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Interview mit Davos-Chef Schwab: "Das kapitalistische System passt nicht mehr in die Welt"

Die Gesellschaft hat die Exzesse im Finanzsystem zugelassen. Dadurch stellt sich das kapitalistische System selbst in Frage, sagt Davos-Chef Klaus Schwab.

Herr Schwab, Sie haben in diesen Tagen die Elite der Welt zu Gast. Hat sie versagt, indem sie die Gefahren des Finanzkapitalismus nicht rechtzeitig adressiert hat?
Die Realität ist komplexer, als Sie es in der Frage darstellen. Wir leben heute in einer vernetzten Welt, in der die alten Machtstrukturen längst nicht mehr gelten. Nur von "der Elite" zu sprechen ist daher ein zu sehr simplifiziertes Bild. Auf Grund von technologischen und wirtschaftlichen Entwicklungen haben sich die Machtzentren auf vielen Ebenen verschoben - es gibt viele neue Akteure, eine global vernetzte Wirtschaft, mehr Transparenz und auch mehr Möglichkeiten der Meinungsäusserung und Einflussnahme. Auch die Politiker haben versagt und letztlich wir alle, denn wir haben als Gesellschaft die Exzesse im Finanzsystem zugelassen. Wir haben es nicht rechtzeitig geschafft, die notwendigen Regeln zu etablieren, um eine Pervertierung des Systems zu verhindern. Man kann durchaus sagen, dass das kapitalistische System in seiner jetzigen Form nicht mehr in die heutige Welt passt.

Auch die Form, wie die Eliten mit autoritären Regimen umgehen, passt nicht mehr. Wurden die nicht viel zu lange verschämt geduldet?
Das ist ein gutes Beispiel, um die heutige Machtverschiebung zu beschreiben. Zum einen muss festgehalten werden: es gibt heute wesentlich mehr Demokratie als noch vor 40 Jahren; wir sprechen also von einem Trend, der schon seit längerem besteht. Durch die weite Verbreitung von Informationstechnologien ist es für autoritäre Regime überall in der Welt schwieriger geworden - man kann heute nicht mehr einfach von oben befehlen und erwarten, dass Entscheidungen durchgesetzt werden können. Die davon betroffenen Menschen müssen heute in Problemlösungen miteinbezogen werden.

Lösen die Graswurzelbewegungen die alten Eliten in ihrer Gestaltungshoheit ab?
Auch hier darf man die Dinge nicht vereinfachen. In der Tat, wir befinden uns in einem großen Umbruch. Durch den Fortschritt in der Informationstechnologie verschieben sich die Machtverhältnisse - Information, Macht und Einflussnahme sind heute weit verbreitet, aber auch diffuser. Selbst wer nicht zur Mittel- oder Oberschicht gehört, kann sich über die Welt informieren und integrieren. Insofern ergänzen Graswurzelbewegungen das Gesamtbild, in dem es immer mehr vernetzte und voneinander abhängige Stakeholder in der Welt gibt. Eine oft übersehene Gruppe ist die Jugend. 50 Prozent der Weltbevölkerung ist unter 27 Jahren.

Um Lösungen für unsere globalen Herausforderungen zu finden, müssen wir schon allein aus diesem Grund die Jugend auf allen Ebenen engagieren - lokal, regional, national und global - denn sie ist ein wesentlicher Bestandteil von dem großen gesellschaftlichen Umbruch, der sich heute vollzieht. Weil wir uns dieses wichtigen Trends bewusst sind, ziehen wir beim World Economic Forum seit Neuestem diese Altersgruppe in unsere Aktivitäten mit ein. So wird erstmals eine ausgewählte Gruppe von Jugendlichen - sogenannte "Global Shapers" - an unserem Jahrestreffen in Davos teilnehmen. So wird das Gesamtbild der heutigen Stakeholder und Entscheidungsträger besser vertreten sein und die Meinung der Jugend miteinbezogen.

Auf welche neuen Fragen müssen die etablierten Eliten eine Antwort finden?
In unserem vor Kurzem erschienenen Global Risks Report wird vor der Anfälligkeit der Welt gegenüber weiteren Wirtschaftsturbulenzen und sozialen Verwerfungen gewarnt, welche die mit der Globalisierung verbundenen Fortschritte untergraben könnte. Die chronische Schieflage von Staatshaushalten und massive Einkommensunterschiede wurden als diejenigen Risiken beurteilt, die uns in den kommenden zehn Jahren am ehesten belasten werden. Dazu kommt, dass die massive Zunahme der Zahl junger Menschen ohne Zukunftsaussichten, die wachsende Anzahl von Rentnern, die von den Zahlungen ihrer hoch verschuldeten Staaten abhängig sind, und die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich für zunehmende Verbitterung sorgen werden.

Haben Sie den Eindruck, die etablierten Eliten haben dafür die richtigen Instrumente?
Die heutigen Herausforderungen, die wir als globale Gemeinschaft nur gemeinsam lösen können, brauchen eine neue Herangehensweise, denn das alte System, das uns in die Krise geführt hat, hat längst ausgedient. Um mit dem rasanten Umbruch besser fertig zu werden, brauchen wir neue Modelle. Von unseren Führungskräften brauchen wir einen neuen Führungsstil, um mit dem Wandel umzugehen.

Welchen Stil meinen Sie?
Davos bietet Führungskräften aus Wirtschaft, Politik und Zivilgesellschaft ein Forum, um gemeinsam Modelle für neues Denken zu erarbeiten. Die Versuchung für Führungskräfte, angesichts der Vielzahl von Herausforderungen in eine Bunkermentalität zu verfallen und an alten Denkschablonen festzuhalten, ist in der Tat groß. Dabei ist es wichtig, eine gemeinsame Vision für die Zukunft zu schaffen, die sich an langfristigen Werten orientiert.

Und das kann Davos leisten?
Wenn in Davos der Anfang für einen solchen Führungsstil gemacht werden kann, dann wäre das bereits ein konkretes Ergebnis. Darüber hinaus werden im Programm zahlreiche Probleme angesprochen, die einer raschen Lösung bedürfen. Dazu gehören das Europroblem, die Gestaltung des arabischen Frühlings, die Schaffung von Arbeitsplätzen und viele mehr. Wie immer wird Davos auch eine Plattform zur Gründung von Partnerschaften zwischen Regierungen und Unternehmen - Public Private Partnerships - sein, die im Gesundheitssektor, im Umweltsektor und in vielen anderen Bereichen ganz konkret einen Beitrag zur Verbesserung der Welt leisten.

Leisten das nicht inzwischen die Demokratiekämpfer in der arabischen Welt und die Occupy-Bewegung?
Ich habe Verständnis für diese Bewegungen. Sie spiegeln den Frust wider, der sich in der Gesellschaft angesichts der Exzesse des Systems aufgestaut hat. Das System, das uns in die Krise geführt hat, ist längst überholt, aber wir verleugnen diese Realität zu unserem eigenen Nachteil; wir gehen schizophren mit der neuen Realität um und tun weiterhin so, als hätte sich nichts Grundlegendes geändert.

Sie sehen keine Gefahr?
Die Proteste werden dann gefährlich, wenn sie als Klassenkampf angesehen werden. Andererseits sind solche kritische Diskussionen in unserem Gesellschaftssystem durchaus notwendig, denn wir befinden uns bereits seit Jahren mitten in einem Systemwandel. Mehrfach in den vergangenen Jahren habe ich dies zum Ausdruck gebracht, wie zum Beispiel in meiner Eröffnungsrede 2009 in Davos: Wie konnte es dazu kommen, dass durch Gier oder Inkompetenz motivierte Entscheidungen jenseits aller Kontrollmechanismen getroffen werden konnten und dann schreckliche Konsequenzen zur Folge hatten?

Wenn diese Bewegungen also dazu dienen, diese Diskussionen anzustoßen, damit wir die notwendigen Korrekturen im System vornehmen, dann tun unsere Führungskräfte gut daran, Antworten auf die kritischen Fragen zu finden. Allerdings sollten auch diejenigen, die das System kritisieren, mit konstruktiven Vorschlägen darlegen, was besser gemacht werden kann.

Sven Clausen / FTD
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