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Geschäftsklima: WM-Euphorie beflügelt Wirtschaft

Die Stimmung der deutschen Unternehmer hat sich überraschend aufgehellt und ist so gut wie seit 15 Jahren nicht mehr. Die WM entzückt offenbar auch Manager. Experten rechnen mit einem echten Test aber erst nach dem Finale.

Die Erwartungen der Unternehmer für dieses Jahr verbessern sich. Der Ifo-Geschäftsklimaindex ist im Juni von 105,7 Punkte auf 106,8 Punkte, wie das Münchner Institut für Wirtschaftsforschung (Ifo) am Dienstag mitteilte. Die rund 7000 befragten Unternehmen bewerteten ihre aktuelle Situation besser als im Mai: Der Lageindex kletterte auf 109,4 von 107,3 Punkten. Auch ihre Geschäftsaussichten beurteilten die Firmen etwas optimistischer, der Erwartungsindex kletterte auf 104,2 von 104,0 Punkten. "Der konjunkturelle Aufschwung erweist sich damit erneut als robust", hieß es in einer Mitteilung des Ifo-Instituts. Die Situation in weiten Teilen der Wirtschaft bessere sich spürbar und deutlich, sagte Ifo-Experte Klaus Abberger der Nachrichtenagentur Reuters. Auch der Konsum belebe sich: "Wir erwarten eine weiterhin solide Entwicklung, die nach wie vor an Breite gewinnt."

"Unternehmen sind anscheinend schon im Finale"

Befragte Analysten hatten im Schnitt damit gerechnet, dass der Ifo-Index auf 105,0 Punkte sinken würde. "Das ist eine deutliche positive Überraschung", sagte Ralph Solveen von der Commerzbank. Sebastian Wanke von der Dekabank sagte, der Verlauf der Fußball-WM habe wohl die Stimmung der Unternehmen beflügelt: "Die vom Ifo-Institut befragten Unternehmen sind anscheinend schon im Finale." Der Anstieg sei ein Grund zur Euphorie, kommentierte Gerd Hassel von der BHF-Bank. Im zweiten Quartal werde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) kräftig wachsen.

Die Volkswirte sind sich jedoch einig, dass die Dynamik der Wirtschaft wegen der anstehenden Mehrwertsteuererhöhung im weiteren Verlauf des Jahres zurückgehen wird. Im kommenden Monat werde der Blick - nach der WM - stärker auf den Jahreswechsel gerichtet sein, wo wegen der Steuererhöhung ein deutlich schwächere privater Konsum zu erwarten sei, sagte Wanke: "Der eigentliche Lackmus-Test für den Ifo-Index steht im Juli an."

Spielräume für weitere Zinserhöhungen

Derzeit schiebe vor allem die Industrie, die von der boomenden Weltwirtschaft profitiert, die Konjunktur an, sagte Scheuerle. Allerdings waren die Exporterwartungen der Unternehmen im Juni etwas weniger optimistisch als im Mai. Die Laune bei den Einzelhändlern und im Baugewerbe verbesserte sich.

Angesichts der sich weiter aufhellenden Konjunktur in Deutschland sieht Abberger Spielräume für weitere Zinserhöhungen der Europäischen Zentralbank (EZB), allerdings sollten diese allenfalls in kleinen Schritten erfolgen: "Die Notwendigkeit von den Preisen her ist nicht so, dass man schnell und unmittelbar reagieren müsste."

Der überraschende Anstieg des Ifo-Index belastete den für die europäischen Rentenmärkte Richtung weisenden Bund-Future, der nach Veröffentlichung der Daten ins Minus drehte und neun Ticks tiefer bei 114,95 Zählern notierte. Der Euro stieg zeitweise über 1,26 Dollar.

Reuters / Reuters