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Finanzen: Flaute bringt Inkasso-Branche Arbeit

Jede Krise hat ihre Gewinner, und die jetzige beschert zumindest der Inkasso-Branche viele Aufträge. Weil die Zahlungsmoral sinkt, sehen Unternehmen darin oft den letzten Weg, um an ihr Geld zu kommen.

Die aktuelle Wirtschaftsflaute in Deutschland hilft zumindest der Inkasso-Branche, die von der steigenden Zahl klammer Haushalte und Unternehmen profitiert. Der Bundesverband Deutscher Inkasso-Unternehmen (BDIU) verzeichnet nach eigenen Angaben eine wachsende Nachfrage nach professioneller Hilfe beim Einziehen von Außenständen. Große Aufbruchstimmung ist dennoch nicht auszumachen. «Es wird immer schwieriger, an das Geld zu kommen», sagt BDIU-Vorstandssprecherin Gerti Hönings.

Zahlungsmoral am Boden

Konkret beklagt die Branche eine weiter sinkende Zahlungsmoral bei Unternehmen wie Privatpersonen. «Die Leute wollen alles haben, machen sich aber oft keine Gedanken, wie sie es bezahlen sollen», sagt Hönings. Die neue Stereoanlage, ein größeres Auto, horrende Handy-Rechnungen - Wege in die Schuldenfalle gibt es sehr viele. Die wachsende Arbeitslosigkeit sorgt dafür, dass die Zahl der von der Überschuldung bedrohten Menschen automatisch steigt. Mit fast 40.000 Euro stand jeder Haushalt nach Berechnungen des BDIU im vergangenen Jahr durchschnittlich in der Kreide. Der Verband rüffelt, dass in weiten Teilen der Bevölkerung, bei Unternehmen und öffentlichen Auftraggebern noch immer das Bewusstsein für die Folgen nicht oder nur schleppend bezahlter Rechnungen fehle.

Auch Unternehmen zahlen nicht pünktlich

Bei den Unternehmen habe aber auch die schwache Konjunktur eine Spirale in Gang gebracht, hatte BDIU-Präsident Dieter Plambeck bereits Ende vergangenen Jahres festgestellt. «Viele Unternehmen sehen sich (...) gezwungen, fällige Rechnungen hinauszuzögern - und schädigen so die finanzielle Sicherheit weiterer Unternehmen.» Das Wirtschaftsinformationsunternehmen Creditreform rechnet in diesem Jahr mit 40.000 Unternehmenspleiten - ähnlich viele hat es bereits 2002 hingerafft.

Vieles wird telefonisch geregelt

Bei allen Schwierigkeiten, an das Geld der Gläubiger zu kommen: Das Bild vom stiernackigen Geldeintreiber, der seinen Forderungen notfalls auch mit Gewalt Ausdruck verleiht, hat mit der Realität nichts zu tun, betont der BDIU. Auch ist der persönliche Besuch beim Schuldner längst nicht mehr die Regel: Vieles werde schon telefonisch geregelt, sagt Vorstandssprecherin Hönings.

Trend zu harten Bandagen

Dass es allerdings auch Interesse nach Schuldeneintreibern der härteren Sorte gibt, zeigen Angebote dubioser Firmen. Der BDIU warnt vor einem Trend zum illegalen so genannten «Russisch Inkasso» mit harten Bandagen, das vor allem in Ostdeutschland Konjunktur habe. Dort werde mit Parolen wie dieser gedroht: «Besser ist, sie zahlen und wir alle sind Freunde.» Das Bundeskriminalamt kann diesen angeblichen Trend zwar nicht bestätigen und spricht von Einzelfällen. Dass derartige Angebote dennoch nicht auf taube Ohren stoßen, zeigt der Versuch eines Schülers, der im Internet zum Schein «Russisch Inkasso» anbot. Es meldeten sich unter anderem ein Bauunternehmen, eine Hausfrau und eine Beratungsfirma.

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