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JAPAN: Konsumrausch in der Rezession

Kreditkarte sei Dank: Japans »Parasiten Singles« shoppen ohne Rücksicht auf Verluste - und ohne Rücksicht auf ihre tatsächliche finazielle Situation.

An modischen Kostümen herrscht bei Yasuko kein Mangel. Ganz im Gegenteil, ihr Kleiderschrank hängt bis zum Bersten voll damit. Sie weiß selbst nicht, wieviele sie hat. »Wenn mir etwas gefällt, muss ich sofort zuschlagen«, sagt die 32-jährige Japanerin. Bei Sonderangeboten kauft sie gleich so viel Kleider auf einmal, dass die Summe auf der Kreditkartenabrechnung fast ihr Gehalt übersteigt, wie sie der Zeitung »Asahi Shimbun« anvertraute. Die Eltern bekommen von ihr jedoch keinen einzigen Yen, obgleich ihre erwachsene Tochter noch immer bei ihnen wohnt und sich von ihnen versorgen lässt.

Exzessive Konsumfreudigkeit

»Parasaito shinguru«, Parasiten-Singles, werden junge Leute wie Yasuko in Japan genannt. Keine andere Verbrauchergruppe macht in der zweitgrößten Wirtschaftsnation derart von sich Reden. Kein Wunder, denn in trostlosen Zeiten wie diesen, da der private Finden sie so ein Konsumverhalten unverantwortlich? Erzählen Sie es im Wirtschaftsforum... Verbrauch als Japans größter Wirtschaftsfaktor noch immer vor sich hindümpelt, stechen »Parasiten-Singles« durch ihre exzessive Konsumfreudigkeit heraus. Es sind junge Leute in den 20ern und Anfang 30ern, die bereits im Berufsleben stehen, aber noch bei ihren Eltern wohnen.

Ohne die Eltern ginge nichts

Die Eltern tun praktisch alles für ihre Kinder. Vor allem die Mütter sind es, die ihre erwachsenen Kinder genauso rundum versorgen wie ihre Ehemänner. Sie waschen, kochen und bereiten das Bad, so dass sich der Rest ihrer Familie abends nur noch hinzusetzen braucht. »Ich weiß, dass meine Tochter nach der Arbeit in der Firma müde ist«, erzählt Yasukos Mutter Yoshie. Obgleich sie selbst nebenbei als Hausmeisterin arbeitet, übernimmt die 57-Jährige daher den gesamten Haushalt. »Vielleicht bin ich zu nachsichtig, aber wenn sie einmal heiratet, muss sie ja sowieso alles selbst machen«, meint Yoshie.

Unverheiratet aus Bequemlichkeit

Da »Parasiten Singles« aber letzlich auch aus Bequemlichkeit länger unverheiratet bleiben, macht sie der Soziologe Masahiro Yamada mit für die sinkende Geburtenrate verantwortlich. Yamada, der Autor des Buches »Die Zeit der Parasiten Singles« ist und den Begriff 1997 prägte, warnt denn auch vor Folgen für Gesellschaft und Wirtschaft. Die »Parasiten Singles« könnten sich allerdings auch positiv auf die Familienstrukturen auswirken. Ein Motiv für die Eltern ist denn auch die Hoffnung, dass die von ihnen verwöhnten Kinder sich später auch um sie kümmern. Yamada warnt jedoch vor der Abhängigheit, in die sich die jungen Menschen begäben. Wer nur mit Konsum beschäftigt sei, kümmere sich auch nicht um sozialen Wandel oder politische Reformen.

Nur der Einzelhandel freut sich

Der Einzelhandel freut sich dagegen über die »Parasiten Singles«, da sie die einzige Altersgruppe sind, deren Konsumausgaben steigen. Vor allem die der Frauen, während die Männer versuchen, möglichst viel von ihren geringen Anfangslöhnen für eine zukünftige Familie beiseite zu legen. Die Frauen können dagegen praktisch ihr ganzes Einkommen verprassen. So geben viele Unsummen für Handtaschen und andere Luxusartikel der begehrten Marken wie Louis Vuitton, Prada oder Tiffany aus. Soeben eröffnete Hermes auf Tokios berühmter Luxus-Einkaufsmeile ein neues Edelgeschäft - mitten in der Rezession.

Irgendwann erwischt es sie doch

Daneben machen junge »Parasiten Singles« wie die 32-jährige Yasuko aber auch regen Gebrauch von Sonderangeboten, Discountern und Second- Handgeschäften. Heiraten, meint Yasuko, möchte sie aber auch gerne. Ihre Freundinnen, die schon verheiratet seien, redeten nur noch über Wohnungen und Kinder. Da leidet zwangsläufig der Kontakt.

Lars Nicolaysen

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