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Fleisch-Skandal: "Die ganze Branche lebt damit"

Ein Insider der Fleischmafia erzählt, wie die Schiebereien funktionierten.

Fleischliche Rohstoffe für Tiernahrung sollen tonnenweise in den Lebensmittelbereich verschoben worden sein. Wundert Sie das?

Nein, denn die Kontrollen sind extrem lasch, es geht sehr einfach, und es lohnt sich.

Wie funktioniert das?

Man holt als Kategorie-3-Betrieb die Abfälle, die für Tiernahrung tauglich sind, aus dem Schlachthof. Da man nicht jedes Hühnergerippe und jede Schwarte stempeln kann, haben die Schlachthöfe die Abfallbehälter meist mit Klebebändern oder Zetteln als "Ware Kategorie 3, nicht für die menschliche Ernährung" gekennzeichnet. Die werden zunächst entfernt. Dann wird die Ware gefrostet oder gleich weitergehandelt. Auf dem Lieferschein wird einfach die Zulassungsnummer des Schlachthofs vermerkt, aus dem die Ware stammt. Dass sie dort in der Abfalltonne lag, steht natürlich nicht drauf. Damit ist der Kunde oder auch der Veterinär meist schon zufrieden.

Und wenn nicht?

Wird ein Genusstauglichkeitszeugnis verlangt, braucht man einen Partner, der eine Zulassung als Lebensmittelbetrieb hat und dessen Zulassungsnummer man verwendet. Damit wird ein Handelsdokument ausgestellt.

Wie viel Prozent der Ware, die als Tiernahrung die Schlachthöfe verlässt, taucht als Lebensmittel wieder auf?

Ich schätze, Karkassen über 70 Prozent. Innereien weniger, aber schlechte Lebern gehen relativ oft in Leberwurst. Bei halben Schweinen oder Rindern auch über 70 Prozent, bei Schweineschwarten ebenfalls. Schwarten sind gesucht, und der Markt ist klein.

Warum werfen Schlachthöfe die Schwarten in die Abfalltonne und behandeln sie nicht als Lebensmittel?

Das lohnt sich nur für die großen Höfe. In kleineren Schlachthöfen rentieren sich die zusätzlichen Hygieneanstrengungen nicht. Die Schlachthöfe haben nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie verwerten das Material aufwendig und sauber, oder sie lassen es teuer entsorgen. Zwischen das teure Verwerten und das teure Entsorgen tritt jetzt der Hundefutterbetrieb. Er sagt: Ich nehme dir das ab, ich zahle zwar wenig, aber dafür hast du keine Kosten. So sammeln die Hundefutterleute Karkassen und Schwarten zusammen und machen sie durch Umetikettieren lebensmitteltauglich.

Gibt es keine Kontrollen?

Sehr selten. Mit der Hygiene nimmt man es beim Tierfutter sowieso nicht so genau.

Kann man nicht die Mengen von Wareneingang und -ausgang vergleichen?

Anhand von Gewichten lässt sich kaum etwas kontrollieren, weil ein hoher Anteil an Blut und Wasser in den Boxen ist. Gefrorene Ware im Kühlhaus lässt sich eh schwer kontrollieren. Der Vergleich von Soll- und Istbeständen erfordert aufwendige Buchprüfung und Ausbeuteberechnung. Welcher Veterinär kann das?

Was muss sich ändern?

Zunächst Gesetze wirklich umsetzen. Es ist Vorschrift, dass jede Ware, die einen Schlachthof verlässt, ein Zeugnis über Genusstauglichkeit bekommt. Das passiert fast nie. Zweitens müsste das Bewusstsein der Veterinäre und Ermittlungsbehörden für die Möglichkeit solcher Verstöße geschärft werden. Drittens könnten die Empfänger die Waren mehr kontrollieren. Aber das setzt voraus, dass sie nicht stillschweigend einverstanden sind. Die meisten wissen ja, was da geliefert wird. Die ganze Branche lebt damit. Den meisten ist es egal, was sie wohin verkaufen. Hauptsache, am Ende stimmt die Kasse.

Interview: Georg Wedemeyer

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