimm

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